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Mehr Insolvenzen in der Türkei Erdogan, Präsident der Krise

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Insolvenzen in der Türkei werden verschleppt

Am Ende haben Volkswirtschaften mit hohen Fremdwährungsschulden immer nur die Wahl zwischen zwei Übeln, um sich aus dem Schlamassel fauler Kredite zu befreien: Inflation oder Deflation. Der letztere Weg ist schmerzhafter, und wird selten freiwillig gewählt; siehe Griechenland. Denn damit verbunden sind Firmenpleiten, Entlassungen und eine Rezession. Es ist der schmerzhafte, aber oft der nachhaltigere Weg. Eine inflationäre Bekämpfung der Krise verschiebt die Probleme: Das Wachstum bleibt hoch, Entlassungen und Insolvenzen werden verschleppt. Durch die Abwertung gleicht sich auch das Leistungsbilanzdefizit aus, und Exporteure legen zu.

Den Preis dafür zahlt zunächst die Bevölkerung, die mehr Geld für Lebensmittel ausgeben muss. Die türkischen Konsumenten gelten als krisenresilient. Zwar beschwert sich jeder Taxifahrer über gestiegene Preise für Zwiebeln und Zigaretten, doch viele können sich noch gut an die Zeiten um die Jahrtausendwende erinnern, als die Inflation auf 90 Prozent geklettert war. Das änderte sich erst mit Regierungsantritt der AKP, weshalb viele Erdogan und seiner Partei nach wie vor eine große Wirtschaftskompetenz zuschreiben. Letztlich hoffen die Akteure, die Wirtschaft könne noch einmal aus der Krise herauswachsen. Ein gefährliches Spiel, das schnell außer Kontrolle geraten kann.

Thilo Pahl, Geschäftsführer der deutschen Handelskammer, hat sein Amt in mitten der Krise angetreten. Seit Juli vertritt der die Interessen deutscher Unternehmer in Tarabiya, einem ehemaligen Vorort von Istanbul. Das Gebäude, ein weißes Holzhaus direkt am Ufer des Bosphorus, war einst ein Geschenk des Sultans an den deutschen Kaiser Wilhelm II. Pahl ist vorsichtig. Ja, die schlimmsten Befürchtungen seien zunächst nicht eingetreten, sagt er. „Die Mehrheit der deutschen Unternehmen rechnet mit Umsatzrückgängen, aber knapp ein Drittel sieht die Krise auch als Chance.“

Allerdings könne der Türkei das Schlimmste noch bevorstehen. Die Inflation liegt im Moment bei 25 Prozent. Die Erzeugerpreise der Industrie, ein Vorlaufindikator für die Konsumentenpreise, aber liegt bei 45 Prozent. Sorgen macht Pahl auch der massive Einbruch der Pkw-Verkäufe. Die brachen im Oktober im Vergleich zum Vormonat um 76 Prozent ein. Auf Jahresbasis kauften die Türken rund 30 Prozent weniger Autos. All das sind Zahlen, die darauf hindeuten, dass die Krise längst noch nicht ausgestanden ist.

Darauf deuten auch Erlässe der Regierung hin. Seit der neuen Präsidialverfassung haben Dekrete Gesetzeskraft. Eines davon sorgte im September für große Unruhe unter den deutschen Unternehmern. Demnach müssen Firmen 80 Prozent ihrer Exporterlöse in Lira umtauschen. Das ist ein Sargnagel für zahlreiche exportorientierte Unternehmen in der Türkei. Später wurde dann klar, dass die Erlöse wieder zurückgetauscht werden können. Ein weiterer Erlass betrifft die Bilanzierung: Verluste in Fremdwährungsschulden müssen in der Bilanz nicht ausgewiesen werden. Das dürfte tausende von türkischen Unternehmen vor der technischen Insolvenz bewahren.

Eine türkische Zeitung berichtete unlängst von einer ganz anderen Zahl: Demnach sollen rund 3000 türkische Betriebe Insolvenz angemeldet haben. Dazu zählen aber wahrscheinlich auch solche, die unter eine Art staatlichen Rettungsschirm geschlüpft sind, also technisch insolvent sind, aber nicht so genannt werden. Nur: Das Problem wird dadurch eben nur verschoben.

Wie hoch die Zahl nun tatsächlich ist, weiß im Moment niemand. Dass eine Rezession, oder zumindest ein konjunktureller Einbruch bevorsteht, bestreitet mittlerweile auch in der Regierung Erdogan niemand mehr. Es stellt sich die Frage: Kann die Krise beherrschbar bleiben, oder gerät sie außer Kontrolle?

Die Antwort liegt bei der türkischen Zentralbank und dem Präsidenten.

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