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Moody’s-Expertin „Italien besitzt eine große und vielseitige Wirtschaft“

Knapp vor Ramsch-Niveau, so lautete die neue Bonitätsnote der Rating-Agentur Moody's für Italien im Oktober. Quelle: imago images

Kathrin Mühlbronner ist beim Bonitätswächter Moody’s zuständig für das Sorgenkind Italien. Aus Sicht der Expertin muss das Land seine Verwaltung straffen, das Bildungssystem verbessern und für mehr Wettbewerb in der Wirtschaft sorgen, wenn es seine jüngst herabgestufte Kreditwürdigkeit wieder verbessern will.

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Welchen Weg wird Italien künftig verfolgen? Geht es in Richtung Reform oder Expansion der Staatsausgaben?
Wir schätzen Italiens haushaltspolitische Stärke relativ gering ein. Das liegt vor allem an den hohen Staatsschulden, die im Jahr 2017 bei 131 Prozent des Bruttoinlandsprodukts standen. Im Gegensatz zu vielen anderen weit entwickelten Volkswirtschaften liegt das vor allem am schwachen Wachstum der Wirtschaft und weniger an hohen Haushaltsdefiziten. In den vergangenen Jahren haben Italiens Regierungen Defizite im Staatshaushalt langsam reduziert, indem sie die Steuern senkten und Anreize für Investitionen und neue Arbeitsplätze schafften. Daher hatten wir ursprünglich erwartet, dass die Staatsschulden sich in den kommenden Jahren reduzieren würden. Wir haben dabei mit finanzpolitischer Zurückhaltung und moderatem Wirtschaftswachstum gerechnet. Jedoch schlägt die neue Regierung, bestehend aus der Koalition von Lega und der Fünf-Sterne-Bewegung, jetzt einen Weg in Richtung deutlich steigender Staatsausgaben ein, sodass der Anteil der Staatsschulden am Bruttoinlandsprodukt bei rund 130 Prozent verharren wird. Es handelt sich dabei um eine der höchsten Schuldenquoten unter allen Staaten mit Rating. Dieser deutliche Rückgang der Finanzkraft war Hauptgrund für die Herabstufung der Kreditwürdigkeit Italiens von Baa2 auf Baa3.

Welche Reformen wünschen sich die Akteure an den Finanzmärkten von Italien?
Nach unserer Einschätzung könnte ein stimmiges Programm für Strukturreformen die Kreditwürdigkeit verbessern. Laut Forschungsergebnissen und Kommentaren von Experten wären solche Reformen an einigen Stellen möglich. So könnten effizientere Behörden, funktionierende Arbeitsmärkte, ein besseres Bildungssystem und stärkerer Wettbewerb die Produktivität der italienischen Wirtschaft ankurbeln. Ein Wechsel der finanzpolitischen Grundhaltung, der zu einer sinkenden Schuldenlast führen würde, könnte ebenfalls die Kreditwürdigkeit verbessern.

Wo kann künftig Wachstum für Italiens Wirtschaft herkommen?
Italien besitzt eine große und vielseitige Wirtschaft mit relativ niedrigen Schulden im privaten Sektor. Insbesondere private Haushalte haben niedrige Schulden und hohe finanzielle Vermögen. Das ist ein Puffer gegen wirtschaftliche Schocks. Im vergangenen Jahr ist Italiens Wirtschaft so schnell gewachsen wie zuletzt im Jahr 2010. Geholfen haben dabei frühere Reformen am Arbeitsmarkt und Steueranreize für Investitionen und Arbeitsplätze. Doch das Wachstum hat sich in der ersten Hälfe dieses Jahres verlangsamt und bleibt verglichen mit anderen entwickelten Volkswirtschaften nur auf mittlerem Niveau. Die Herausforderungen bleiben groß: Die Produktivität ist verglichen mit dem Wachstum der Löhne niedrig und der Arbeitsmarkt starr. Der Wettbewerb bei Produktion und Dienstleistungen ist schwach, die Effizienz im staatlichen Sektor niedrig und die Steuern sind zu hoch. Das größte Hindernis für mehr Wachstum ist das fehlende Reformprogramm.

Mit welchen Schritten würde Italien seine Kreditwürdigkeit beeinflussen – nach oben oder nach unten?
Wir geben keine politischen Ratschläge. Angesichts der aktuellen Herabstufung sind positive Rating-Schritte gerade unwahrscheinlich. Jedoch wäre, wie bereits erwähnt, ein stimmiges Programm für Wirtschaftsreformen positiv für die Kreditwürdigkeit. Italiens Kreditrating käme unter neuen Abwärtsdruck, falls die Regierung einen finanzpolitischen Weg in Richtung steigender Schulden einschlägt oder wenn sich aus unserer Sicht die Tragfähigkeit dieser erhöhten Schulden deutlich verschlechtern würde.

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