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Nicolas Baverez "Frankreichs Wirtschaft ist im freien Fall"

Der französische Soziologe Nicolas Baverez kritisiert, dass viele Beamte nur 32 Stunden pro Woche arbeiten und zwölf Wochen Urlaub bekommen. Das Land brauche dringend Reformen.

Nicolas Baverez Quelle: Laif

WirtschaftsWoche: Herr Baverez, was bedeutet der Verlust des Triple-A-Ratings für Frankreich?

Nicolas Baverez: Die Herabstufung ist Folge der Unfähigkeit zu Reformen, Barometer und Symbol des französischen Niedergangs. Frankreich ist dabei, die Kontrolle über sein Schicksal zu verlieren. Auf Dauer droht dem Land wegen der Explosion seiner Schulden und der wirtschaftlichen Stagnation die Zahlungsunfähigkeit. Frankreich wird weit hinter Deutschland zurückgeworfen, das allein die Führungsrolle in Kontinentaleuropa übernimmt.

Schon seit 2009 schlittert Frankreich immer tiefer in die Krise.

Ja, weil Sarkozy viel zu früh der Auffassung war, die Krise sei vorbei, und er könne weitermachen wie vorher. Frankreichs Wirtschaft lebt von einem Konsum, der weitgehend durch Sozialtransfers finanziert wird. Diese machen mittlerweile 33 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. All das wird finanziert durch öffentliche Verschuldung. Die Vorstellung, neue Schulden seien das beste Mittel gegen die übermäßige Verschuldung, ist falsch und wird den Niedergang Frankreichs beschleunigen.

Wie die Agenturen bewerten
Wie die Ratingagenturen die Staaten bewertenDie Ratingagentur S&P hat Frankreich die Topnote entzogen, das sogenannte „Triple A“. Bereits im November hatte die Agentur die zweitgrößte europäische Volkswirtschaft herabgestuft - allerdings nur versehentlich aufgrund eines „technischen Fehlers“. Ratings (S&P/Moody's/Fitch): AA+/Aaa/AAA Quelle: dapd
Österreich hat Anfang 2012 sein Spitzenrating verloren, jedenfalls wenn es nach S&P geht. Experten bemängeln, die Regierung von Kanzler Werner Faymann habe nicht ausreichend gespart. Zudem sei die österreichische Wirtschaft stark mit der italienischen verwoben. Wenn die Krise im Nachbarland weitergeht, könnten andere Agenturen folgen. Doch bislang blieb alles beim alten. Ratings (S&P/Moody's/Fitch): AA+/Aaa/AAA Quelle: Reuters
Ungarische Gedenkmünze Quelle: dpa
Portugiesischer Euro unter der Lupe. Quelle: dpa
Die Ära Silvio Berlusconi ist zu Ende, Mario Monti übernimmt. Doch die Probleme Italiens wachsen weiter. Der italienische Schuldenberg ist der zweitgrößte in Europa. Nur Griechenland hat noch mehr Schulden. Alle drei großen Ratingagenturen haben die Kreditwürdigkeit des Landes herabgestuft, weitere Negativurteile drohen. An den Anleihemärkten sind die Renditen inzwischen auf Niveaus gestiegen, zu denen sich Italien kaum noch refinanzieren kann. Rating (S&P/Moody's/Fitch): A/A2/A- Quelle: dpa
Die Ratingagenturen haben den Daumen über Griechenland als erstes gesenkt. Bereits im Juni 2011 stuften sie das Land als erstes aus Europa auf Ramschniveau herab. Mittlerweile ging es wieder bergauf. Nur Moody's hält seit März 2012 das Rating auf dem niedrigsten Niveau. S&P und Fitch sind etwas nachsichtiger – auch deshalb hat Athen die rote Laterne beim Rating der EU-Staaten abgegeben. (S&P/Moody's/Fitch): B-/C/B- Quelle: Reuters
Premierminister José Luis Rodriguez Zapatero wird die Sorgenfalten nicht los. Spanien bewertet die Ratingagentur Fitch seit Ende Januar mit A statt AA-minus. Die Ratingagentur Moody’s hatte die Bonitätsnote von Spanien bereits im Herbst um zwei Stufen gesenkt, auf "A1". Die Ratingagentur setzte zudem den Ausblick für die Note auf "negativ", in Zukunft sind also weitere Abstufungen möglich. Spanien bleibe in der Krise weiterhin für Marktturbulenzen anfällig, erläuterten die Bonitätswächter. Das Land habe einen großen Finanzierungsbedarf und außerdem hoch verschuldete Banken und Konzerne. Zudem werde ein schwaches Wirtschaftswachstum das Erreichen der ehrgeizigen Sparziele erschweren. S&P hat seine Drohungen wahr gemacht und das Land als eines von neun Euro-Staaten herabgestuft. Quelle: dapd

Sie sehen also keine Rettung?

Die Wachstumsrate liegt um die null, die Arbeitslosenquote beträgt mehr als zehn Prozent, das Außenhandelsdefizit liegt bei der Rekordsumme von 75 Milliarden Euro, Defizit und Schuldenstand ufern unkontrolliert aus. Die Privatwirtschaft befindet sich im freien Fall. Der öffentliche Sektor beschäftigt 5,4 Millionen Beamte, 500 000 mehr als in Deutschland, das 20 Millionen Einwohner mehr zählt.

Was wäre denn zu tun?

Das, was andere Länder auch gemacht haben. Kanada hat seinen Staat reformiert und die öffentlichen Ausgaben in den Griff bekommen, Schweden hat seine Banken restrukturiert und sein Sozialsystem auf eine neue Grundlage gestellte, Deutschland hat unter Bundeskanzler Gerhard Schröder wieder einen leistungsfähigen Produktionsapparat aufgebaut.

Wo müsste man in Frankreich ansetzen?

Zuallererst muss man die öffentlichen Finanzen in den Griff bekommen, indem man bis 2016 etwa 120 Milliarden Euro einspart. Das muss zu 80 Prozent durch Ausgabensenkungen geschehen, die speziell Sozialtransfers betreffen, und zu 20 Prozent durch gezielte Steuererhöhungen sowie durch Privatisierungen.

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