Neuanfang Italien ohne Berlusconi

Italien ist nicht Berlusconi. Linke Katholiken, engagierte Unternehmer, starke Frauen: Welche Kräfte die Zukunft des Landes prägen werden.

Zu seinem Rücktritt war Berlusconi wohl zum letzten Mal auf allen Kanälen zu sehen. Quelle: REUTERS

Was haben wir gelacht über den Mann, und wie haben wir getrauert um das Land, das er jahrelang führte. Armes, geliebtes Italien! Doch nun ist Silvio Berlusconi weg, nicht aus dem Amt gefegt, sondern in einer nicht enden wollenden Agonie geschieden, im Palast der Macht ausgetrocknet, eine lebende Mumie. Jetzt müssen wir ohne ihn leben lernen. Das ist eine Erleichterung, doch einfach ist es nicht. Denn Berlusconi hat es uns leicht gemacht. Wir konnten den Kopf schütteln und uns in einer Mischung aus Entsetzen, Empörung und Widerwillen abwenden. Italien verstehen? Das war etwas für masochistisch veranlagte Politikwissenschaftler und sadistische Romantiker. Berlusconi zog all die Aufmerksamkeit auf sich. Hinter seiner grauslig-grotesken Maske verschwand ein faszinierendes, vielschichtiges Land, eine europäische Kulturnation fiel in den Schatten dieser burlesken Figur.

Der König von Italien
Silvio Berlusconi ist nicht nur berühmt und berüchtigt als Italiens Ministerpräsident. Der 75-Jährige ist mit einem von "Forbes" geschätzten Vermögen von 7,8 Milliarden Dollar (2010) auch einer der reichsten Mann im Land. Seine unternehmerischen Aktivitäten hat Berlusconi in der Familienholding Fininvest gebündelt. Ein Überblick über Berlusconis Milliardenimperium.
Noch vor dem Abschluss seines Jurastudiums 1959 wurde Berlusconi Geschäftsführer eines Mailänder Bauunternehmens. 1961 machte er sich mit der Firma Cantieri Riuniti Milanesi selbstständig. Berlusconi etablierte sich schnell als Investor zukunftsweisender Wohn- und Geschäftskomplexe um Mailand.
In den 70er Jahren richtete Berlusconi sein unternehmerisches Interesse zunehmend auf den Mediensektor. Fininvest, 1978 gegründet, erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 5,9 Milliarden Euro und fuhr einen Gewinn von 160 Millionen Euro ein. Unternehmensleiterin ist seine Tochter Marina Berlusconi. Das Unternehmen mit Sitz in Rom und Mailand, bei dem mehr als 20.000 Mitarbeiter beschäftigt sind, gehört nach Medienangaben zu 63,3 Prozent Silvio Berlusconi und zählt zu den größten Arbeitgebern des Landes. Der Wert der Unternehmen wird auf insgesamt rund sechs Milliarden Euro geschätzt.
Einen Anteil von jeweils 7,65 Prozent halten die Kinder Marina und Pier Silvio, die drei anderen Kinder Barbara (im Bild), Eleonora und Luigi teilen sich zusammen 21,4 Prozent. Zu Fininvest gehört das Film- und Fernsehunternehmen Mediaset, der Verlag Mondadori, die Finanzberatung Mediolanum, der Fußballverein AC Mailand und das Teatro Manzoni in Mailand.
Größter Umsatzbringer in Berlusconis Reich ist der Medienkonzern Mediaset (Umsatz 2010: 4,3 Milliarden Euro, Gewinn: 352,2 Millionen Euro), an dem Fininvest mit 39 Prozent beteiligt ist. Dazu gehören drei landesweite TV-Sender, die dem Ministerpräsidenten eine beachtliche mediale Präsenz sichern: Italia 1, Rete 4 und der Flagschiffsender Canale 5 - spezialisiert auf populäre Unterhaltungssendungen wie "C'è posta per te", "Amici", "Zelig" und "Big Brother". Mit einer durchschnittlichen Einschaltquote von 21,9 Prozent ist Canale 5 Italiens Marktführer.
Zum Mediaset-Konzern gehören neben der Werbeagentur Publitalia außerdem noch die spanischen Kanäle Cuatro und Telecinco und die Bezahlplattform Mediaset Plus. Zusätzlich betreibt das Unternehmen zahlreiche digitale Spartensender wie Boing, La 5, Iris und den Einkaufssender Mediashopping und hält Anteile an Produktionsfirmen und Werbeagenturen. Im November 2008 war Mediaset mit drei Prozent beim deutschen Bezahlsender Premiere - heute Sky (Bild) - eingestiegen.
Bücher, Zeitschriften (darunter das Magazin "Panorama") und Radiosender bündelt Berlusconi im Verlagshaus Mondadori, an dem Fininvest mit 50,1 Prozent beteiligt ist. Das Unternehmen mit seinen 3900 Mitarbeitern erzielte im vergangenen Jahr einen Gewinn von 97 Mio. Euro bei 1,82 Mrd. Euro Umsatz.

Von Sophia Loren zu Ruby Rubacuori

Was zum Beispiel war bloß aus den viel gerühmten und besungenen italienischen Frauen geworden? Lauter langbeinige, silikonbusige, käufliche Wesen! So wie Berlusconi sie in seinen Fernsehsendern zeigte, so wie er sie begehrte und in seine Villen holen ließ, erschienen sie uns, um dort seine berüchtigten Bunga-Bunga-Partys zu feiern. Wenn man vor der Berlusconi-Zeit von italienischen Frauen sprach, dann fielen einem Sophia Loren ein, Dacia Maraini oder Giulietta Masina. Doch in den Zeiten von Berlusconis Regentschaft dominierte tagelang ein 18-jähriges Mädchen namens Ruby Rubacuori die Schlagzeilen, angeblich eine Gespielin des Presidente, die einfach nur "schnell reich werden" wollte.

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