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Machtpoker in Brüssel

Grie! Chen! Land!

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Wie steht es um die Idee Europas?

Die Frage ist nun, ob ich Ihnen einen kurzen Abstecher in Dantes Hölle ersparen soll, um dem Phänomen der Griechenland-Krise auf noch verschlungeneren Wegen näher zu kommen. Ganz ehrlich: Es wäre schade drum. Denn wissen Sie, wer ausgerechnet auf dem tiefsten Grund der Hölle, der Judecca, im neunten Kreis des Inferno, im 34. Gesang der Göttlichen Komödie, von Luzifer höchstpersönlich gequält wird? Es sind Judas, Brutus und Cassius - drei Personen, die sich, so Dante, das schlimmste denkbare Verbrechen haben zuschulden kommen lassen: Verrat ihrer Herren und Wohltäter. Und - sind wir damit nicht wirklich mittendrin im griechischen Dauerdrama, in dem Zucht- und Zahlmeister sich bezichtigen, heilige Prinzipien zu verletzen oder humanitäre Krisen zu verschulden - sich an der Idee Europa oder an seinen Menschen zu versündigen?

Die von Athen vorgeschlagenen Sparmaßnahmen

Ach, wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht einmal mehr, was ich denken soll. Im Gegensatz zu den Meinungsstarken und Gesinnungsfesten, die in den vergangenen fünf Jahren immer meinungsstärker und gesinnungsfester geworden sind, hat sich meine Urteilskraft zuletzt förmlich in Luft aufgelöst. Oder sagen wir es anders: Ich bin ganz entschieden der Meinung, dass in der Griechenland-Frage alle halbwegs recht haben. Muss man es wirklich noch einmal wiederholen? Die neue Regierung in Athen benimmt sich kindisch, präpotent, dreist, unprofessionell und nimmt nicht mal die Reformen in Angriff, die ihrer Ideologie entsprechen (Ultrareiche besteuern, Kapitalkontrollen einführen, Korruption bekämpfen) - aber sie ist demokratisch gewählt und hat einen Staat vorgefunden, den andere in den größten anzunehmenden Dreck gefahren haben. Eine Abwertung der Währung, eine Liberalisierung der Wirtschaft und haushalterische Disziplin wären vermutlich das ökonomisch Beste, was Griechenland passieren kann - aber natürlich kommt Griechenland ohne Schuldenerlass und Investitionsprogramme absehbar nicht auf die Beine.

Griechenland hat jahrelang von künstlich niedrigen Zinsen profitiert und seine Partnerländer systematisch über seine wirtschaftliche Schwäche hinweg getäuscht - aber die Europäer, speziell die Deutschen, haben sich auch systematisch täuschen lassen, weil sie „Europa“ politisch herbeizwingen wollten, es als Wert an sich verheiligt haben, koste es, was es wolle. Natürlich muss Griechenland seinen Verpflichtungen als Schuldner nachkommen und seinen Zeigefinger glaubhaft auf sich selbst richten, wenn es in osteuropäischen Reformländern mit seinen Sorgen auf Verständnis stoßen will - aber natürlich stimmt es auch, dass mit dem Gläubigerschutz im gegenwärtigen Geldsystem vor allem der Schutz einer Finanzindustrie gemeint ist, zu deren Agent sich auch die deutsche Politik längst degradiert hat.

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