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Ludovic Subran Der Reformdruck auf Frankreich muss bleiben

Der Chefvolkswirt des Kreditversicherers Euler Hermes fordert, den Franzosen mehr Zeit zu geben, ihr Haushaltsdefizit abzubauen. Der Ökonom rechnet mit mehr Firmenpleiten in Deutschland im kommenden Jahr.

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Euler Hermes Quelle: Presse

WirtschaftsWoche: Herr Subran, die EU-Kommission will Investitionen in Höhe von 315 Milliarden Euro in den kommenden drei Jahren anschieben. Kurbelt das die stagnierende Konjunktur in der Euro-Zone an?

Ludovic Subran: Das Paket ist ein Kompromiss zwischen Franzosen und Deutschen: der Juncker-Plan sieht vor, dass für staatlich geförderte Projekte private Investoren gefunden werden. Damit können beide Länder leben. Sicherlich bringt das Programm mehr Dynamik. Aber das genügt nicht. Wir können damit, wenn es funktioniert, gerade mal ein Wachstumsplus von 0,5 Prozent in der Euro-Zone erreichen.

Zur Person

Was hilft besser?

Wir brauchen gleiche wirtschaftliche Bedingungen für Unternehmen aus den Euro-Ländern. Die Diskussion darüber vermisse ich bei dem Juncker-Plan. Die Rahmenbedingungen etwa bei Arbeitskosten, bei der Steuergesetzgebung, bei der Finanzierung sind völlig unterschiedlich. Ein deutsches Unternehmen mag von seiner deutschen Bank problemlos Kapital zur Finanzierung von Investitionen erhalten, für die Niederlassung in Italien wird das schon viel schwieriger. Wie schließen wir diese Finanzierungslücke? Wenn wir hier gleiche Bedingungen für alle haben, dann hilft das den Unternehmen.

Frankreich und Italien sind doch selbst Schuld. Sie kommen mit wirtschaftlichen Reformen nicht voran und wollen nun auch noch mehr Zeit für die Haushaltsanpassung. Wie soll es weitergehen?

Wenn Frankreich sein Defizit in den nächsten drei Jahren um jährlich fast einen halben Prozentpunkt vom BIP reduziert, dann würgt dies die Nachfrage ab. Deutschland hat zur Jahrtausendwende gut fünf Jahre gebraucht, um sein Defizit um drei Prozent zu reduzieren. Frankreich und Italien sollen das in drei Jahren schaffen. Dieses Timing ist schlecht. Frankreich braucht dringend Reformen, keine Frage. Der Reformdruck muss aufrechterhalten werden, denn keiner will ein schwaches Frankreich in der Euro-Zone. Aber wir sollten nicht strikt an dieser Drei-Prozent-Defizitregel festhalten, sondern andere Wege finden, um der Wirtschaft zu helfen.

Deutschland verliert an Attraktivität
Deutschland gehört nach Einschätzung der Weltbank weiterhin zu den besten Standorten für Privatunternehmer, hat es aber auch dieses Jahr nicht unter die ersten zehn Länder der Welt geschafft. Im neuen Geschäftsklima-Bericht „Doing Business 2015“, der im Oktober veröffentlicht wurde, fiel die Bundesrepublik (im Bild: die Hamburger Landungsbrücken) einen Platz von Rang 13 auf 14 zurück. Quelle: dpa
Singapur konnte seine Spitzenposition als bester Standort für Privatunternehmer halten. In dem Stadt-Staat brauchen Unternehmer laut Index beispielsweise nur zweieinhalb Tage für eine Firmengründung. Quelle: dpa
Ganz am Ende der Tabelle der attraktivsten Standorte für Privatunternehmer rangieren Eritrea, Libyen und die Zentralafrikanische Republik. In Eritrea (Foto) brauchen Unternehmer laut Index durchschnittlich 84 Tage für eine Firmengründung. Quelle: REUTERS
Neben Singapur kürte die Weltbank erneut Neuseeland (im Bild die Skyline von Auckland) und Hongkong zu jenen Standorten, an denen Firmen am meisten Unterstützung bekommen und am wenigsten vom Staat behindert werden. Quelle: Reuters
Nach heftiger Kritik vor allem aus China (im Bild die Proteste in Hongkong) hatte die Weltbank ihre Ranking-Methoden zwar modifiziert, die Ergebnisse dürften aber auch diesmal wieder für Unmut bei einigen Regierungen führen. Quelle: dpa
Die Top Ten der besten Standorte für Privatunternehmer wird komplettiert von Dänemark, Südkorea, Norwegen, den USA, Großbritannien, Finnland und Australien mit seiner Metropole Sydney (Foto). Quelle: dpa
China als landete in der Länderwertung als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt nur auf Platz 90 von 189 Ländern und Regionen. Damit verbesserte sich das Land um drei Positionen. Quelle: AP

Welche?

Das Problem in Frankreich ist vor allem der Arbeitsmarkt. Wir müssen flexibler werden, die Arbeitskosten entsprechen nicht der Produktivität. Wir haben zu viele geschützte Berufe, es fehlt an Wettbewerb. Im Vergleich zu Deutschland sind die Arbeitskosten in Frankreich um bis zu 40 Prozent höher. Es fehlt den Unternehmen in Frankreich auch an innovativen Finanzierungsmöglichkeiten. Außer dem klassischen Bankenkredit gibt es nicht viel: wir haben zu wenig Wagniskapitalgeber, zu wenig Pensionsfonds, die ihr Kapital investieren wollen.

Insolvenzen in Deutschland drohen zu wachsen

Die OECD warnt vor einer neuen Rezession. Für wie wahrscheinlich halten sie ein Abrutschen in eine neue Krise?

Damit rechne ich nicht. Allerdings erwarten wir in Deutschland nur noch ein Wachstum von 1,2 Prozent in 2015.

Woran liegt’s?

Die schwache Konjunktur in den Euro-Ländern und eine schwächere Nachfrage in den typischen Exportländern gehen auch an Deutschland nicht spurlos vorbei. Ein zu großer Teil des Wachstums in Deutschland hängt vom Export ab, der Konsum im Land ist zu niedrig. Die schwache Nachfrage macht den deutschen Unternehmen zu schaffen. Erstmals seit Jahren rechnen wir im kommenden Jahr in Deutschland mit mehr Insolvenzen. Während in diesem Jahr die Zahl der insolventen Firmen in Deutschland insgesamt noch um sechs Prozent zurückgegangen sind, werden diese im kommenden Jahr um zwei Prozent auf voraussichtlich 24 979 Fälle zunehmen.

Welche Sektoren sind besonders betroffen?

Wir rechnen vor allem mit mehr Insolvenzen im Einzelhandel und bei solchen Unternehmen, die vom Export abhängen, vor allem solche die nach Russland exportieren. Die Krise in der Ukraine macht den deutschen Unternehmen zu schaffen. Auch in Russland selbst nimmt die Zahl der Insolvenzen 2015 zu. Wir rechnen dort mit einem Plus von zehn Prozent. Auch in China wird die Zahl der Unternehmen, die insolvent gehen um fünf Prozent zunehmen.

Aber im Vergleich steht Deutschland noch relativ gut da?

Das stimmt. Vor allem im Vergleich zu Frankreich. Dort erreichen wir in diesem Jahr eine Rekordzahl von Firmeninsolvenzen in Höhe von 62.000. Seit der Finanzkrise hat es das Land nicht geschafft, diesen Trend umzukehren. Auch in Spanien ist die Zahl der Firmeninsolvenzen rückläufig, wenn sie auch noch auf einem hohen Niveau liegt. In diesem Jahr liegt die Zahl der insolventen Firmen bei knapp 6000. Das sind aber immerhin 27 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Botschaft an Deutschland aber ist: ein Wirtschaftswachstum von knapp über einem Prozent reicht nicht, um den Trend zurückgehender Insolvenzen zu halten.

In Arbeit
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Dazu kommt: die Kosten für Insolvenzen haben seit der Krise in 2008 in Deutschland zugenommen. Lagen die durchschnittlichen Kosten 2008 noch bei 800.000 Euro, sind sie in diesem Jahr auf durchschnittlich 1,3 Millionen Euro gestiegen, weil die Unternehmen größer sind, die Pleite gehen – in diesem Jahr etwa die Hansa Group mit einem Umsatz von 80 Millionen Euro oder auch Weltbild und Strauss Innovationen. Der Wettbewerb deutscher Unternehmen untereinander wird härter. Und es kommen neue Konkurrenten vor allem aus den Euro-Ländern wie etwa Spanien hinzu, die langsam wieder wettbewerbsfähiger werden.

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