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May-Nachfolge Boris Johnson: Doch kein Schreckensgespenst für Brüssel?

Boris Johnson gilt als Top-Favorit für Theresa Mays Nachfolge bei Parteivorsitz und Premierministerposten Quelle: imago images

Infame Sprüche über die EU sind die Spezialdisziplin des britischen Ex-Außenministers Boris Johnson. Doch sollte er britischer Premier werden, würde das viele EU-Partner weniger ängstigen, als sein Image vermuten lässt.

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Was hat Boris Johnson über die EU nicht alles schon behauptet. Brüssel wolle einen Superstaat in Europa einrichten, wie es zuvor Hitler schon versucht hat, lautet einer seiner unhaltbaren Behauptungen. Mit der Wahrheit nimmt es der Konservative nicht so genau, wenn er die EU nur in einem möglichst schlechten Licht erscheinen lassen kann.

Ein britischer Premier Boris Johnson wäre für Entscheider in Brüssel und den EU-Hauptstädten kein Wunschpartner, um die Brexit-Verhandlungen fortzusetzen. Er wäre aber auch bei weitem nicht das Schreckensgespenst, das sein rüpelhafter Ruf suggerieren würde. „Wenigstens weiß er, wie die EU funktioniert“, sagt ein Diplomat in Brüssel. In seiner Zeit als britischer Außenminister von 2016 bis 2018 habe er mit den Außenministern der anderen EU-Staaten pragmatisch und konstruktiv zusammengearbeitet, erzählt ein EU-Botschafter. Öffentliche und nicht-öffentliche Auftritte fielen durchaus unterschiedlich aus.

Eine Begebenheit aus dem Spätjahr 2016 zeigt diese zwei Gesichter des Boris Johnson eindrucksvoll. Etliche Monate nach dem Brexit-Referendum fand sich Johnson in Brüssel zu einem Abendessen in kleiner Runde ein. Als ihn ein Gesprächspartner fragte, warum er für den Brexit geworben habe, entgegnete er: Wenn er gewusst hätte, dass seine Landsleute mehrheitlich für einen Austritt stimmen würden, dann hätte er auf den Wahlkampf verzichtet. Die Gesprächspartner waren verdutzt.

Das sind die möglichen May-Nachfolger
Ex-Außenminister Boris Johnson gilt als aussichtsreichster Kandidat. Quelle: dpa
Auch dem ehemaligen Brexit-Minister Dominic Raab werden Chancen auf den Top-Job ausgerechnet. Quelle: AP
Außenminister Jeremy Hunt hatte beim Brexit-Referendum 2016 gegen den EU-Austritt gestimmt, später aber eine Wandlung zum Brexiteer vollzogen Quelle: REUTERS
Auch der britische Gesundheitsminister Matt Hancock will Nachfolger der Premierministerin werden. Quelle: REUTERS
Umweltminister Michael Gove gilt als bestens vernetzt, nicht nur im britischen Parlament, sondern auch bei den Mächtigen in der Welt der Medien. Quelle: REUTERS
Auch Innenminister Sajid Javid wechselte nach dem Brexit-Referendum auf die Gewinner-Seite. Quelle: AP
Andrea Leadsom war nach dem Brexit-Referendum und dem Rücktritt von David Cameron 2016 neben Theresa May in die engere Auswahl als Parteichefin gekommen. Quelle: AP

Tories trauen Johnson den Exit vom Brexit zu

Die Geschichte ist aus zwei Gründen interessant. Einmal verdeutlicht sie, dass Johnson gerne den Volkstribun spielt, für Unruhe sorgt, seine Verantwortung nicht unbedingt abwägt. Gleichzeitig belegt das Eingeständnis aber auch, dass Johnson im Herzen ein „Remainer“ ist – und damit leben könnte, dass sein Land in der EU verbliebe. Dieser Aspekt ist nicht zu unterschätzen. Europa-Abgeordnete der Tories streuen bereits in Brüssel, Johnson könnte den Exit vom Brexit planen. Nachdem keine Variante des Brexits im Londoner Unterhaus bisher eine Mehrheit gefunden hat, wäre eine solche Kehrtwende durchaus eine Alternative zur aktuell verfahrenen Situation.

Johnson hat offenbar schon Andeutungen gemacht, dass er den Deal, den David Cameron mit der EU ausgehandelt hat, wieder auf den Verhandlungstisch bringen möchte, also die EU-Mitgliedschaft für Großbritannien mit ein paar speziellen Zugeständnissen. Natürlich wäre dann nicht vom Cameron-Deal die Rede, sondern vom Johnson-Deal.

Gerade wegen seines Images als „Bad Boy“ würde es Johnson vermutlich leichter fallen, den Bürgern eine solch radikale Kehrwende zu verkaufen. Mit seinem rebellisch wirren Haar wirkt er nicht wie einer, der sich von der EU über den Tisch ziehen lässt.

Würde sich der Rest der EU darauf einlassen? Natürlich müsste sich erst zeigen, ob Mitgliedsstaaten bereit wären, den Briten Sonderbedingungen zuzugestehen. Gleichzeitig gilt: Viele Länder wären erleichtert, wenn der Brexit abgeblasen würde. In Irland würde das Problem einer harten Grenze entfallen, Polen müsste sich keine Sorgen um die Rechte der Landsleute in Großbritannien machen, BMW und Airbus müssten sich nicht mehr um ihre Lieferkette sorgen.

Für die meisten Länder in der EU bleibt ein harter Brexit ein Szenario, das es tunlichst zu vermeiden gilt. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat das öffentlich deutlich gemacht. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gibt sich nach außen gerne hart und spricht davon, dass seine Geduld mit den Briten am Ende sei. In Wirklichkeit fürchtet er die ökonomischen Folgen eines Brexits. Intern gehörte er zu den größten Befürwortern eines Aufschubs der Brexit-Frist auf Ende Oktober zugunsten der Briten.

Johnson müsste sich das Vertrauen seiner europäischen Verhandlungspartner erst noch erwerben. Bereits jetzt steht allerdings fest, dass niemand in Brüssel Theresa May nachtrauern wird. Wie jedem Neuling würden die Gesprächspartner Johnson eine Chance geben. Und die könnte deutlich größer ausfallen, als es derzeit den Anschein hat.

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