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Nahost Syrische Flüchtlinge machen der Türkei Konkurrenz

An der Grenze zu Syrien wachsen die Spannungen, da sich viele Flüchtlinge selbstständig machen – und mit türkischen Unternehmen konkurrieren.

Auf leisen Sohlen: Syrische Schuhproduktion in der Türkei. Quelle: Sinan Cakmak für WirtschaftsWoche

Steil und beschwerlich ist der Weg ins Versteck von Schuhfabrikant Khasim Mustafa*. Vor ihm quält sich ein Pritschenwagen den Berg hinauf, und auch Mustafas Uralt-Renault kratzt am Limit, als er nach dem knatternden Kleinlaster eine Ziegenherde überholen muss. Schließlich liegt das Tal vor Augen, eine Ödnis mit viel Geröll, wenig Grün und ein paar Industriehallen. Ein paar Kilometer weiter liegt Syrien, die kriegszerstörte Heimat des Schuhmachers, aus der er vor 18 Monaten in die Gegend um die türkische Industriestadt Gaziantep geflüchtet ist.

Früher war Khasim Mustafa ein erfolgreicher Unternehmer. In der nordsyrischen Stadt Aleppo entwarf er Pumps, die er nach Russland exportierte. Dann kam der Bürgerkrieg, der Schuhmacher floh. Jetzt fertigt er in einer der vielen Lauben aus Blech und Stahlbeton, die im Grenzgebiet entstanden sind und die für syrische Flüchtlinge einen Vorteil haben: Man sieht hier über den Hügel Fahrzeuge von Polizei und Zoll rechtzeitig kommen. „Keiner von uns hat eine Arbeitserlaubnis“, sagt der Schuster. „Wenn die Polizei kommt, schicken wir die Mitarbeiter weg und schließen ab.“

„Das ist ja mal was“
Bei einer zweitägigen Reise besucht Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Türkei. Auffällig: Obwohl sie äußerst selten touristische oder kulturelle Ausflüge in ihr Programm einbaut, nimmt sie sich dieses Mal die Zeit dafür und drückt so ihre Wertschätzung für die Türkei auch als Kulturnation aus. Vom türkischen Tourismusminister Omer Celik lässt sie sich die frühchristliche Kulturdenkmäler in der zentralanatolischen Region Kappadokien zeigen. Quelle: REUTERS
Zum Start ihrer Reise wird der rote Teppich vor dem Airbus A 340 der Luftwaffe ausgerollt. Erstes Ziel der Kanzlerin ist der Flughafen in Gaziantep. Quelle: dpa
Die ersten Gastgeschenke gibt es schon gleich nach der Landung. Quelle: dpa
Merkel besucht hier die rund 300 deutschen Soldaten im südtürkischen Kahramanmaras. Die Soldaten sind Teil des Nato-Einsatzes mit Patriot-Abwehrstaffeln zum Schutz der Türkei vor syrischen Raketenangriffen. Quelle: dpa
Anschließend spricht Merkel zu den Soldaten: Ihr Einsatz habe einen hohen politischen Stellenwert. Er sei ein militärisches und politisches Signal, dass die Nato-Partner zusammenstünden, wenn einer von ihnen in Gefahr geraten könnte. Quelle: dpa
Weiter geht es nach Kappadokien: Ein Heißluftballon trägt ein großes Transparent mit der Aufschrift „Sehr geehrte Frau Merkel, herzlich Willkommen.“ Quelle: dpa
Merkel ist beeindruckt von den gewaltigen Felsformationen, den Höhlen und den kleinen Klöstern in den Felsen wie die vermutlich 1500 Jahre alte Johanneskirche in Cavusin. Quelle: dpa

Khasim Mustafa ist einer von mehr als zwei Millionen Flüchtlingen, die Syrien seit Ausbruch des Bürgerkriegs verlassen haben. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen ist ein Großteil von ihnen in Jordanien oder dem Libanon gelandet, deren Regierungen die adäquate Versorgung der Kriegsopfer große Probleme bereitet. Etwa eine halbe Million Syrer findet Zuflucht in der Türkei, die meisten in der 1,4 Millionen Einwohner zählenden Stadt Gaziantep, die die jungen Leute hier „Antep“ nennen, denn „Gazi“ bedeutet Veteran.

An sich lenkt die Türkei den Flüchtlingsstrom vorbildlich: Hilfsorganisationen loben die Camps, in denen allein rund um Gaziantep 33 000 Menschen leben, als sehr hygienisch und gut organisiert. Zwei Milliarden Dollar hat sich die Regierung deren Unterbringung bislang kosten lassen.

Gekommen um zu bleiben

Die Flüchtlingsflut führt aber auch zu Spannungen. Oft lassen sich wohlhabende Syrer in Gaziantep nieder. Sie sind gekommen, um zu bleiben; viele haben ihr Geld über die Grenze retten können und stecken es nun in türkische Immobilien. In der Folge sind die Kauf- und Mietpreise in der Region teilweise um die Hälfte gestiegen, was die Menschen in Gaziantep beunruhigt.

Ungemach droht aber auch am Arbeitsmarkt: Syrer können dank der liberalen türkischen Wirtschaftspolitik schnell und einfach Unternehmen gründen, Flüchtlinge erhalten in der Türkei aber keine Arbeitserlaubnis. Folglich blüht die Schwarzarbeit. Ein syrischer Schuhfabrikant wie Khasim Mustafa spart Steuern und Sozialabgaben und ist dadurch wettbewerbsfähiger als seine türkischen Konkurrenten.

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