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Nach dem Schottland-Referendum Wie es im Vereinigten Königreich weitergeht

Nach dem Nein der Schotten hat das Königreich zwar die Spaltung vermieden, wird seinen Teilregionen aber mehr Selbstverwaltung einräumen müssen. Der schottische Ministerpräsident erklärte seinen Rücktritt.

Die schönsten Titelseiten zum Referendum
In Schottland hat das historische Referendum über die Unabhängigkeit des Landes begonnen. Seit 8.00 Uhr können die mehr als vier Millionen Stimmberechtigten für oder gegen eine Loslösung von Großbritannien stimmen. Sollten sich die Separatisten durchsetzen, würde sich die Union mit England und Wales nach 307 Jahren auflösen, titelt „The Independent“, eine der größten britischen Tageszeitungen. Auch die anderen britischen Zeitungen kennen auf ihren Titelseiten heute kein anderes Thema. Quelle: Handelsblatt Online
Die letzten Umfragen vor dem Schottland-Referendum sahen die Gegner der Unabhängigkeit knapp vorn. 53 Prozent der Befragten wollten Nein sagen zur Abspaltung Schottlands vom Vereinigten Königreich und 47 Prozent Ja, ermittelte das Meinungsforschungsinstitut „Survation“ in der vergangenen Woche. Ein Kopf-an-Kopf Rennen zwischen dem Anführer der „Schottischen Nationalpartei“, Alex Salmond, und dem Wortführer der „No-Kampagne“, Alistair Darling. Die beiden blicken entschlossen von der Titelseite des „Daily Record“, einer der größten schottischen Tageszeitungen. Quelle: Handelsblatt Online
Schottland mit seinen 5,3 Millionen Einwohnern ist eines der ältesten Länder der Welt. Im Jahr 843 wurde Kenneth MacAlpin erster König Schottlands. Mehr als 850 Jahre lang war Schottland unabhängig, auch wenn es zwischenzeitlich mit England einige Kriege um diese Unabhängigkeit ausfocht. „Day of destiny“ (Schicksalstag) titelt die drittgrößte Tageszeitung Englands „The Guardian“. Quelle: Handelsblatt Online
Über die Zukunft Schottlands darf heute jeder abstimmen, der das 16. Lebensjahr vollendet hat, Brite, Bürger der Europäischen Union oder des Commonwealth ist, offiziell in Schottland lebt und sich für die Wahl registrieren lassen hat. Schotten im Ausland können keine Stimme abgeben. Klassisch nachrichtlich macht die „Times“ auf. Quelle: Handelsblatt Online
Falls Schottland unabhängig wird, wären viele Fragen noch offen: Wäre Schottland automatisch Mitglied der Europäischen Union? Und welche Währung hätte es? Auch wie es mit der Flagge Großbritanniens weitergehen würde, ist unklar. Denn das Blau in der Fahne symbolisiert die Mitgliedschaft Schottlands im Vereinigten Königreich. Wie eine neue Fahne aussehen könnte, zeigt die Boulevardzeitung „Daily Mirror“. Quelle: Handelsblatt Online
Die Gegner der Unabhängigkeit befürchten, dass der Verlust des britischen Binnenmarktes negative Auswirkungen auf die Wirtschaft hätte. Bis zu 600.000 Arbeitsplätze seien in Gefahr. Auch das britische Pendant zur Bild, die „Sun“ , ist gegen die schottische Unabhängigkeit, wie das heutige Titelblatt zeigt. „Besser zusammen“ schreibt die „Sun“ im typischen Boulevardstil sowohl über Prinz Harrys Beziehung als auch über das schottische Referendum. Quelle: Handelsblatt Online
Die Anhänger der Unabhängigkeitsbewegung sagen hingegen Vorteile für die Wirtschaft voraus, sollte sich Schottland abspalten. Das Land könne mit der Förderung der schottischen Ölreserven Wohlstand schaffen. Auf dem Cover der „Daily Telegraph“ wehen die britische und die schottische Flagge. Quelle: Handelsblatt Online

Erleichterung in London, in den anderen europäischen Hauptstädten, bei der EU und der Nato und in der Wirtschaft; Enttäuschung bei den schottischen Nationalisten, ansonsten: viele offene Fragen. Das Ergebnis des Schottlandreferendums, bei dem 55 Prozent der Wähler gegen die Autonomie stimmten, ist erfreulich eindeutig ausgefallen - und forderte bereits ein erstes politisches Opfer.

Schottlands Ministerpräsident Alex Salmond kündigte hat nach dem verlorenen Referendum seinen Rücktritt an. Er kandidiere auf dem Parteitag seiner Nationalpartei SNP Mitte November nicht mehr für das Amt des Parteichefs, sagte der 59-Jährige am Freitag. Der oder die neue Parteivorsitzende solle dann auch sein Ministerpräsidentenamt übernehmen.

Gleichzeitig aber haben die Versprechungen für mehr schottische Selbstverwaltung, die die britischen Regierung und die Oppositionsparteien vor der Abstimmung machten, um das "Nein-Lager" zu stärken, nun ernste Konsequenzen: Großbritannien steht vor einer tiefgreifenden politischen Umstrukturierung, das bisher zentral regierte Land könnte sich künftig viel stärker in Richtung eines föderalen Staates entwickeln.

Großbritanniens Premier David Cameron beeilte sich am Freitag zu versichern, Verhandlungen über größere schottische Autonomiebefugnisse würden bereits im November aufgenommen. George Buckley, UK-Volkswirt der Deutschen Bank in London, warnt ebenfalls: "Es bleiben ein paar sehr heikle ungelöste Fragen."

Fest steht zwar: Das Pfund wird die gemeinsame Währung Großbritanniens bleiben und Königin Elizabeth II bleibt Staatsoberhaupt des Vereinigten Königreichs. Doch ansonsten wird es wohl ein Reformpaket geben, das nicht nur Schottland betrifft - sondern auch Wales, Nordirland und England. Nordirlands Ministerpräsident Peter Robinson wollte sich noch am Freitag mit seinem walisischen Amtskollegen Carwyn Jones über die Auswirkungen des schottischen Referendums auf die Dezentralisierung beraten.

Erleichterung in London, Brüssel – und selbst bei der NATO
Foto von David Cameron Quelle: dpa
Foto von Alex Salmond Quelle: REUTERS
Foto von Martin Schulz Quelle: dpa
Foto von Anders Fogh Rasmussen Quelle: AP
Jörg Krämer Quelle: dapd

Der britische Premierminister David Cameron, dessen eigenes politisches Schicksal eng mit dem Ausgang des Referendums verknüpft war, versprach den Schotten, die Verhandlungen über eine Ausweitung ihrer Autonomiebefugnisse würden bereits im November beginnen. Er will ihnen im Hinblick auf die Steuer- und Ausgabepolitik ebenso wie bei der Ausgestaltung des Wohlfahrtstaates mehr Selbstverwaltung gewähren und kündigte an, bis Januar werde ein entsprechender Gesetzentwurf vorgelegt.

Denkbar wäre sogar, dass es künftig auch in England ein regionales Parlament geben werde, bei dem englische Abgeordnete über rein englische Belange entscheiden, so der Premier. Er betonte: "Die Frage, ob es englische Abstimmungen für rein englische Belange geben sollte, muss jetzt angepackt werden".

Schon lange hatten Kritiker im Süden bemängelt, dass schottische Politiker mit Sitz im Londoner Unterhaus über Gesetze abstimmen können, die ihre eigene Region gar nicht betreffen, umgekehrt aber englische Politiker kein Mitspracherecht haben, wenn das Regionalparlament in Edinburgh schottische Gesetze verabschiedet.

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