WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Negativer Einlagezins Draghis neues Instrument birgt viele Risiken

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird vermutlich bald einen negativen Einlagezins einführen - als eine Art Parkgebühr für Geld. Ob er hilft, ist mehr als fraglich.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Banken sollen ihr Geld nicht mehr kostenlos über Nacht bei der EZB parken Quelle: dpa

Die Zeichen verdichten sich. Seit Mitte der vergangenen Woche werden die Prognosen für eine Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) Anfang Juni immer konkreter. Gleiches gilt für den negativen Einlagezins, also eine Art Strafzins, den Banken zahlen, wenn sie ihr Geld über Nacht bei der EZB parken.

Der "Spiegel" nannte am Wochenende konkrete Zahlen. Unter Berufung auf EZB-Chefvolkswirt Peter Praet hieß es, der Leitzins könnte von 0,25 weiter auf 0,15 Prozent gesenkt werden. Der Einlagezins liegt aktuell bereits bei null Prozent, er könnte auf minus 0,1 Prozent gedrückt werden.

Doch je konkreter die Zahlen werden, desto umstrittener sind die Maßnahmen. Denn ob der Negativzins auch die gewünschte Wirkung erzielt, ist höchst fraglich.

Der Einlagezins bestimmt, wie viel Geld die Banken bekommen, wenn sie Geld über Nacht bei der EZB parken, es also in Sicherheit bringen. Rutscht er ins Minus, müssen die Geldinstitute sich diese Sicherheit erkaufen, quasi eine Art Parkgebühr entrichten.

Eingelagert wird normalerweise Geld, welches die Banken gerade nicht brauchen. Besonders viel war es auf dem Höhepunkt der Krise, als die Unsicherheit unter den Geldhäusern hoch war und sich Banken gegenseitig kaum noch Geld liehen.

Weniger Sorgen

Zum einen will die EZB den Strafzins einführen, um die schwelenden Deflationssorgen in der Euro-Zone endlich loszuwerden. Trotz Leitzinsen auf einem Rekordtief von 0,25 Prozent liegt die Inflationsrate im Währungsraum seit Monaten weit unter der von der EZB angepeilten Preisstabilität bei knapp unter zwei Prozent. Im April waren es gerade mal 0,7 Prozent.

Auch die Wachstumszahlen sind weiterhin nicht üppig, von Januar bis März wuchs die Wirtschaft der Euro-Zone gerade mal um 0,2 Prozent. In einigen Ländern wie Portugal, Italien oder Griechenland schrumpfte die Wirtschaft im ersten Quartal sogar etwas.

Der Instrumentenkasten der EZB

Der Hauptgrund für die Parkgebühr ist allerdings ein anderer: Der Wechselkurs des Euro.

Die Notenbank möchte mit dem negativen Einlagezins das Aufwerten der Gemeinschaftswährung begrenzen. Zuletzt betonten mehrere Notenbanker, darunter EZB-Präsident Mario Draghi und Bundesbank-Chef Weidmann, die Zentralbank würde den Wechselkurs genau beobachten.

Mit den niedrigeren Zinsen wollen sie die Gemeinschaftswährung unattraktiver machen, Anleger könnten aufgrund der niedrigen Verzinsung von Euro-Investments zurückschrecken, so das Kalkül. Das dürfte den Wechselkurs wieder etwas senken. Schon jetzt lastet die Diskussion um den Strafzins auf den Renditen für Bundesanleihen. Mittlerweile liegen die Zinsen nur noch bei 1,34 Prozent.

Mit den negativen Einlagezinsen macht die Zentralbank ihre Geldpolitik noch expansiver, als sie bereits ist. Die Hoffnung: Geld bei der EZB zu halten, soll sich nicht mehr lohnen.

Um die Parkgebühren zu vermeiden, arbeiten die Banken stattdessen lieber mit dem Geld. Sie sollen es in Form von Krediten weitergeben, unter anderem an andere Kreditinstitute oder Unternehmen, und damit für Wachstum sorgen. So zumindest die Theorie.

Sensible Maßnahme

Was beim Frühstück teurer wird
In jeder Sekunde werden in Deutschland 2315 Tassen Kaffee getrunken, das macht 73 Milliarden Tassen pro Jahr. Die Bundesrepublik liegt damit auf Platz acht im Konsum. Gleichzeitig sind auch die Preise um 70 Prozent gestiegen. Grund dafür ist eine lange Dürre in Brasilien. Quelle: dpa
Bis zur Weizenernte im Herbst ist noch ein bisschen Zeit. Schon heute müssen wir uns auf höhere Preise einstellen: Durch den langen Winter in der USA und die Krise in der Ukraine verteuert sich Weizen, der unter anderem in Brot, Nudeln und Bier verarbeitet wird. Quelle: dpa
Aus dem gleichen Grund werden auch die Preise für Zucker ansteigen. Bereits im vergangenen Jahr waren die Preise rasant angestiegen: Damals hatte in Brasilien ein Zucker-Lager mir 180.000 Tonnen Rohrzucker gebrannt. Quelle: dpa
Käse, Milch und Jogurt werden bei uns teurer, weil die Nachfrage in China und Russland steigt. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Milch in China etwa verzeichnet ein stetiges Wachstum - Milchkonsum wird auch von staatlicher ausdrücklich gefördert. Nach und nach wird auch immer mehr Käse gegessen. Quelle: dpa
Ein Glas Orangensaft zum Frühstück - vielleicht nicht mehr so häufig. Nach einer bakteriellen Krankheit in Florida, die die Orangenhaine befallen hat, war die Ernte eher gering. Deshalb steigen die Preise. Quelle: dpa
Ein deftiger Schweinebraten, vielleicht noch mit Knödel, wird in Zukunft nicht mehr so billig sein. Denn insbesondere das Schweinefleisch wird teurer: Um 40 Prozent sei der Preis für Schweinefleisch gestiegen - das liegt unter anderem an einer Epidemie, die US-Mastschweine betroffen hat. In Deutschland ist die Produktion des Fleisches 2013 geschrumpft, so Zahlen der EU-Kommission. Auch der Bestand ist rückläufig. Quelle: dpa

Praktisch werden Kredite an Unternehmen auch durch einen Strafzins nicht zwingend attraktiver. Gerade in den Peripherieländern, wo die Kreditvergabe weiterhin auf Sparflamme läuft, schrecken die Banken vor möglichen Risiken zurück. Zwar schreiten die Reformen in Ländern wie Portugal oder Griechenland voran, dennoch fürchten die Institute weitere Einschnitte, die Investitionen bremsen könnten.

Mehrere Beispiele

Zwar wären negative Einlagezinsen in der Euro-Zone ein Novum, andere Länder haben den Strafzins aber schon ausprobiert. Nicht nur in der Schweiz gab es schon Negativzinsen, auch Dänemark nutzte den Strafzins, um die dänische Krone ein wenig einzubremsen. 2012 sollten so hohe Kapitalzuflüsse aus der Euro-Zone abgefedert werden. Zeitweise lag der Zins bei minus 0,25 Prozent.

Allerdings reagierten die Banken nicht wie erhofft. Statt die Sparzinsen zu senken, erhöhten sie die Zinsen für Unternehmenskredite. Sie gaben die Strafgebühren also einfach an ihre Kunden weiter. Für die Euro-Zone wäre eine solche Zinserhöhung bei Unternehmenskrediten fatal.

Die EZB rechnet offenbar nicht mit einem solchen Szenario. Praet verweist im "Zeit"-Interview sogar auf das Beispiel Dänemarks. Dort habe der Minuszins dazu beigetragen, die Aufwertung der dänischen Krone abzumildern.

Sollte dieser Mechanismus auch beim Euro wirken, wäre diese Baustelle vorübergehend behoben. Auch in Schweden gab es einen Minuszins - allerdings räumen dortige Notenbanker selbstkritisch ein, das ganze habe eher Symbolcharakter gehabt, da die Banken nur wenig Einlagen bei der Zentralbank hatten.

Auch wenn die Lage der Euro-Zone und Schwedens kaum zu vergleichen sind - zu befürchten ist, dass der Negativzins auch hier kaum Wirkung zeigt. Denn in der Realwirtschaft wird das Geld der Banken vermutlich nicht ankommen, es könnte höchstens den Interbankenmarkt, auf dem sich Geldinstitute untereinander Geld leihen, wieder beleben.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Das Dilemma der EZB: Senkt sie den Einlagezins nur leicht ins Negative, dürfte die Wirkung marginal sein. Es könnte höchstens helfen, den Wechselkurs zumindest vorübergehend ein wenig zu drücken, dieses Ziel könnten die Notenbanker also erreichen. Senkt man den Einlagezins allerdings zu weit, droht dagegen das Dänemark-Phänomen - die Kreditnehmer sind die Leidtragenden und müssen höhere Zinsen zahlen.

Dieser kleine Spielraum beim Strafzins macht deutlich, wie marginal auch dessen Wirkung ausfallen kann. Zwar könnte er zumindest kurzfristig das Aufwerten des Euro ein wenig eindämmen. Um Draghis andere Baustelle, die niedrigen Inflationsraten, zu beseitigen, ist das Instrument aber nicht stark genug. Draghi nutzt es trotzdem, um seinen Kritikern zu beweisen, dass er was unternimmt.

Die richtig harten Waffen wie ein Anleihekaufprogramm könnten dadurch bis zum Herbst unter Verschluss gehalten werden.

Der Autorin auf Twitter folgen:

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%