Mieten freigegeben Spaniens verordnetes Ladensterben

30 Jahre lang schützte ein Gesetz Spaniens Einzelhandelsunternehmen vor Mietsteigerungen. Nach dem Ende des Moratoriums müssen viele aufgeben. Zu Besuch auf Madrids Einkaufsmeilen.

Der spanische Einzelhandel ist von Mietsteigerungen bedroht Quelle: dpa/Montage

Pepa Eznarriaga hat die letzten Kartons aus dem Laden geschleppt und die Glastür hinter sich verschlossen. „Da drin haben wir ein Leben zurückgelassen und viele Erinnerungen“, sagt die 45-Jährige mit belegter Stimme. In vierter Generation führte sie bis vor wenigen Tagen das Spielwarengeschäft Así in Madrids Einkaufsmeile Gran Vía. Bis zum endgültigen Ladenschluss nach 72 Jahren haben sich hier Kunden gedrängt.

Ende 2014 lief in Spanien ein Gesetz aus, das alteingesessene Händler vor Erhöhungen ihrer Ladenmieten schützte. Was die Eigentümer der betreffenden Immobilien freut, bedeutet für Kritiker das Ende einer Kultur und die Verödung der Geschäftsstraßen mit zahlungskräftigen, aber langweiligen internationalen Ketten.

Wissenswertes über Spanien

Statt wie bisher 10.000 Euro im Monat verlangte der Besitzer nach Ende des Moratoriums 50.000 Euro von Eznarriaga. „Diese Summe ist utopisch, aber verhandeln kam für ihn gar nicht infrage.“ Kein Einzelfall. In Madrids Gran Vía oder auch der Calle Mayor, die wegen ihrer zentralen Lage und der Nähe zu Sehenswürdigkeiten von Einheimischen ebenso wie von Touristen frequentiert werden, reihen sich nun leere Schaufenster aneinander. Sie sind mit Packpapier verklebt, in manchen hängt ein Schild mit der Aufschrift „Se Alquila“ (zu vermieten) oder „Disponible“ (zur Verfügung), mit der dazugehörigen Telefonnummer eines Immobilienmaklers. In anderen warnen Eigentümer handschriftlich, dass jedes unerlaubte Anbringen von Werbung zur Anzeige gebracht wird.

Auch auf Barcelonas berühmten Ramblas oder in den Barrios mit ihren verwinkelten Gassen hinterlässt das Ladensterben hässliche Spuren. Es verschwinden kleine Buchläden, Musikantiquariate wie das vor 114 Jahren gegründete Emporium in Barcelona und die berühmten Ferreterías, in denen man von einzelnen Schrauben bis zur Saftpresse alles bekommt, was ein funktionierender Haushalt braucht. Schuhmacher, Geschäfte für handgefertigte Tischwäsche und Maßhemden schließen. Oder eben auch das Así mit seinen in Spanien produzierten Puppen, für die Eznarriagas Mutter bis zuletzt eigenhändig Kleider entwarf.

„Die Eigentümer haben jedes Recht, endlich Marktpreise zu verlangen“, sagt Angeles Perez, die bei der auf Immobilien spezialisierten Investmentfirma Jones Lang LaSalle in Madrid für die Bestlagen zuständig ist. In den vergangenen 30 Jahren war das unmöglich. Ein unter dem sozialdemokratischen Regierungschef Felipe González verabschiedetes Gesetz verfügte für zunächst zehn Jahre, dass bei Verträgen, die vor dem 9. Mai 1985 geschlossen wurden, die Ladenmieten jedes Jahr nur um die allgemeine Inflationsrate steigen durften. 1994 verlängerte er das Moratorium um weitere 20 Jahre – bis zum 31. Dezember 2014.

Spanien plant eine Steuerreform

Das Gesetz schützte die Altmieter sowohl während des Immobilienbooms, als die Preise explodierten, als auch seit Beginn der Krise 2007, als Konsum und Umsätze einbrachen. In der Bestlage der Gran Vía ab der Metrostation Callao Richtung Plaza de los Cibeles können heute ohne Probleme 150 bis 300 Euro pro Quadratmeter verlangt werden, sagt Perez. Das ist bis zu 15-mal mehr, als zuletzt häufig bezahlt wurde.

Der Spielwarenhändlerin Eznarriaga und ihren acht Angestellten wurde das zum Verhängnis. Ihre 500 Quadratmeter lagen in der Nachbarschaft großer Theater und Boutiquen internationaler Modemarken. Eznarriaga hat noch drei weitere Geschäfte in Madrid. „Aber keines liegt in so exponierter Lage. Auf der Gran Vía haben wir 60 Prozent des Umsatzes gemacht. Um Weihnachten herum, wenn das Schaufenster besonders schön dekoriert war, kam der Verkehr auf der Straße zum Erliegen.“

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%