Nach Zyperndrama Die Euro-Zeitbombe tickt

Das Zyperndrama gerät zur Sinnkrise für die Europäische Union und zur Systemkrise für den Euro. Eine von Zypern angefachte Kapitalflucht aus anderen Krisenländern könnte das Euro-System sprengen. Kleine Ursachen haben mitunter große Wirkungen.

Kapitalflucht aus Krisenländern - Trotz Kapitalverkehrskontrollen und geschlossener Banken dürfte der Großteil der russischen Vermögen nicht mehr auf zyprischen Konten zu finden sein Quelle: dpa

Mehr Blamage geht nicht. Die Zypernkrise führt sie alle vor: Die Bundesregierung wollte vor der Bundestagswahl an russischen Oligarchen ein publikumswirksames Exempel statuieren. Die Europäische Union (EU) und der Internationale Währungsfonds (IWF) - vertreten durch Herman Van Rompuy, José Manuel Barroso und Christine Lagarde - führten die Schlussverhandlungen mit der Regierung des Landes, das erst 2008 den Euro eingeführt hatte. Und die Europäische Zentralbank (EZB) und die European Banking Authority (EBA) hatten den drei größten zyprischen Banken noch vor 20 Monaten Stressresistenz bescheinigt. Ignoranz und Inkompetenz, wohin das Auge blickt. Die Rechnung bezahlt die ruinierte Mittelklasse und die kleinen und mittleren Unternehmen in Zypern - und natürlich der deutsche Steuerzahler.

Ein Großteil der russischen Gelder liegt nicht mehr auf zyprischen Bankkonten. Zwar waren die Banken auf Zypern auch nach dem letzten Wochenende geschlossen und es wurden Kapitalverkehrskontrollen eingeführt, doch über die Uniastrum Bank, einer in Moskau ansässigen Tochter der Bank of Cyprus, konnten Russen ihr Geld bis zuletzt bequem in Sicherheit bringen. Auch über die Filialen der zyprischen Banken in London konnte noch bis Mittwochabend Geld abgehoben und transferiert werden. Die Kontrolle über die Liquidität der Filialen zyprischer Banken in England und in Russland unterliegt ausschließlich der britischen beziehungsweise russischen Zentralbank. Das wurde offenbar irgendwie übersehen. Werden Kapitalverkehrskontrollen auch in Zukunft so dilettantisch gehandhabt, dann wird wohl nur noch die EZB Zypern mit Liquidität versorgen können.

Die wichtigsten Frage und Antworten zu Zypern

Die Rettung Zyperns wird für Europa jetzt wesentlich teurer als die bisher veranschlagten zehn Milliarden Euro. Die Verantwortlichen wissen das, nur soll das niemand merken. Die Aufräumarbeiten für das katastrophale Krisenmanagement in Zypern muss die EZB übernehmen, indem sie über die zyprische Notenbank weiter Notfallkredite (Emergency Liquidity Assistance, ELA) gewährt. Die EZB hat keine Wahl. Ohne ELA wären die zyprischen Banken und das gesamte Land vom Eurosystem abgeschnitten und der Euro-Austritt nur noch eine Frage der Zeit. Dass die zyprischen Banken insolvent sind, ihnen der Zugang zu Notfallkrediten eigentlich versperrt sein müsste, dürfte kaum mehr eine Rolle spielen. Der Vorteil für die Bundesregierung um Kanzlerin Angela Merkel: Mit dem Rückgriff auf das kostenlose Zentralbankgeld muss der Bundestag zunächst kein weiteres Rettungsprogramm verhandeln.

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