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Merkel in der Türkei Die realistische Idealistin

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Unbehagliche neue Freundschaft

Kein Wunder, dass Kritiker Merkel vorwarfen, Erdoğan und seine Regierungspartei AKP kurz vor der türkischen Parlamentswahl aufzuwerten – so sehr, dass Grünen-Chef Cem Özdemir der Kanzlerin unerwünschte Wahlkampfhilfe vorwarf. "Ich will keine deutsche Bundeskanzlerin, die Wahlkampf macht für einen autoritären Herrscher", sagte Özdemir. "Erdoğan ist doch nicht die Lösung der Probleme, sondern Erdoğan ist eine personifizierte Fluchtursache durch die Politik, für die er steht."

Doch ist Merkel Realistin genug, um zu wissen, dass diese unbehagliche neue Freundschaft erst einmal ihre einzige Option ist. Aber sie befindet sich in einem bemerkenswerten doppelten Zwiespalt. Die Gesinnungsethik daheim, die Fixierung auf "Wir schaffen das", könnte bald an ihre Grenzen stoßen, das zeigt schon der Widerstand in ihrer eigenen Partei: Unionsabgeordnete wagten vorige Woche in einer bemerkenswerten Fraktionssitzung den bislang offensten und aggressivsten Widerstand gegen den Kurs der Kanzlerin.

Doch auch ihre pragmatische Verantwortungsethik mit Blick auf die Türkei könnte an ihre Grenzen stoßen, schließlich darf sie bei allem Pragmatismus nicht vergessen: Wer den weiteren Strom von politischen Flüchtlingen aus der Türkei verhindern will, darf die innenpolitischen Fragen im Gespräch mit Erdogan nicht ignorieren – so wie sie es am Sonntag vermutlich tat, denn auch Gespräche mit Oppositionsvertretern standen nicht auf der Tagesordnung.

Europa



Was hätte Europa gewonnen, wenn Merkels Balanceakt am Bosporus dazu führt, dass syrische Flüchtlinge erst einmal gestoppt werden, dafür aber die Türkei unter Erdogans Herrschaft weiter in die Autokratie abgleitet? Dass in naher Zukunft dann nicht mehr Syrer Schutz vor ihrem Herrscher in Europa suchen, sondern türkische Bürger, ist nicht mehr undenkbar.

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