Matteo Renzi Italiens Premier kritisiert deutsche Sparkassen

Matteo Renzi, der italienische Premier, hat Zweifel am deutschen Bankensystem. Ausgerechnet die Sparkassen und Volksbanken identifiziert er als die Übeltäter. Italienischen Banken seien dagegen deutlich stabiler.

Italiens Premier Matteo Renzi. Quelle: AP

Der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi hat Zweifel an der Stabilität des deutschen Bankensystems geäußert. Das größte italienische Institut Intesa San Paolo (derzeitige Marktkapitalisierung rund 53 Milliarden Euro) sei fast doppelt so viel wert wie die Deutsche Bank (31 Milliarden Euro), betonte Renzi bei einer Pressekonferenz in Brüssel.

Außerdem gebe es in Deutschland viele kleine Geldhäuser, die nicht von der Europäischen Zentralbank beaufsichtigt würden, sagte Renzi unter Anspielung auf Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken. "Wenn ich ein deutscher Amtsträger wäre, wäre ich darüber sehr besorgt."

Hier machen Banken Filialen dicht
Zehn Jahre lang hat die Sparkasse Wetzlar ihr Filialnetz nicht angefasst. Jetzt kommt der große Umbau: 15 von 49 Filialen will das Geldhaus aus dem hessischen Fachwerkstädtchen schließen, also gut 30 Prozent. 26 statt bisher 42 Geschäftsstellen sollen bis Ende 2016 noch mit Personal besetzt sein. „Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir auf geänderte Kundenanforderungen und betriebswirtschaftliche Belastungen reagieren müssen“, sagt Sparkassenchef Norbert Spory (im Bild). Quelle: Handelsblatt Online
Die Kunden gehen immer weniger in die Bankfiliale. Filialschließungen stoßen trotzdem oft auf Unmut. Zum Beispiel im Wetzlarer Ortsteil Garbenheim. Die Bürger sammelten Unterschriften gegen die Filialschließung, der Sparkassenchef musste seine Pläne im Ortsbeirat verteidigen. Immerhin: Bargeld abheben können die Garbenheimer Sparkassenkunden womöglich künftig bei einem Lebensmittelladen. Eine Reportage über das Filialsterben lesen Sie hier. Quelle: Handelsblatt Online
Zusammen kommen die 416 deutschen Sparkassen noch auf mehr als 12.000 mit Mitarbeitern besetzte Filialen. Vor zehn Jahren waren es noch rund 19.000. Es wurden also schon etliche Filialen geschlossen, im vergangenen Jahr allerdings schrumpfte die Zahl nur leicht. Das wird sich nach Einschätzung von Experten nun ändern. Sie gehen davon aus, dass etliche Sparkassen in den nächsten Jahren 20 bis 30 Prozent der Filialen streichen. Quelle: Handelsblatt Online
Die Sparkasse Duisburg feiert einmal im Jahr eine Gala (im Bild: Kabarettist Wolfgang Trepper). Doch für Schlagzeilen sorgte zuletzt, dass die Sparkasse Duisburg zwar mehr Geldautomaten aufstellen möchte – bis 2022 aber die Hälfte der mit Mitarbeitern besetzen Geschäftsstellen schließen, wie sie Ende Mai ankündigte. Das Institut verweist darauf, dass die heutige Filialdichte „in weiten Teilen aber dem Netz der 80iger Jahre“ entspreche. Damals allerdings hatte Duisburg noch mehr Einwohner als heute. Quelle: IMAGO
Im sächsischen Landtagswahlkampf spazierte Kanzlerin Angela Merkel im Sommer 2014 durch Annaberg-Buchholz – im Hintergrund eine Sparkassen-Filiale. Auch die Erzgebirgssparkasse dampft ihr Filialnetz ein. Nach der Fusion mehrerer Institute wurden binnen kurzer Zeit 38 von 95 Filialen geschlossen. Auch hier regte sich Protest. Immerhin: An Bargeld kommen die Kunden nun auch in 30 sogenannter Agenturen – oft Geschäfte, die im Auftrag der Sparkasse diese Dienstleistung übernommen haben. Darunter ist beispielsweise ein Fahrradladen. Quelle: dpa
Auch die Sparkasse Osnabrück will ihr Filialnetz ausdünnen. 17 von 58 Filialen sollen geschlossen werden. Investieren will das Geldhaus – wie andere Sparkassen auch – unter anderem in das Onlinebanking und in die Kundenbetreuung per Telefon und Chat. Trotzdem ist Sparkassenchef Johannes Hartig die Präsenz vor Ort wichtig. „Das Filialnetz ist und bleibt der genetische Code unserer Sparkasse!“, sagt er. Quelle: IMAGO
Zu den Sparkassen, die jetzt Filialen in größerem Stil streichen, gehört auch die Sparkasse Koblenz. Sie macht zehn von 48 Zweigstellen zu. „Wir müssen die Sparkasse jetzt so aufstellen, dass sie den geänderten Anforderungen unserer Kunden gerecht wird und für die künftigen Herausforderungen gewappnet ist. Wir dürfen nicht warten, bis es für eine positive Beeinflussung vielleicht zu spät ist“, sagt Sparkassenchef Matthias Nester. Trotzdem sind auch für ihn die Geschäftsstellen der „genetische Code unserer Sparkasse“. Quelle: IMAGO
Auch in Nienburg an der Weser stehen Filialschließungen bei Sparkasse und Volksbank an. Beide machten ihre Pläne sogar fast zeitglich bekannt. Die Volksbank Nienburg streicht sechs von 18 Geschäftsstellen, die Sparkasse Nienburg soll künftig 22 statt 33 Filialen mit Mitarbeitern haben. Daneben behält sie zehn Standorte mit Geldautomaten. In den Orten, wo es künftig keine Filialen mehr gibt, soll der Sparkassen-Bus Station machen. Der tourt bereits durch das Geschäftsgebiet. Quelle: IMAGO
Die Prognose, dass viele Filialen wegfallen werden, gilt auch für genossenschaftliche Institute, also Volks- und Raiffeisenbanken. Die Beratungsfirma Investors Marketing rechnet damit, dass die Zahl der Filialen bis 2020 um fast 18 Prozent auf dann rund 9500 fallen werde. Der Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken meint, dass deren Zahl binnen drei bis fünf Jahren um mehr als zehn Prozent sinken werde. Quelle: IMAGO
Bei allen privaten Banken fällt die Zahl der Filialen bis 2020 um 20 Prozent, schätzt Investors Marketing. Einige Geldhäuser haben entsprechende Pläne bereits bekanntgemacht – mit teils kräftigen Einschnitten. So will die Deutsche Bank von den derzeit 700 Filialen bis zu 200 streichen, also mehr als jede vierte. Das soll bis zum Jahr 2017 passieren. Quelle: IMAGO
Die Hypo-Vereinsbank ist der Trendsetter. Sie hat mit ihren Filialstreichungen längst begonnen. Die Tochter der italienischen Großbank Unicredit verzichtet künftig auf fast jede zweite der 580 Filialen. Die Bank mit Hauptsitz in München hatte im Sommer vergangenen Jahres angekündigt, sie werde 240 Standorte bis Ende 2015 zusammenlegen oder schließen. 1500 Stellen sollen zudem wegfallen. Sie will nun eine „echte Multikanalbank“ werden. Eine Reportage über das Filialsterben lesen Sie hier. Quelle: dpa

Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon wies die Kritik zurück. "Deutschland verfügt mit den Sparkassen und den Genossenschaftsbanken über zwei sehr stabile dezentrale Bankensysteme", sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. "Dem italienischen Mittelstand wäre sehr damit gedient, wenn es eine solche Struktur auch in Italien überall gäbe."

Renzi erklärte dagegen, die italienischen Banken seien derzeit wesentlich gesünder als die deutschen Geldhäuser. Er streitet mit Deutschland unter anderem über die Einführung eines einheitlichen europäischen Einlagensicherungssystems. Renzi befürwortet ein solches System, während es Deutschland strikt ablehnt. Deutsche Politiker und Banken fürchten, dass sie mit ihren Beiträgen ansonsten schwächelnden Geldhäusern in südeuropäischen Ländern zur Hilfe eilen müssen.

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