WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Notenbanken Unstimmigkeiten im EZB-Rat

Der Rückhalt Mario Draghis im EZB-Rat schwindet mehr und mehr. Neben dem finnische Notenbankpräsident Liikanen, schlägt auch EZB-Chefvolkswirt Praet kritische Töne an.

Liikanen Quelle: AP

EZB-Präsident Mario Draghi verliert den Rückhalt im EZB-Rat für eine Fiskalunion. EZB-Ratsmitglied Liikanen lehnt diese ab– und auch der EZB-Chefvolkswirt Praet kritisiert Draghi.

Laut Draghi könnten viele Entscheidungen nur auf europäischer Ebene effizient getroffen werden. Der finnische Notenbankpräsident Erkki Liikanen widersprach heftig: „Ich kenne Brüssel gut genug, um zu wissen, man sollte nicht zu viele Verantwortlichkeiten an die EU abgeben“ sagte er in einem Interview mit der WirtschaftsWoche. Europa ist laut Liikanen „kein Ersatz für die Nationalstaaten. Wir brauchen eine stärkere Haftung auf nationaler Ebene, und wir brauchen starke Rahmenbedingungen auf europäischer Ebene“, sagte der Notenbankpräsident.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy, Euro-Gruppenchef Jean-Claude Juncker und EZB-Chef Draghi arbeiteten derzeit an einer Fiskalunion, in der sich Brüssel in die Haushaltspolitik der einzelnen Mitgliedsstaaten einmischen darf.

Wohin steuert Mario Draghi die EZB?
Eines kann man Mario Draghi sicher nicht vorwerfen: Tatenlosigkeit. Seit der Italiener vor bald 100 Tagen an die Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) aufrückte, kramt er tief im Instrumentenschrank. Schließlich brennt es im Euroraum lichterloh - und nicht wenige sehen in der EZB den einzigen potenten Retter im Kampf gegen Schuldenkrise, drohenden Bankenkollaps und Rezession. „Realistisch gesehen verfügt gegenwärtig nur noch die Geldpolitik über die Mittel, die Wirtschaft zu beleben“, sagt etwa Ansgar Belke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Quelle: dpa
Draghi wurde fündig. Gleich zum Amtsantritt nahm der Bank- und Finanzexperte die Zinserhöhungen von Jean-Claude Trichet (rechts) zurück. „Dies war ein Einstand mit Pauken und Trompeten, denn Draghi korrigierte die viel zu restriktive Geldpolitik seines Vorgängers“, lobt Thomas Steinemann, Chefstratege der Bank Vontobel. Quelle: dapd
Dass der renommierte Ökonom Draghi, der seit seiner Zeit bei den Analysten von Goldman Sachs den Beinamen „Super-Mario“ trägt, mit der Lockerung der Zinsschraube typisch südländisch handelte und vor allem seinem angeschlagenen Heimatland diente, glaubt in Notenbankkreisen niemand. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann soll sogar überrascht sein, in Draghi einen engen Verbündeten zu haben, für den Geldwertstabilität auch bei Konjunkturflauten das Oberziel der Notenbank bleibt. Quelle: Reuters
Während er den Leitzins bisher „nur“ auf das frühere Rekordtief senkte, betrat der Italiener mit einer anderen Maßnahme Neuland: Um einen Bankenkollaps samt Kreditklemme zu verhindern, flutete die EZB die Banken mit billigem Geld für die Rekordlaufzeit von drei Jahren. Die Draghi-„Bazooka“ wirkte: Seither können sich klamme Staaten günstiger finanzieren, Aktienkurse starteten zum Höhenflug. „Wir haben eine schwere Kreditkrise verhindert“, ist Draghi überzeugt. Quelle: dpa
Ohne Zweifel: Der Schritt hat die hypernervösen Märkte nicht nur beruhigt, sondern beflügelt. Für Ende Februar ist ein zweites Dreijahresgeschäft geplant, bei dem sich Europas Banken womöglich bis zu einer Billion Euro bei der Zentralbank leihen. „Sollte sich die Lage verschärfen, dann wäre die EZB bereit, auch einen dritten und vierten Tender mit einer Laufzeit von drei Jahren durchzuführen“, ist Jürgen Michels, Europa-Chefvolkswirt der Citigroup, überzeugt. Quelle: dpa
Der Präsident des Privatbankenverbandes BdB, Andreas Schmitz, lobt den „Schuss Pragmatismus“, mit dem die EZB in den vergangenen Monaten für Entschärfung der Krise gesorgt habe. „Aber Geld- und Fiskalpolitik müssen wieder getrennte Wege gehen“, betont Schmitz. Er habe „nicht den leisesten Zweifel“, dass Draghi das auch so sehe. Quelle: dpa
Das gigantische Verleihgeschäft birgt Gefahren. Während das Inflationsrisiko nicht unmittelbar steigt, rückte die Notenbank näher an die Politik. Denn obwohl dies nach Draghis Bekunden nicht das Ziel war, lädt das Dreijahresgeld quasi zum Nulltarif die Banken förmlich dazu ein, staatliche Bonds zu kaufen. Damit werde die EZB durch die Hintertür zum Staatsfinanzierer, moniert DIW-Experte Ansgar Belke. Quelle: PR

Wer mehr Geld brauche als er selbst erwirtschafte, müsse seinen Bedarf bei der Gruppe der Euro-Finanzminister anmelden, hieß es. Diese solle nach den Vorstellungen der vier hochrangigen EU-Planer entscheiden, welche Finanzwünsche von welchem Land in welcher Höhe gerechtfertigt sind, und dann gemeinsame Euro-Anleihen ausgeben, um diese Schulden zu finanzieren. Die exklusive Ministerrunde würde von einem hauptamtlichen Vorsitzenden geleitet, der am Ende sogar zum europäischen Finanzminister aufsteigen könnte.

Kritik an der Fiskalunion

Der finnische Notenbankpräsident Liikanen lehnt eine Übertragung der Budgetverantwortung von den Nationalstaaten auf die europäische Ebene ab. „Die Verantwortlichkeit für die eigenen Staatsfinanzen sollte niemals abgegeben werden. Diejenigen, die über die Ausgaben bestimmen, müssen auch das dafür nötige Geld einsammeln“, sagte Liikanen in einem Interview mit der WirtschaftsWoche.

Draghi behauptete bei einer Konferenz in Frankfurt hingegen, dass durch Integration keine Souveränität abgegeben werde, sondern die diese nur geteilt werde. Das kommentierte EZB-Chefvolkswirt Peter Praet, der ebenfalls anwesend war: „Hier muss ich dem Präsidenten widersprechen. Integration bedeutet immer auch Abgabe von nationaler Souveränität.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Bundesbankpräsident Jens Weidmann sieht eine Fiskalunion ebenfalls kritisch. Er hat Deutschland davon abgeraten, einer Fiskalunion beizutreten und unbedacht mehr finanzielle Risiken mit seinen europäischen Partnern zu teilen. Seine Skepsis gegenüber begründete der Währungshüter unter anderem mit traditionellen Unterschieden der europäischen Länder bei sozialen Sicherungssystemen und Staatsquote.

Es seien vor allem die Länder mit finanziellen Problemen, die eine gemeinsame Haftung für Risiken wollten, warnte der Bundesbank-Chef bei einer Rede in Mannheim am Donnerstag. Weidmann plädierte dafür, die derzeit stark diskutierte europäische Fiskalunion auf das Nötigste zu beschränken. Einer Bankenunion ohne Fiskalunion erteilte er eine Absage.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%