Nach Würzburg-Attentat Wir wissen (fast) nichts – und das ist die Gefahr

Wie wird aus einem jungen Flüchtling mit guter sozialer Perspektive plötzlich ein Attentäter? Liegt es am Krieg, den er womöglich erlebt hat? Welche Rolle spielt der Islam? Was die bisherigen Erklärungsansätze taugen und was nicht.

Reste eines Absperrbandes über einem Weichensignal bei Würzburg-Heidingsfeld (20.07.2016) Quelle: dpa

Ein 17-jähriger Flüchtling nimmt eine Axt, steigt in einen Zug und will Menschen töten. Er verletzt vier Mitreisende schwer, auf der Flucht eine weitere Person. Dann wird der Jugendliche, der vor einem Jahr ohne Begleitung nach Deutschland kam, von einem Sondereinsatzkommando erschossen. Später reklamiert der Islamische Staat das Attentat für sich.

Das sind die Fakten zum Attentat in einer Würzburger Regionalbahn. Alles andere sind ungesicherte Informationen, Spekulationen und Annahmen. Selbst die Frage der Nationalität ist nicht geklärt. Der 17-Jährige war als Afghane eingereist. Nach Angaben von Bundesinnenminister Thomas de Maizière liegt ein Antrag für eine Familienzusammenführung vor, die Familienmitglieder leben demnach in Afghanistan. Dennoch wird in Ermittlerkreisen diese Herkunft bezweifelt. Möglicherweise stammte er auch aus dem benachbarten Pakistan.

Die wichtigste Frage, auf die es bislang keine gesicherten Erkenntnisse gibt: Wieso verübt ein Jugendlicher, der den Weg nach Deutschland findet, in einer Pflegefamilie lebt und sogar einen Ausbildungsplatz in Aussicht hat, eine solche Tat?

Peter Neumann vom Internationalen Zentrum für Radikalisierung am King's College in London spricht von einer „Blitzradikalisierung“. Die Vermutung liege nahe, dass sich der Täter von Würzburg innerhalb der letzten Wochen in Deutschland radikalisiert habe, sagt Neumann in einem Gespräch mit der Augsburger Allgemeinen. „Das ist ungewöhnlich. Typischerweise dauern Radikalisierungsprozesse mehrere Monate oder gar Jahre. Das ist eine neue Qualität.“

Wie läuft das ab? Was sind Auslöser für eine solche Blitzradikalisierung? Politologe und Pädagoge Thomas Mücke fallen im Interview mit Zeit Online eine Vielzahl von Möglichkeiten ein. Der Täter von Würzburg könnte in Zusammenhang mit der Attacke in Nizza ein Nachahmungstäter sein. Ebenso könnten private Probleme den Ausschlag gegeben habe. Mücke sieht aber kein erhöhtes Radikalisierungsrisiko unter jungen Flüchtlingen. Die hätten zwar Krieg und Gewalt miterlebt. „Aber das macht sie nicht gefährlich.“

Wieso fliehen junge Afghanen nach Europa - und wie radikal sind sie?

Ahmad Mansour von der „European Foundation for Democracy“ ist anderer Meinung. „Islamisten haben schon bemerkt, dass vor allem die unbegleiteten Minderjährigen eine instabile Gruppe sind“, sagt Mansour in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Junge Flüchtlinge suchten nach Vaterfiguren, Orientierung und Halt. „Und wenn die einzigen, die ihnen Angebote machen, die Salafisten sind, dann werden wir ein Problem haben.“

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