New Economics Weniger Finanzsektor ist mehr

Ein zu großer Finanzsektor kann das Wachstum eines Landes bremsen, sagt eine neue Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF).

Die zehn schlechtesten Volkswirtschaften
Platz 10: Spanien und SlowenienDie meisten der 34 OECD-Länder zählen zum entwickelten Teil der Welt mit demokratischen und marktwirtschaftlichen Grundwerten. Das Pro-Kopf-Einkommen ist relativ hoch. Entscheidend für unser Ranking ist das Abschneiden in fünf Vergleichskategorien. Neben dem BIP-Wachstum und der Arbeitsproduktivität sind der Bildungsstand der Bevölkerung, die Anzahl der Patentanmeldungen und der Anteil der erneuerbaren Energien wichtige Indikatoren einer erfolgreichen Volkswirtschaft. Platz zehn teilen sich Spanien und Slowenien. Der schwächste Wert beider Länder ist das BIP-Wachstum. Spanien konnte 2011 zwar noch ein mageres Wirtschaftswachstum von 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr vorweisen, aber inzwischen steckt das Land gar in einer Rezession. Sloweniens BIP schrumpft 2011 bereits um 0,2 Prozent. Dafür ist Slowenien bei der Arbeitsproduktivität ganz vorne mit dabei und wird nur von den arbeitswütigen Koreanern übertroffen.   Quelle: REUTERS
Platz 9: Mexiko Die schwache Innovationskraft Mexikos in Form von Patenten drückt die Wertung des mittelamerikanischen Landes, sowie der zweitniedrigste Bildungsstand innerhalb der OECD.  Dagegen punktet das mittelamerikanische Land mit einer recht hohen BIP-Wachstumsrate von 3,9 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt eines Landes spiegelt das Maß an Wohlstand und Beschäftigung wider, die Veränderungsrate dient als wichtigste volkswirtschaftliche Messgröße für das Wachstum eines Landes. Quelle: dpa
Platz 8: Portugal Die Wirtschaft des Euro-Sorgenkindes wächst schon lange nicht mehr, 2011 schrumpfte sie um 1,6 Prozent. Auch im Bildungsbereich liegt vieles im Argen, nur wenige Portugiesen erreichen einen Hochschulabschluss. Damit bildet Portugal fast das Schlusslicht der OECD, nur Griechenland schneidet noch schlechter ab. Allerdings deckt das südeuropäische Land 24 Prozent seines Gesamtenergiebedarfes über Erneuerbare Energien und spielt im OECD-Ranking ganz vorne mit. Die Förderung einer nachhaltigen Entwicklung gilt als wichtiges Kriterium. Denn bei einem tendenziell wachsenden Energieverbrauch schont der Rückgriff auf erneuerbare Energien die Ressourcen und die Umwelt des Landes – und damit auf lange Sicht auch den volkswirtschaftlichen Geldbeutel. Auch die Unabhängigkeit von Energieimporten wird zukünftig eine immer größere wirtschaftliche Rolle spielen. Quelle: dpa
Platz 7: ItalienDer schleichende Niedergang der drittgrößten Volkswirtschaft Europas spiegelt sich auch im OECD-Ranking wider. Die größte Schmach für das kulturell reiche Land ist der Bildungsstand der Italiener. Nur 15,25 Prozent der Bevölkerung haben einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss erreicht. Dabei ist eine gut ausgebildete Bevölkerung eine essentielle Voraussetzung für das Wohlergehen eines Landes. Denn nur gebildete Menschen können die Wirtschaft durch Qualifikation bereichern und durch Innovation voranbringen. Quelle: REUTERS
Platz 5: UngarnDen fünften Rang der schwächsten Volkswirtschaften der OECD teilen sich Ungarn und die Slowakische Republik. Ungarns Werte befinden sich gleichmäßig im unteren Mittelfeld, nur die Bildungsrate ragt negativ heraus. Mit nur 20,7 Prozent der Ungarn, die eine höhere Bildung erreicht haben, sticht das Land zwar Italien aus, befindet sich aber immer noch unter den am schlechtesten ausgebildeten OECD-Ländern. Quelle: gms
Platz 5: SlowakeiDie Slowakische Republik kennzeichnet zwar ein dynamisches Wachstum mit einer Rate von 3,3 Prozent, das schlechte Ranking erklärt sich aber vor allem durch die schwache Innovationskraft des Landes – die Slowaken bilden mit drei Patenten pro einer Million Einwohner das absolute Schlusslicht der OECD-Länder. Gemessen wird dabei die sogenannte Triaden-Patentfamilie, also ein Komplex von Patenten, die von den weltweit drei bedeutenden Patentämtern – dem Europäischen Patentamt (EPA), dem Japanischen Patentamt (JPO) und dem Patent- und Markenamt der Vereinigten Staaten (USPTO) – anerkannt wurden und damit als ausreichend richtungsweisende Neuerfindungen erscheinen. Die Anzahl der Patente ist ein wichtiger Faktor der Innovationskraft einer Gesellschaft, die eng mit den Bildungsstand und dem Wachstum des Landes verzahnt ist. Quelle: dpa
Platz 4: TschechienDas schlechte Ranking der Tschechischen Republik erklärt sich durch schwache Werte in allen Bereichen. Besonders mäßig fällt bei den Tschechen die Bildung mit einer Akademiker-Quote von 15,5 Prozent aus. Ausgesprochen gut ausgebildet sind die Kanadier, mit dem Spitzenwert von 48,4 Prozent, gefolgt von den Israelis (43,95 Prozent) und Japanern (41,55 Prozent). Quelle: dapd
Platz 3: LuxemburgWer hätte das gedacht, der europäische Musterschüler Luxemburg befindet sich in der Top-Drei der schwächelnden OECD-Volkswirtschaften. Die Luxemburger sind offensichtlich nicht die kreativsten Köpfe, nur 16 Patente pro einer Million Einwohner bekommen sie zustande. Die USA sind hier mit 13.415 die innovativsten Köpfe der OECD. Kaum verwunderlich, dass in Luxemburg der Anteil der erneuerbaren Energien mit 2,9 Prozent am zweitniedrigsten nur knapp vor Korea ist. Spitzenreiter beim umweltfreundlichen Energieverbrauch ist Island mit 85,3 Prozent. Quelle: dapd
Platz 2: IrlandErnüchternde Zahlen muss Irland verdauen: Die ohnehin schwache Arbeitsproduktivität der Iren ist, glaubt man den aktuellsten Zahlen der OECD, um 3,9 Prozent zurückgegangen. Das Bruttoinlandsprodukt pro geleisteter Arbeitsstunde wird als Arbeitsproduktivität bezeichnet. Mit dieser Größe ist das Verhältnis zwischen Leistung und Arbeitseinsatz gemeint, also die Effizienz und damit auch die Veränderung des Lebensstandards der Volkswirtschaft.   Quelle: dapd
Platz 1: GriechenlandDas europäische Sorgenkind Griechenland reißt alle Hürden. Gleich zweimal haben die Griechen das absolut schlechteste Ranking bekommen, sowohl bei der Arbeitsproduktivität als auch beim Wachstum. Wen wundert das Ergebnis: Schwächste Volkswirtschaft der OECD. Das andere Ende der Fahnenstange führen die Schweden an, Platz 34, gefolgt von Korea und Kanada. Deutschland landet auf einem gemütlichen Platz 24, immerhin in der stärkeren Hälfte der Volkswirtschaften. Quelle: dpa

Je größer und freier die Finanzmärkte, desto besser? Jahrzehntelang hat dieses Mantra die ökonomische Debatte bestimmt – und tut es trotz globaler Finanzkrise bisweilen noch heute: Der frühere US-Notenbankchef Alan Greenspan echauffierte sich unlängst, die neue strenge Finanzmarktregulierung beschere den USA „überschüssige Kapitalpuffer auf Kosten unseres Lebensstandards“. Der Finanzsektor, so die traditionelle Theorie, stellt Unternehmen und Verbrauchern effizient Kapital bereit, damit diese investieren und konsumieren können – was Wachstum und Wohlstand fördert. Liberale Ökonomen wie Greenspan argumentieren, dass dies umso besser funktioniert, je freier und kraftvoller der Finanzsektor agieren kann.

Großer Finanzsektor hemmt Realwirtschaft

Eine Studie (Jean-Louis Arcand, Enrico Berkes and Ugo Panizza: "Too much finance?", IMF Working Paper No. 161, Juni 2012) des IWF, der lange eine ähnliche Position verfochten hat, kommt nun zu etwas anderen Ergebnissen: Hat der Finanzsektor eines Landes eine bestimmte Größe erreicht, wirkt sich jede weitere Expansion wachstumshemmend auf die Realwirtschaft aus. Erreicht die Kreditvergabe an den Privatsektor (Unternehmen und Haushalte) 80 bis 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), bremst jeder weitere verliehene Euro die Wirtschaftsleistung.

Übersicht zu Ländern mit großen Finanzsektoren (zum Vergrößern bitte Bild anklicken)

Aus über 100 Ländern haben die IWF-Ökonomen Jean-Louis Arcand, Enrico Berkes and Ugo Panizza Daten von 1960 bis 2010 zu Kreditvergabe und BIP in Schätzverfahren miteinander in Beziehung gesetzt. „Das Ergebnis ist überraschend konsistent“, schreiben die Autoren. Besonders stark sei der negative Zusammenhang zwischen Krediten und Wachstum in Ländern mit einer hoch entwickelten Finanzindustrie. „Die Liste der Länder über der Marke von 110 Prozent schließt fast alle Länder ein, die von der Finanzkrise am stärksten betroffen sind: Island, die USA, Irland, Großbritannien, Spanien und Portugal“, schreiben die IWF-Experten.

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Doch warum kann ein großer Finanzsektor wachstumshemmend sein? Zum einen glauben die Autoren, verstärkt er ökonomische Schwankungen. Zum anderen zieht er auch in wirtschaftlich stabilen Zeiten Ressourcen und Talente ab, die an anderer Stelle produktiver eingesetzt werden können.

Völlig neu sind diese Thesen zwar nicht, Ökonomen wie Hyman Minsky und James Tobin haben schon vor Jahrzehnten ähnlich argumentiert. Doch die Autoren liefern neue Daten und eine empirische Unterfütterung. Ihr Fazit: „Unsere Analyse legt nahe, dass in einigen Ländern ein kleinerer Finanzsektor wünschenswert wäre.“

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