Nuklearunfall Atomunfall im Südosten der Ukraine

Der ukrainische Regierungschef Jazenjuk spricht von einem „Unfall“ im größten Atomkraftwerk Europas. Und weckt damit böse Erinnerungen an den Gau von Tschernobyl 1986. Der Energieminister beschwichtigt.

Ministerpräsident Arseni Janzeniuk hat eine Pressekonferenz angekündigt. Quelle: dpa

Die ukrainische Regierung hat über einen „Unfall“ in einem Atomkraftwerk informiert und damit im Westen zeitweise Sorgen vor einer möglichen neuen Katastrophe wie in Tschernobyl ausgelöst. Energieminister Wladimir Demtschischin beschwichtigte jedoch bei einer Pressekonferenz, es habe sich im Atomkraftwerk Saporoschje um einen relativ harmlosen Zwischenfall gehandelt. „Nein, es gibt nichts Gefährliches“, sagte er am Mittwoch in Kiew.

Das „Problem“ im leistungsstärksten Kernkraftwerk Europas sollte bis zu diesem Freitag beseitigt sein, fügte er hinzu. Diese Angaben wurden indirekt von der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) in Wien bestätigt. Es gebe keine Hinweise auf einen Atomunfall, hieß es. Ähnlich äußerte sich auch die Bundesregierung.

Chronik der Atomkraft in Deutschland
AKW Lubmin Quelle: dpa
Harrisburg Quelle: dapd
AKW Grundremmingen Quelle: dpa/dpaweb
AKW Krümmel Quelle: dpa
Tschernobyl Quelle: dpa
1987: Inbetriebnahme AKW Mülheim-Kärlich 1988: Stilllegung AKW Mülheim-Kärlich, Inbetriebnahme AKWs Emsland, Isar 2 1989: Der Chef des E.On-Vorgängers Veba Rudolf von Bennigsen-Foerder stoppt den Bau der Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Brennstäbe in Wackersdorf. Mehr als 30.000 Demonstranten liefen gegen den Bau Sturm. Es kam zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten. Am 31.Mai wurde der bis dahin etwa 10 Milliarden DM teuer Bau eingestellt. Am 6. Juni unterzeichneten Deutschland und Frankreich Verträge über eine gemeinsame Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague. Urheber des Bildes: Wikida Quelle: Creative Commons
Fässer mit Resten aus dem AKW Rheinsberg Quelle: dpa/dpaweb
1998: EnBW entsteht aus der Energieversorgung Schwaben und dem Badenwerk. Liberalisierung des Strommarktes: Verbraucher können wählen, wer den Strom liefern soll Quelle: dpa
2000: Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) tritt in Kraft. Der Düsseldorfer Energieriese E.On entsteht aus der Fusion der beiden Mischkonzerne Veba und Viag. Quelle: dapd
2001: Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) beschließen Ausstieg aus der Atomkraft innerhalb von 20 Jahren. Auch E.On, RWE und Co. erhalten die Möglichkeit, in erneuerbare Energien zu investieren, lassen diese Chance jedoch weitgehend verstreichen. Stattdessen spekulieren sie auf eine Laufzeitverlängerung der AKWs nach einer möglichen Regierungsübernahme durch Schwarz-Gelb. Quelle: AP
2002: Der schwedische Energiekonzern Vattenfall wird nach Übernahmen zum viertgrößten Stromkonzern in Deutschland. E.On verkauft seine Beteiligung am Logistikkonzern Stinnes Quelle: dpa
AKW Stade Quelle: REUTERS
2007: Abschaltung des AKW Brunsbüttel, 75 km nordwestlich von Hamburg. Gesellschafter sind Vattenfall und E.On. Das Kraftwerk gilt als eines der störanfälligsten in Deutschland. Im November 2012 leitete Vattenfall das Rückbauverfahren ein. Quelle: dapd
2010: RWE-Chef Jürgen Großmann greift Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in der Atomdebatte an. Monate später beschließt Schwarz-Gelb längere Laufzeiten für deutsche AKWs. Quelle: dpa
2011: Im japanischen Fukushima kommt es am 11. März 2011 nach einem schweren Erdbeben und einem Tsunami zur Kernschmelze in drei von sechs Reaktorblöcken. Rund 150.000 Einwohner mussten das Gebiet vorübergehend oder dauerhaft verlassen. Das Gebiet ist auf Jahrzehnte verstrahlt. Die Entsorgungsarbeiten werden voraussichtlich 30 bis 40 Jahre dauern. Die Kosten werden auf 150 bis 190 Milliarden Euro geschätzt. Drei Monate später nimmt Schwarz-Gelb die Laufzeitverlängerung zurück und setzt die Abschaltung von Isar 1, Unterweser, Biblis A/B, Philippsburg 1, Neckarwestheim 1, Krümmel, Brunsbüttel durch. Quelle: dapd
2013: RWE macht erstmals Verlust: drei Milliarden Euro Quelle: dpa
Das bringt die Zukunft2015: Abschaltung AKW Grafenrheinfeld 2017: bis 2022 Ende für die AKWs Grohnde, Philippsburg 2, Gundremmingen B/C, Isar 1/2, Brokdorf, Neckarwestheim 2, Emsland Quelle: dpa

Der Defekt im dritten Reaktorblock, angeblich ein Kurzschluss, hat sich nach Angaben des Betreibers Energoatom bereits am 28. November ereignet. Die AKW-Leitung hatte darüber am nächsten Tag informiert. Erhöhte Radioaktivität sei nicht gemessen worden, hieß es. Auch der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat in den vergangenen Tagen keine erhöhte Radioaktivität in Deutschland registriert. Die routinemäßigen Messungen hätten nichts Auffälliges ergeben, sagte ein DWD-Sprecher der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch.

Energoatom teilte mit, der Defekt werde auf der internationalen Atom-Unfall-Skala Ines mit „unter Null“ bewertet.

Jazenjuk hatte im Parlament von einem „Unfall“ gesprochen und Demtschischin mit Nachdruck aufgefordert, Aufklärung über die Störung in dem Meiler mit insgesamt 6000 Megawatt Leistung zu geben. Der Energieminister solle Auskunft geben, welche Folgen der Defekt habe, sagte Jazenjuk örtlichen Medien zufolge.

„Das ist eine technische Frage - und obwohl der dritte Block abgeschaltet ist, stellt er keine Gefahr dar“, antwortete der neu ernannte Ressortchef. Jazenjuk wies Demtschischin auch an mitzuteilen, wann die normale Versorgung wieder aufgenommen wird. Der Strom war Medien zufolge gedrosselt worden.

Saporoschje liegt rund 570 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Kiew und 200 Kilometer vom Kampfgebiet in der Ost-Ukraine entfernt. Der dritte Block war 1986 in Betrieb genommen worden. Im gleichen Jahr hatte sich im mittlerweile stillgelegten ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl ein schwerer Unfall ereignet.

Nach einer Explosion im dortigen vierten Reaktorblock wirbelte eine hohe Feuersbrunst tagelang radioaktive Teilchen in die Luft. Von der Ukraine aus breitete sich die Wolke über weite Teile Westeuropas aus. Die Reaktortypen in beiden Kraftwerken sind aber nicht baugleich.

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