Nach Attacke im Thalys Bewaffneter war Sicherheitsbehörden in drei Ländern bekannt

Frankreich feiert die Fahrgäste, die im Thalys einen Mann mit einer Kalaschnikow stoppten. Präsident Hollande will am Montag selbst Danke sagen. Die Hintergründe des Vorfalls erscheinen weiter unklar.

Thalys Zug Quelle: dpa

Der im vermutlich letzten Moment im Hochgeschwindigkeitszug von Amsterdam nach Paris überwältigte Bewaffnete hat Beziehungen zu radikalen Islamisten gehabt. Der 26-Jährige sei den Sicherheitsdiensten in Frankreich, Belgien und Spanien bekannt gewesen, teilten die Behörden mit. Der mit Kalaschnikow, Pistole und Messer bewaffnete Mann war am Freitag in dem Thalys von fünf beherzten Reisenden überwältigt worden.

Der französische Innenminister Bernard Cazeneuve sagte, spanische Behörden hätten den französischen Geheimdienst über den Verdächtigen informiert, da er der „radikalen islamistischen Bewegung“ angehöre. Bei dem Vorfall waren drei Menschen verletzt worden.

Die Behörden lobten die eingreifenden Mitreisenden - drei Amerikaner sowie einen Briten und einen Franzosen. US-Präsident Barack Obama telefonierte mit seinen Landsleuten und gratulierte ihnen, wie das Weiße Haus mitteilte. Frankreichs Präsident François Hollande will die Männer, die den Bewaffneten überwältigten, am Montagvormittag empfangen. Hollande wolle ihnen im Pariser Élysée-Palast die „Dankbarkeit Frankreichs“ ausdrücken, teilte das Präsidialamt vorab mit. Sie hätten damit eine „extrem schlimme Tat“ verhindert.

Der Verdächtige wurde am Sonntag von der französischen Anti-Terror-Polizei befragt. Die Polizisten bestätigten über Fingerabdrücke ihren Verdacht, wonach es sich bei dem 26-Jährigen um denselben Mann handele, auf den sie im Februar 2014 aufmerksam gemacht worden waren, wie ein französischer Beamter sagte. Er soll in der südspanischen Stadt Algeciras eine unter Überwachung stehende Moschee besucht haben und im Mai auch in Berlin gewesen sein.

Der Mann hat die Passagiere eigenen Angaben zufolge ausrauben wollen. Über den Terrorismusvorwurf sei der 26-Jährige entgeistert, sagte seine Anwältin Sophie David am Sonntag dem Sender BFM. Als sie ihm von der Medienaufmerksamkeit erzählt habe, habe er es nicht verstanden. „Er sagt, er habe geplant, den Zug zu überfallen, dann ein Fenster auszuschießen und herauszuspringen, um zu fliehen.“

Nach Angaben des spanischen Innenministeriums lebte der Verdächtige mit seinen Eltern in Algeciras und wurde drei Mal wegen Drogenhandels festgenommen. Die spanischen Zeitungen „El País“ und „El Mundo“ berichteten, der Mann habe in dem relativ armen Viertel El Saladillo gewohnt, das rund 6000 Einwohner und eine Arbeitslosenquote von fast 40 Prozent habe.

Über die Reisen des Verdächtigen gab es in französischen und spanischen Angaben Diskrepanzen. Aus Kreisen der spanischen Anti-Terror-Einheit verlautete, der Mann habe bis 2014 in Spanien gelebt, sei dann nach Frankreich gezogen, nach Syrien gereist und wieder nach Frankreich zurückgekehrt. Ein den Ermittlungen nahestehender französischer Beamter sagte, das französische Signal sei am 10. Mai in Berlin „ertönt“, wo der 26-Jährige in die Türkei habe fliegen wollen. Die Franzosen hätten diese Information an die Spanier übermittelt, die am 21. Mai informiert hätten, dass der Mann nicht mehr dort, sondern in Belgien wohne. Daraufhin habe die französische Seite Belgien benachrichtigt. Es war aber unklar, ob anschließend überhaupt Maßnahmen ergriffen wurden und wenn ja, welche.

Der Verdächtige wurde am Samstagmorgen in die Zentrale der Anti-Terror-Polizei außerhalb von Paris verlegt. Er kann bis zu 96 Stunden in Gewahrsam gehalten werden.

In Frankreich gelten seit den Terrorangriffen auf die Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt in Paris mit insgesamt 20 Toten im Januar verschärfte Sicherheitsvorkehrungen. Auf Bahnhöfen patrouillieren Soldaten. Der Fall löste aber eine Diskussion um die Sicherheitsvorkehrungen in Zügen aus. Belgiens Premierminister Michel brachte Pass- und Gepäckkontrollen für die internationalen Thalys-Züge ins Spiel. Er forderte zudem bereits am Samstag ein Krisentreffen der Innen- und Verkehrsminster aus Frankreich, Deutschland, Belgien und den Niederlanden - in diesen Ländern verkehren die Thalys-Züge.

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