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Machtpoker in Brüssel

Grie! Chen! Land!

Die Tarifverhandlungen in Brüssel ziehen sich nun schon 60 Monate hin - was droht, ist kein Grexit, sondern ein politmedialer Ermüdungsbruch. Die Streikbereitschaft der Politik steigt. Die Erlösungsbereitschaft der Journalisten auch. Europa am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Die Folgen eines „Grexits“
Das Nationalgetränk der Griechen droht für einen normalen Arbeiter zum unbezahlbaren Luxusgut zu werden: Ein Frappé, also eine Nescafé mit Milch, Eiswürfeln und einem Strohhalm kostete kurz vor der Einführung des Euro etwa 100 Drachmen. Das entsprach damals rund 30 Euro-Cent. Als die Griechenland-Krise ausbrach, vor etwa sieben Jahren, kostete ein Frappé bereits zwischen 2,50 und drei Euro. Quelle: dpa
Noch im Laufe des Aprils muss Griechenland zwei Staatsanleihen im Wert von 2,4 Milliarden Euro an seine Gläubiger zurückzahlen. Im Mai werden weitere 2,8 Milliarden Euro fällig, von Juni bis August muss Athen noch einmal mehr als zwölf Milliarden Euro an Schulden zurückzahlen. Woher das Geld kommen soll, ist völlig unklar. Quelle: dpa
Die sozialen Probleme sind groß, die Renten wurden gekürzt, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Die Regierung Tsipras plant deshalb Steuererleichterungen und die Wiedereinstellung von Beamten. Allein diese Maßnahmen werden im laufenden Jahr nach Berechnungen der griechischen Regierung mindestens zwölf Milliarden Euro zusätzlich kosten. Quelle: dpa
Schon seit Wochen ist von einem „Grexit“ die Rede, dem Austritt Griechenlands aus der Währungsunion, vielleicht sogar verbunden mit einem drastischen Schuldenschnitt. Hinter der öffentlichen Spekulation könnte Absicht stecken. Quelle: ap
Würde eine neu eingeführte Drachme gegenüber dem Euro abwerten, könnte sich die griechische Regierung nach und nach leichter entschulden. Ein Austritt der Griechen aus dem Euro böte auch noch andere Vorteile: So würde die griechische Export-Wirtschaft von einer Abwertung der Landeswährung profitieren. Quelle: dpa
Besonders teuer würde ein „Grexit“ für Menschen mit geringem Einkommen und den Mittelstand mit Sparguthaben auf  griechischen Bankkonten, während das Geld reicher Griechen im Ausland unangetastet bliebe. Quelle: dpa
Die Gläubiger werden so oder so auf Reformen beharren. Für Tsipras kommt es deshalb eigentlich nur darauf an, seinen eigenen Wählern gegenüber eine möglichst gute Figur in den Verhandlungen abzugeben. Das gilt allerdings auch für seine europäischen Partner auf der anderen Seite des Verhandlungstisches. Für alle Beteiligten ist es wichtig, dass eine Lösung der griechischen Haushaltsprobleme möglichst wenige Kollateralschaden verursacht. Quelle: dpa

Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich schreiben soll. Alles ist vieldutzendfach gesagt, analysiert und kommentiert, in tausenden von Zeitungsseiten und Fernsehminuten aufbereitet worden. Ich kann das griechische Parlament nicht mehr sehen, die Wachsoldaten nicht mit ihren lustigen Schnabelschuhen und auch nicht mehr die blau-weiße Fahne, die der diensthabende ARD-Nachrichtenchef jeden Abend in den „Tagesthemen" aufziehen lässt. Ich kenne den Motorradhelm von Herrn Varoufakis, die Umarmungstechnik von Herrn Juncker - und bin ganz sicher, dass ich die Herren Schulz und Bosbach, stünden sie einmal leibhaftig vor der Tür, gleich rein bitten würde ins Wohnzimmer, so vertraut sind sie mir inzwischen geworden. Ich würde den beiden dann zeigen, dass ich all’ ihre Argumente sorgfältig im Zwischenspeicher meines iMac aufbewahre, um sie an Fälligkeitsterminen und Stichtagen ihrer aleatorisch-algorithmischen Bearbeitung überlassen zu können… - es sind dabei durchaus schon akzeptable Artikel heraus gekommen, die Sie bitte dem Archiv der WirtschaftsWoche entnehmen.

Wobei mir einfällt: Aus Sicht der Medienphilosophie, das wird in diesen Tagen gerne unterschlagen, ist Griechenlands regierungsamtlicher Dilettantismus ein Katalysator von Zukunft und Innovation. Tatsächlich sind wir Deutsche, Alexis Tsipras sei Dank, schon heute Echtzeitzeugen der erfolgreichen (De-)Materialisierung des Roboterjournalismus von morgen: Hologramme von Günter Jauch, Frank Plasberg, Anne Will und Maybrit Illner diskutieren allabendlich mit kalibrierten Bilddatenmengen, die den einzigen Nachteil haben, zuweilen noch Hans-Werner Sinn und Oskar Lafontaine ähnlich zu sehen. Was aber den Remix der Erklärungen, Entgegnungen und Empörungen anbetrifft, die Passgenauigkeit der angepixelten Anzüge und nicht zuletzt das gestisch-mimische Repertoire der (allmählich alternden!) Photoshop-Experten selbst, so haben ARD und ZDF in den vergangenen fünf Griechenland-Jahren eine Meisterschaft erreicht, die in weniger monothematischen Zeiten undenkbar gewesen wäre. Natürlich wissen auch die Zuschauer längst, dass diese Fernseh-Talk-Runden nicht wirklich stattfinden, sondern in Digitalien produziert werden, um sich von der Aufregung der Bit-und-Byte-Koryphäen beruhigen zu lassen. Politik im 21. Jahrhundert dient schließlich nicht der Lösung von Problemen, sondern der symbolischen Anzeige (und Simulation) ihrer Bearbeitung.

An Griechenland hängt mehr als nur der Euro

Für alle anderen, die nicht aufhören wollen, den „herrschaftsfreien Diskurs“ in Europa etwas anspruchsvoller zu denken, sind die so genannten „Qualitätszeitungen“ da. Sie zeichnen sich gegenüber den TV-Anstalten dadurch aus, dass sie sich nicht nur der restringierten Cods von Ökonomen und Politikern bedienen, sondern auch aus dem reichen Reservoir der klassischen Bildung schöpfen, um nichts Neues zum Thema beizutragen. Die Leser der „Qualitätszeitungen“ lassen sich besonders gerne von Geschichten unterhalten, die um Perikles, Homer und die Akropolis kreisen - oder zum Beispiel um das vierte Buch der Politeia, in dem uns Platon am Beispiel des Durstes vorführt, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Begehrungsvermögen des Dursthabenden und seinem Überlegungsvermögen, dem Durst aus guten Gründen nicht nachzugeben (Sigmund Freud hat das später Triebaufschub genannt). Um nun die Spannung zwischen dem Begehren und seiner vernunftmäßigen Beherrschung aufzuheben, führt Plation das Muthafte ein, das im „Bürgerkrieg, der sich in unserer Seele abspielt, die Waffen auf der Seite des Überlegungsvermögens“, ergreifen soll. Und - was bedeutet das? Nun, ganz einfach: Wenn Alexis Tsipras, mit Platon gesprochen, endlich seinen Gelddurst mäßigt… und wenn Angela Merkel, mit Platon gesprochen, zugleich den Mut aufbringt, ihren Gläubigerdurst zu mäßigen… - dann müsste es schon mit dem Teufel zugehen, wenn der Qualitätsjournalist daraus keinen Arbeitsnachweis extrahieren könnte.

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