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Ökonomenaufruf Hans-Werner Sinn liegt falsch

Der Ökonomenaufruf zur Unterstützung der Europäischen Zentralbank schlägt weiter hohe Wellen. Hans Peter Grüner von der Universität Mannheim verteidigt in einem Gastkommentar den Aufruf gegen die Kritik von Hans-Werner Sinn.

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Berühmte Unterzeichner des Pro-EZB-Aufrufs
Peter Bofinger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg und seit März 2004 Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, auch die fünf Wirtschaftsweisen genannt. Er kritisierte schon früh die Sparpolitik in der Euro-Krise. „Ohne einen grundlegenden Strategiewechsel wird der Euro die nächsten Jahre weder ökonomisch noch politisch überleben", sagte Bofinger. Das EZB-Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen unterstützt er. Quelle: REUTERS
Michael Hüther, Honorarprofessor an der European Business School in Oestrich-Winkel, ist seit Juli 2004 Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft Koeln (IW). Er kritische den Ökonomen-Appell von Walter Krämer - der sich gegen die Vergemeinschaftung von Schulden in Europa aussprach - vom vergangenen Jahr scharf. Diese Aktion habe „mit ökonomischer Argumentation nichts zu tun“, sagte Hüther damals. Der neue Ökonomen-Aufruf ist da schon mehr nach seinem Geschmack. Quelle: dapd
Barry Eichengreen, 61, lehrt Ökonomie und politische Wissenschaften an der University of California in Berkeley. In den Neunziger Jahren beriet er den Internationalen Währungsfonds. Er warnte schon früh vor den Kosten einer Währungsunion. Die Inhalte des Ökonomen-Appels unterstütze er "zu 100 Prozent", erklärte er im Gespräch mit WirtschaftsWoche Online. Quelle: Presse
Bert Rürup, 68, leitet seit Januar 2013 leitet Bert Rürup als Präsident das Handelsblatt Research Institute, ein unabhängiges wissenschaftliches Kompetenz- und Researchcenter der Verlagsgruppe Handelsblatt. Im Jahr 2000 wurde er in den Kreis der fünf Wirtschaftsweisen berufen, dem er von 2005 bis 2009 vorstand. Quelle: dpa
Der renommierte US-Ökonom Jeffrey Frankel ist Professor an Harvards Kennedy School of Government und war Mitglied von US-Präsident Bill Clintons Council of Economic Advisers (Rat der Wirtschaftsberater), kurz CEA. Quelle: hks.harvard.edu
Kenneth Joseph Arrow, 91, ist emeritierter Professor an der Stanford University. Zusammen mit John Richard Hicks erhielt er 1972 den Preis für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank im Gedenken an Alfred Nobel, der in der Regel als Wirtschaftsnobelpreis bezeichnet wird. Auch er hat den Ökonomen-Appell unterzeichnet. Quelle: Creative Commons-Lizenz
Ökonom Marcel Fratzscher, Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin, ist seit dem 01. Februar 2013 Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Er hat mit vier weiteren Kollegen den Aufruf initiiert. Quelle: dpa

Volkswirten steht kein Labor zur Verfügung, in dem sie den Einsatz wirtschaftspolitischer Instrumente praxisnah testen können. In neuartigen Situationen sind wir deshalb manchmal gefragt, auf Basis einzelner oft partialanalytischer Forschungsergebnisse über komplexe makroökonomische Wirkungszusammenhänge zu sprechen. Das lässt der Interpretation Raum und schafft so – zumal in schwierigen Zeiten wie diesen - Platz für unterschiedliche Meinungen über die Wirkung oder den Charakter wirtschaftspolitischer Entscheidungen. So kann es gelegentlich dazu kommen, dass unterschiedliche Gruppen von Volkswirten die Politik mit konkurrierenden Ansichten und Aufrufen zum selben Thema versorgen.

Diesen Aufrufen wird gerade dann ein besonderes Gewicht beigemessen, wenn sie von vielen Kollegen – manchmal sind es hunderte – getragen werden. In der Wirtschaftswoche hat Hans Werner Sinn deshalb das Feld der quantitativen Analyse des Ökonomenaufrufs betreten. Im Zentrum von Sinns Artikel steht ein internationaler Aufruf zur Verteidigung des OMT Programms der EZB, das derzeit vom Bundesverfassungsgericht geprüft wird. Die Position der Unterzeichner um die Kollegen Marcel Fratzscher, Francesco Giavazzi, Richard Portes, Beatrice Weder di Mauro und Charles Wyplosz stelle, so Sinn, im deutschen Sprachraum bloß eine Mindermeinung dar. Denn lediglich 65 deutsche Ökonomen hätten unterschrieben – deutlich weniger als bei anderen Aufrufen. Der Aufruf zeige, „dass hinter dem OMT-Programm in Deutschland nur wenige Ökonomen stehen - und keinesfalls irgendwelche Mehrheiten“.

Aber was sagen diese Zahlen wirklich aus?

Zunächst einmal ist die Bedeutung der Zahl der Unterzeichner eines wissenschaftlichen Gruppenaufrufs gar nicht so klar. Ist ein Aufruf von etlichen Professoren mit unterschiedlichen Spezialgebieten informativer, als ein Zeitungsartikel von drei Spezialisten? Wie viel wäre Ihnen als Patient die Einschätzung von 300 Kardiologen zu einem diffizilen dermatologischen Spezialproblem Wert? Ganz zu Recht merkt Hans Werner Sinn deshalb an, dass der Aufruf auch in deutschen Fachgremien nur wenig Zuspruch fand.

Weshalb aber sollte ausgerechnet die Zahl der deutschen Unterzeichner eines Aufrufs interessant sein? Kann man etwa aus der Währungsgeschichte folgern, dass vor allem deutsche Fachleute einschätzen können, welche Politik der EZB mit dem Primat der Geldwertstabilität vereinbar ist? Wohl kaum. Hans Werner Sinn vergleicht lediglich die Teilnehmerzahl mit der anderer Aufrufe, die nun einmal weitgehend auf Deutschland begrenzt waren. Bei einer Hochrechnung der deutschen Zahlen hätte es weltweit mehr Unterschriften geben müssen.

Vorschläge für effiziente Regeln gesucht

Die Herren über den Euro
Mario Draghi ist seit 1. November Präsident der EZB. Zuvor war er Gouverneur der Banca d'Italia (2006-2011) und Vizepräsident von Goldman Sachs in London (2004-2005). Quelle: rtr
Vizepräsident der EZB ist der Portugiese Vítor Constâncio. Als er Anfang 2010 auf seinen Posten gewählt wurde, unterstützte auch die Bundesregierung seine Kandidatur. Ihr Kalkül: Durch die Wahl eines Südeuropäers auf den Vize-Posten sollten die Chancen vom damaligen Bundesbank-Chef Axel Weber auf die EZB-Präsidentschaft steigen. Daraus wurde bekanntlich nichts, weil Weber im Rat isoliert war und zurücktrat. Constâncio gilt als Befürworter des Ankaufs von Staatsanleihen der Krisenländer. Quelle: rtr
Jörg Asmussen ist im EZB-Direktorium verantwortlich für  Internationales. Der frühere Staatssekretär wechselte direkt aus dem deutschen Finanzministerium in die EZB. Eigentlich wollte Bundeskanzlerin Merkel ihn als Chefvolkswirt durchsetzen... Quelle: rtr
... doch seine Kandidatur scheiterte. Da sich EZB-Chef Draghi nicht zwischen ihm und dem Franzosen Benoit Coeure entscheiden wollte, berief er stattdessen den Belgier  Peter Praet als neuen  Chefvolkswirt. Dieser gilt als solider Fachmann - und als großer Befürworter von Anleihekäufen. Quelle: dpa
Der Franzose  Benoit Coeure bekam die  Leitung der Abteilung Märkte. Damit hat er auch eine wichtige Rolle bei der Koordination der umstrittenen Staatsanleihenkäufe der EZB. Quelle: rtr
Neben dem EZB-Direktorium ist der  EZB-Rat das formale Beschlussorgan der Euro-Notenbank. Der EZB-Rat besteht aus den sechs Mitgliedern des Direktoriums sowie den 17 Chefs der nationalen Notenbanken der Eurozone. Obwohl im Direktorium geldpolitische Entscheidungen vorbereitet werden, trifft der EZB-Rat formal die Beschlüsse und legt die Geldpolitik im Euro-Raum fest. Der Rat tritt in der Regel zweimal monatlich zusammen. Seine  Mitglieder sind... Quelle: dpa
Luc CoeneGouverneur der  belgischen Zentralbank. Im Amt seit 1. April 2011. Coene gilt als fachlich gut und stabilitätsorientiert. Quelle: rtr

Aber ist neben der Einschätzung der Experten in den „zuständigen Fachausschüssen des Vereins für Socialpolitik“ nicht auch wichtig, wie viele ausländische Nobelpreisträger oder weltweit führende Experten das OMT Programm der EZB unterstützen? Die Liste der Namen ist wirklich sehr beeindruckend. Oder gibt es Gründe, weshalb die Öffentlichkeit eines Landes das Urteil der jeweils heimischen Fachleute stärker gewichten sollte?

Manchmal scheinen Experten in verschiedenen Ländern die Maßnahmen zur Bewältigung der Krise unterschiedlich einzuschätzen. Das könnte Ausdruck eines allgemeineren Problems sein. Denn es gibt in Europa gelegentlich Anzeichen einer nationalen Segmentierung in der wirtschaftspolitischen Diskussion. Nationale Experten sind in den Medien besonders gefragt. Sogar die EZB schickt ihr deutsches Direktoriumsmitglied zum Bundesverfassungsgericht. Derweil beraten einige deutsche Ökonomen auf Deutsch über die Einführung von Parallelwährungen in Europa, während andernorts kritisch und auf Französisch die Rolle der Austeritätspolitik diskutiert wird.

Solange die Analyse professionell ist, mag es als Geschmackssache erscheinen, ob es einer Wissenschaft gut zu Gesicht steht, wenn die Nationalität des Forschers den Forschungsgegenstand oder die Liste der Adressaten prägt. Aber ein segmentierter Wissenschafts- und Beratungsbetrieb würde auf Effizienzgewinne verzichten.

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Die Rolle der Ökonomen sollte es sein, Vorschläge für effiziente Regeln in Europa zu machen. Wie der Kuchen dann verteilt wird, ist Sache der Politik. Deshalb müssen wissenschaftliche Stimmen aus anderen Ländern ernst genommen werden. Eine effiziente Lösung der Schuldenkrise sollte aus Sicht eines deutschen Ökonomen eigentlich nicht anders aussehen, als aus Sicht eines französischen Wissenschaftlers. Das gilt auch für die Frage nach der Vertretbarkeit des Verhaltens der EZB. Deshalb ist der internationale Aufruf, an dem sich mein Kollege Sinn so reibt, unabhängig von Unterschriftenzahlen ein wichtiger Beitrag zur Debatte. Denn er führt diese Debatte auf der europäischen Ebene.

Noch ein paar Worte zur Sache selbst: Deutschland hat die Unabhängigkeit der EZB vor der Währungsunion in zähem Ringen durchgesetzt. Diese Unabhängigkeit ist für die Geldwertstabilität besonders wichtig, und die EZB ist deshalb in der Wahl ihrer geldpolitischen Mittel weitgehend frei. Unabhängig von der Zahl und Nationalität der Unterzeichner wird an dem von Hans Werner Sinn kritisierten Aufruf eines deutlich: Das OMT Programm erscheint vielen internationalen Experten richtig oder wenigstens vertretbar. Mit Blick auf die Unabhängigkeit der EZB wäre es deshalb gewagt, ihr das Mittel aus der Hand zu nehmen. Die Risiken des OMT Programms, die Sinn und andere beschreiben, liegen jedoch auf der Hand. Der Herausforderung, sie zu begrenzen, sollten sich Europas Ökonomen gemeinsam stellen.

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