McKinsey-Studie Wie Europa sein Wachstumspotenzial ausschöpfen kann

Um Europa ist es besser bestellt, als viele glauben. Mitarbeiter von McKinsey haben in einer Studie Reformvorschläge herausgearbeitet, mit denen das europäische Wachstumspotenzial entfaltet werden kann.

Mit Europa könnte es bald wieder bergauf gehen. Quelle: dpa

Um Europa könnte es besser stehen, als die Krisenstimmung glauben lässt. Während in den Medien vor allem Grexit und Brexit durchexerziert werden, werde das europäische Wachstumspotenzial, die immer noch hohe Lebensqualität und die große Wirtschaftskraft außer Acht gelassen, wie das McKinsey Global Institute in seiner Studie „A window of opportunity for Europe“ schreibt.

„Manche Beobachter haben Europa schon abgeschrieben. Das ist ein Fehler“, sagt Eckart Windhagen, einer der Autoren der Studie. Demnach könnten laut der Unternehmensberatung McKinsey bis 2025 bis zu 20 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden und die Wirtschaft könnte um 4,5 Billionen Euro wachsen.

Starker Norden, schwacher Rest
Platz 81 - Griechenland:Griechenland ist am härtesten von der Euro-Krise getroffen worden – überwunden hat es sie noch lange nicht. Der griechische Gütermarkt liegt weltweit auf Platz 85, was zum einen an dem schwachen Wettbewerb liegt (Rang 71) und zum andern an dem unflexiblen Arbeitsmarkt (Rang 118). Nichtsdestotrotz fruchten die Reformen: Das Haushaltsdefizit hat sich verringert. Will Griechenland wieder wettbewerbsfähig werden, ist die Arbeit damit aber noch lange nicht getan. Griechenlands Institutionen sind nach wie vor ineffizient, ebenso die Regierung (Rang 129). Der Finanzmarkt hat sich von der Krise bis heute nicht erholt (Rang 130), genau so wenig der Bankensektor (Rang 141). Der Zugang zu Krediten gehört zu einem der größten Probleme der griechischen Wirtschaft (Rang 136). Die Innovationsfähigkeit Griechenlands (Rang 109) und das Bildungssystem (Rang 111) sind ebenfalls große Baustellen. Es ist noch viel zu tun. Quelle: dpa
Platz 49 - Italien:Weit vor Griechenland aber immer noch weit entfernt von einer Topplatzierung liegt Europas drittgrößte Volkswirtschaft: Italien. Die staatlichen Institutionen gelten als ineffizient (Rang 106) genau so wie die Arbeit der Regierung (Rang 143). Der Arbeitsmarkt ist unflexibel und trägt nicht zum Aufschwung bei (Rang 136). Auch finanziell läuft es in Italien nicht besonders gut. Die Unternehmen leiden nach wie vor unter den Schwierigkeiten, an frisches Geld zu kommen (Rang 139) und an den hohen Steuern (Rang 134). Italien hat Reformen dringend nötig, die helfen, seine guten Voraussetzungen zu nutzen. Es verfügt über starke Unternehmen (Rang 25), die ein nicht zu verachtenswertes Innovationspotenzial haben (Rang 39) und sich auf wettbewerbsintensiven Märkten messen (Rang 12). Solange Italien aber nicht die notwendigen Reformen umsetzt, wird es sein Potenzial nicht umsetzen können und weiter wenig wettbewerbsfähig sein. Quelle: dpa
Platz 36 - Portugal:Die Probleme der Banco Espirito Santo rufen den Portugiesen die beinahe überwunden geglaubte Finanzkrise zurück in die Erinnerung. Entmutigen lassen sollte sich das Land davon aber nicht. Ganze 15 Ränge ist es seit dem vergangen Jahr aufgestiegen, was zeigt, dass die ambitionierten Reformen wirken. Der Arbeitsmarkt ist flexibler geworden (Rang 119) – allerdings ist hier noch einiges zu tun. Weiter aufbauen kann Portugal auf seine starke Infrastruktur (Rang 18) und seine gut ausgebildeten Arbeitskräfte (Rang 29). Die Konzerne in Portugal haben allerdings nach wie vor ein Schuldenproblem (Rang 129), ebenso der Staat selbst (Rang 138). Der Finanzsektor hat sich bis jetzt nur minimal erholt (Rang 104), weswegen der Zugang zu Krediten weiter eingeschränkt ist (Rang 108). Der Arbeitsmarkt muss flexibler werden (Rang 40) und an der Innovationsfähigkeit muss auch weiter gearbeitet werden (Rang 37). Trotzdem sehen die Autoren Portugal auf einem guten Weg. Quelle: REUTERS
Platz 35 - Spanien: Auch Spanien loben die Autoren. Hier zeigen die Reformen erste Wirkungen. Das Haushaltsdefizit ist zwar nach wie vor hoch, aber gesunken (Rang 128). Der Finanzsektor ist robuster geworden (Rang 85), der Arbeitsmarkt flexibler (Rang 120) – in beiden Bereichen ist aber noch viel Luft nach oben. Die staatlichen Institutionen gelten als korrupt (Rang 80) und die Regierung als ineffizient (Rang 105). Trotzdem profitiert Spanien von seiner exzellenten Infrastruktur (Rang 6) und einer gebildeten Bevölkerung (Rang 8). Würde der Arbeitsmarkt besser funktionieren (Rang 120), könnte Spanien diese Potenziale noch weiter ausschöpfen. Auch das Innovationspotenzial Spaniens ist ausbaufähig (Rang 60) – zum Beispiel durch höhere Investitionen in die Forschung (Rang 52). Quelle: REUTERS
Platz 29 - Estland: Estland ist nicht nur eines der jüngsten Euro-Länder, sondern auch, was die Wettbewerbsfähigkeit angeht, das stärkste osteuropäische Land. Das liegt vor allem daran, dass Estlands Arbeitsmarkt effizienter ist als der anderer Länder in der Region (Rang 11). Daneben glänzt Estland mit einem starken Bildungs- und Ausbildungssystem (Rang 20), was hoffen lässt, dass Estland sein Innovationspotenzial (Rang 30) weiter ausbaut. Auch in die Infrastruktur sollten die Esten laut den Autoren deutlich mehr investieren (Rang 38), denn sie liegt weit unter dem westeuropäischen Standards (Rang 58). Quelle: dpa
Platz 25 - Irland:Als Enda Kenny 2011 irischer Ministerpräsident wurde, hatte er alle Hand voll zu tun. Irland hatte die Finanzkrise übel mitgespielt. Immer noch ist die finanzielle Lage Irlands nicht gut und die Staatsverschuldung hoch (Rang 130). Dafür funktionieren der Güter- (Rang 10) und der Arbeitsmarkt (Rang 18) hervorragend, was sich auf lange Zeit auszahlen wird. Die Unternehmen sind innovativ (Rang 20) und technologisch gut ausgestattet (Rang 12). In Kombination mit dem exzellenten Bildungs- und Ausbildungssystem (Rang 8) und einer jungen Bevölkerung, werden diese Faktoren dazu führen, dass Irlands Wettbewerbsfähigkeit weiter zunimmt und weiter zu den führenden Euro-Staaten aufschließt. Quelle: dapd
Platz 23 - Frankreich:Europas zweitgrößte Volkswirtschaft bereitet den Europäern schon länger Sorgen. Als Frankreichs Präsident François Hollande gewählt wurde, versprach er den Umbruch: Er wollte Unternehmens-freundliche Reformen umsetzen, um Wirtschaftswachstum zu schaffen und die Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Auf Frankreichs Arbeitsmarkt hat sich bis dato allerdings wenig verändert (Rang 61, vorher: Rang 71). Die hohe Staatsverschuldung hat dazu geführt, das Frankreichs Kreditwürdigkeit herabgestuft wurde. Nichtsdestotrotz besteht für Frankreich nach wie vor Hoffnung. Die Infrastruktur gehört zu den besten der Welt. Auch in puncto Bildung schneidet Frankreich gut ab, was Frankreich hohes technologisches Potenzial auch künftig befördern wird (Rang 17). Zudem bietet Frankreich ein gutes Umfeld für Innovationen. Trotzdem läuft etwas schief. Der Abstand zu Ländern wie Irland wird kleiner. Quelle: dpa

Für die Studie hat McKinsey die wirtschaftliche Entwicklung in den 28 EU-Ländern sowie in der Schweiz und Norwegen untersucht und dabei Reformmaßnahmen identifiziert, die in einzelnen Ländern bereits funktioniert haben und auf gesamteuropäischer Ebene das jährliche Wirtschaftswachstum um zwei bis drei Prozent erhöhen könnten.

Vonnöten dafür seien konsequente Reformen, gezielte staatliche Investitionen sowie Lohnerhöhungen und Anpassungen im Steuerrecht. So könnte das europäische Wachstumspotenzial, das durchaus vorhanden sei, ausgeschöpft werden. Die Voraussetzungen für Reformen seien aktuell denkbar gut.

Der stark gesunkene Ölpreis, die niedrigen Zinsen und der schwache Euro bieten laut den Autoren beste Wachstumschancen, da die europäischen Produkte so im Ausland aktuell billiger angeboten werden könnten. „Diese drei Effekte werden allerdings nicht dauerhaft anhalten“, so Windhagen.

Das spricht für eine anziehende Konjunktur

Umso nötiger seien Reformen. Den größten Einfluss hätten laut McKinsey Maßnahmen, die den grenzüberschreitenden Markt von Dienstleistungen und Digitalangeboten förderten. Damit könnte die europäische Wirtschaftsleistung um 850 Milliarden Euro wachsen. Ähnlich effizient sei es, ältere Menschen, Frauen und Zuwanderer stärker in die nationalen Arbeitsmärkte zu integrieren.

Weiter fordern die Autoren eine bessere Abstimmung von universitärer und beruflicher Ausbildung auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts. Auch in Deutschland sei das nötig. Insgesamt könne diese Maßnahme der EU ein Wachstum von 460 Milliarden Euro bescheren.

Auch längere Lebensarbeitszeiten sowie mehr Freihandel stehen auf der Reformliste von McKinsey. Individuell müsse in jedem Land zudem geprüft werden, ob Veränderungen in der Tarifpolitik und damit einhergehende höhere Löhne und niedrigere Steuern die Nachfrage stärkten.

Positiv auf die Nachfrage soll sich auch eine schwächere Besteuerung niedrigerer und mittlerer Gehälter auswirken. Denn ärmere Haushalte würden einen Großteil ihres Einkommens gleich wieder ausgeben und so die Wirtschaft stärker antreiben als etwa ältere Menschen, die ihr Vermögen auf die hohe Kante legen.

Da ebenjene ältere Menschen einen überproportionalen Anteil des europäischen Gesamtvermögens besäßen, sollten Instrumente wie eine höhere Erbschaftssteuer dafür sorgen, dass sie ihr Geld entweder zu Lebzeiten ausgeben oder es frühzeitig in Form von Schenkungen an ihre Nachfahren weiterreichen.

In Arbeit
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Ein Gros der Reformen könne auf nationaler Ebene durchgesetzt werden und damit verbunden 75 Prozent des möglichen Wachstums – nur für ein Viertel sei die EU-Ebene verantwortlich.

Dass solche Reformen auch Anklang innerhalb der Bevölkerung finden, hat McKinsey mittels einer Umfrage belegt. 16.000 Europäer in acht Ländern – darunter auch Deutschland – wurden befragt. Das Ergebnis: Für mehr Wachstum und eine höhere Chance auf persönlichen Wohlstand, sei "ein Großteil" der Befragten bereit, Reformen hinzunehmen.

Für ein höheres Einkommen, eine bessere Gesundheitsvorsorge, mehr Bildung, Sicherheit und höhere Umweltstandards würden sie sogar 1,8 Stunden mehr pro Woche arbeiten.

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