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Nobelpreisverleihung Wir müssen "mehr Europa wagen"

Mehr Europa, mehr Frieden: Die Europäische Union ist am Montag mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden. Der EU-Ratspräsident Hermann Van Rompuy will deshalb trotz Krise mehr Europa zulassen.

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Die Europäische Union ist mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Über 500 Millionen Bürger leben in der Staatengemeinschaft. Quelle: dpa

Die EU habe entscheidend daran mitgewirkt, Europa von einem Kontinent des Krieges zu einem Kontinent des Friedens zu machen. Dafür bekam die Europäische Union am Montag in Oslo den Friedensnobelpreis. EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy; Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Parlamentspräsident Martin Schulz nahmen die Auszeichnung stellvertretend für 500 Millionen Europäer entgegen. Die europäischen Staats- und Regierungschefs, die an der Verleihungszeremonie in Osloer Rathaus teilnahmen - darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) -, quittierten die Verleihung mit Ovationen. Auch der norwegische König Harald und seine Familie nahmen an der Feierstunde teil.

Das Komitee hatte der EU am 12. Oktober überraschend den mit acht Millionen schwedische Kronen (930.000 Euro) dotierten Preis zugesprochen. Es würdigt damit den Beitrag der Union für die Verbreitung von Frieden, Versöhnung, Demokratie und Menschenrechten in Europa. Die EU will das Preisgeld für Kinder stiften, die zu Kriegsopfern geworden sind.

In seiner Rede am Montag wies Komitee-Chef Jagland einmal mehr daraufhin, dass die EU den Kontinent nach zwei Weltkriegen wieder zusammengeschweißt habe. Er rief Europa auf, auch während der Schuldenkrise auf das Miteinander zu setzen und sich nicht wieder auf nationale Interessen zu beschränken.

Van Rumpuy will mehr Europa trotz Krise

Reaktionen auf den Friedensnobelpreis
Der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher:Der frühere Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher hält die Verleihung des Friedensnobelpreises an die Europäische Union für verdient. Die Preisvergabe würdige vor allem das Verdienst der EU, Konflikte gemeinschaftlich und friedlich zu überwinden, sagte Genscher am Montag: „Damit wird die Aufmerksamkeit wieder auf das gerichtet, was für viele als Selbstverständlichkeit gilt: Nämlich dass es hier in Europa keinen Krieg gibt.“ Der Friedensnobelpreis sei ein Bürgerpreis, auf den jeder stolz sein könne. „Die Bürger sind es, die den europäischen Gedanken tragen, die den Frieden bewahren und sichern, und ihnen gebührt dieser Preis“, sagte der FDP-Politiker. Gleichzeitig äußerte er die Erwartung, dass die bekennenden Europäer sehr viel offensiver gegen jene Kräfte diskutieren, die Europa herabsetzten. „Alte Fehler dürfen nicht wiederholt werden“, warnte Genscher. Quelle: dapd
Bundeskanzlerin Angela Merkel:Merkel begrüßte die Verleihung des Friedensnobelpreises als „wunderbare Entscheidung“. „Das ist Ansporn und Verpflichtung zugleich - auch für mich ganz persönlich“, sagte sie. Sie habe immer wieder darauf hingewiesen, dass der Euro mehr sei als eine Währung. „Wir sollten auch gerade in diesen Wochen und in diesen Monaten, in denen wir für die Stärkung des Euro arbeiten, genau dies nicht vergessen.“ Am Ende gehe es immer um die ursprüngliche Idee Europas als Friedens- und Wertegemeinschaft. 60 Jahre Frieden in Europa seien für die Menschen, die jetzt in der EU lebten, eine lange Zeit, sagte Merkel. „In der Geschichte ist es nur ein Wimpernschlag.“ Deswegen dürfe man nie vergessen, dass man sich immer wieder für den Frieden einsetzen müsse. Quelle: REUTERS
Altbundeskanzler Helmut Kohl:Kohl hat die Ehrung der Europäischen Union mit dem Friedensnobelpreis als "klug und weitsichtig" begrüßt. "Ich freue mich sehr über diese Entscheidung", erklärte der 82-Jährige in einer schriftlichen Stellungnahme. Die Entscheidung des Nobelkomitees sei "vor allem eine Bestätigung für das Friedensprojekt Europa". Zudem sei die Ehrung "eine Ermutigung für uns alle, auf dem Weg des geeinten Europa weiter voranzugehen". Kohl endete mit den Worten: "Als Europäer haben wir heute allen Grund, stolz zu sein. Ich bin es." Quelle: dpa
Gerhard Schröder Quelle: dpa
EU-Kommisionspräsident Jose Manuel Barroso:Barroso schrieb beim Kurznachrichten-Dienst Twitter: „Es ist eine große Ehre für die gesamte EU, für alle 500 Millionen Bürger, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden zu sein.“ Quelle: dpa
Regierungssprecher Steffen Seibert:"Die Bundesregierung, die Bundeskanzlerin persönlich, gratuliert der EU, ihren Organen und all ihren Mitarbeitern", sagte Seibert. "Wir sehen darin eine Bestätigung, eine Ermutigung für das große Friedensprojekt, das diese Europäische Union über den europäischen Kontinent ausgebreitet hat, der lange Phasen des Friedens sehr selten gekannt hat." Quelle: REUTERS
Bundesaußenminister Guido Westerwelle:Westerwelle sagte, die Auszeichnung sei eine "großartige Entscheidung, die mich stolz und glücklich macht". Die europäische Integration sei das erfolgreichste Friedensprojekt der Geschichte. "Aus den Trümmern von zwei schrecklichen Weltkriegen sind Frieden und Freiheit gewachsen, aus Erbfeinden sind gute Freunde und untrennbare Partner geworden", betonte der Außenminister. Quelle: dpa

EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy hat die 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union inmitten der Finanzkrise dazu aufgerufen, „mehr Europa“ zu wagen. „Europa ist die Lösung für die Krise, nicht die Ursache der Krise“, sagte Van Rompuy am Montag in Oslo. „Die Antwort ist: Mehr Europa, mehr Integration“, sagte Van Rompuy. „Und wir arbeiten daran seit dem Ausbruch der Krise.“
Bis zum Beginn der großen Finanzkrise sei Europa eine „Win-Win-Situation“ gewesen. „Die meiste Zeit hat es keiner Anstrengungen der Mitgliedsstaaten bedurft, etwa am Binnenmarkt teilzunehmen“, sagte der EU-Ratspräsident, dessen Amtszeit in zwei Jahren enden wird. „Nun ist es zum ersten Mal ein Test auf Solidarität und ein Test auf Verantwortlichkeit“, betonte der Belgier mit Blick auf die Eurokrise.

Die Länder mit finanziellen Schwierigkeiten müssten ihre Haushalte ohnehin in Ordnung bringen - mit und ohne Euro als Gemeinschaftswährung. „Die Europäische Union hilft ihnen dabei, Probleme zu überbrücken“, sagte Van Rompuy. Etwa dann, wenn Länder ohne Hilfe keinen Zugang mehr zu den Finanzmärkten bekommen. Van Rompuy glaubt, dass für die Gemeinschaftswährung die schlimmste Zeit vorüber sein könnte. „Wir sind nun in sehr viel ruhigeren Gewässern als noch vor einem halben Jahr“, sagte Van Rompuy. „Die unmittelbare Bedrohung ist fast vorüber.“
Der EU-Ratspräsident sprach sich dafür aus, in Europa künftig Mechanismen zu schaffen, die effektivere und rechtzeitigere Warnsysteme enthalten. Das wichtigste sei, eine gemeinsame Finanzaufsicht zu schaffen. „Ich hoffe noch und bin ganz sicher, dass wir das noch in diesem Jahr schaffen werden“, sagte Van Rompuy.

Die größten Netto-Zahler der EU
Touristen in Helsinki Quelle: dapd
Eine Windkraftanlage nahe Dänemark Quelle: dapd
Der Wiener Opernball Quelle: dpa
Da Atomium in Belgien Quelle: REUTERS
Eine Mitarbeiterin in der Schwedischen Botschaft in Minsk Quelle: REUTERS
Frau Antje Quelle: AP
Das Colosseum Quelle: REUTERS

„Ich habe eine Menge Hinweise, dass der politische Wille da ist, eine Lösung zu finden.“ Auch für die Verabschiedung eines Sieben-Jahres-Haushaltes in der EU zeigte sich der Belgier optimistisch: „Ich bin weiterhin hoffnungsvoll, dass wir eine Lösung im Frühjahr nächsten Jahres finden werden.“
Nicht alle bewerten die Auszeichnung der Staatengemeinschaft als positiv. Kritik an der Preisvergabe an die EU kam unter anderem von Amnesty International: Die Organisation warf der EU vor, durch die Abschottung ihrer Grenzen Menschen in Not zu bringen.

Auch von britischer Seite kam Kritik: Nigel Farage, Vorsitzender der euroskeptischen britischen Partei UK Independence Party fand wenig Lob für die Ehrung: "Das zeigt, dass die Norweger wirklich Humor haben. Die EU sollte den 'Trottelpreis für Frieden' bekommen, weil sie sicher keinen Wohlstand geschaffen hat. Die EU hat für Millionen Armut und Arbeitslosigkeit geschaffen", so der Euroskeptiker.

Geehrt werden auch Chemiker, Physiker und Literaten


Die zehn größten Euro-Lügen
Ex-EZB-Chef Jean-Claude Trichet Quelle: dpa
Wolfgang Schäuble Quelle: dpa
Giorgios Papandreou Quelle: dpa
Wolfgang Schäuble Quelle: dapd
Chef der Eurogruppe Jean-Claude Juncker Quelle: dapd
Angela Merkel mit Draghi Quelle: dapd
Mariano Rajoy Quelle: REUTERS

Die Der Friedensnobelpreis bleibt nicht die einzige Auszeichnung, verliehen wird. Ebenfalls am 10. Dezember - dem Todestag von Alfred Nobel - werden die Nobelpreise für Medizin, Chemie, Physik, Literatur und Wirtschaft vergeben.

Der Nobelpreis für Physik teilen sich in diesem Jahr der Franzose Serge Haroche und der Amerikaner David J. Wineland. Sie wurden für ihre herausragenden experimentellen Methoden im Bereich der Quantenphysik ausgezeichnet. Mit seinen Beobachtungen der Dekohärenz gelang es Haroche, das Gedankenspiel Schrödingers Katze auch experimentell fassbar zu machen.

Auch die Chemiker Robert J. Lefkowitz und Brian K. Kobilka werden heute mit der höchsten Auszeichnung für Wissenschaftler geehrt. Sie erforschten die Mechanismen, durch welche Zellen ihre Umwelt wahrnehmen.

Der Nobelpreis für Medizin geht an den Briten Sir John B. Gurdon und den Japaner Shinya Yamanaka. Sie entdeckten, dass bereits reife und hoch spezialisierte Zellen neu programmiert werden könnten.

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Der Literaturnobelpreisträger Mo Yan wirbelte in den vergangenen Tagen die europäische Presselandschaft auf: Die Kritik an seiner politischen Rolle in China hat er als „Dreckwasser“ zurückgewiesen. Bei der Nobelvorlesung drei Tage vor Verleihung der Auszeichnung sagte der 57-Jährige am Freitag in Stockholm, er werde „mit Blumen überhäuft, aber auch mit Steinen beworfen und mit Dreckwasser überschüttet“. Kritiker werfen dem Schriftsteller Anpassung an die Machthaber in Peking vor. Mo Yan hatte die Zensur in China mit lästigen, aber unumgänglichen Sicherheitskontrollen an Flughäfen verglichen. Unterstützung für den inhaftierten Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo lehnte er in Stockholm ab. Auch die Wirtschaftswissenschaften haben zwei weitere Nobelpreisträger in ihren Reihen: die Spieltheoretiker Alvin E. Roth und Lloyd S. Shapley.

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