Oliver Wyman Unter schwerem Beschuss

Die US-Unternehmensberatung hat viel Einfluss auf den EZB-Stresstest. Kritiker meinen: zu viel.

Bank of America muss 17 Milliarden Dollar Strafe zahlen
Bank of AmericaWankende Großbanken brachten das Weltfinanzsystem 2008 an den Rand des Zusammenbruchs. Dubiose Hypotheken-Deals hatten den Weg dafür bereitet. Doch die Vergangenheit holt die Geldhäuser ein - der Bank of America (BoA) droht nun gar die höchste Strafe aller Zeiten. Dem „Wall Street Journal“ zufolge steht das Finanzinstitut kurz vor einem Vergleich mit dem US-Justizministerium über knapp 17 Milliarden US-Dollar (rund zwölf Milliarden Euro), davon neun Milliarden Dollar in bar. Das wäre der höchste jemals bezahlte Betrag in einer zivilrechtlichen Auseinandersetzung zwischen der US-Regierung und einem Unternehmen. Bereits im März musste BoA 9,5 Milliarden Dollar nach einer Klage der Aufsichtsbehörde Federal Housing Finance Agency zahlen. Die US-Behörden sind bei der Bestrafung von Großbanken nicht eben zimperlich - zumindest, wenn es um Geldstrafen geht. Welche Banken ebenfalls Rekordgeldbußen zahlen mussten, erfahren sie auf den folgenden Seiten. Quelle: REUTERS
Goldman SachsDie US-Großbank hat die Finanzkrise trotz viel Kritik an ihren Geschäftsmethoden vergleichsweise gut überstanden. Ende August 2014 handelte das Geldhaus mit den US-Aufsichtsbehörden und den Immobilienfinanzierern Fannie Mae und Freddie Mac, die im Zuge der Immobilien- und Finanzkrise von der US-Regierung mit insgesamt 187 Milliarden Dollar gerettet werden mussten, einen Vergleich aus. 2005 und 2007 hatte Goldman Sachs den beiden Gesellschaften zusammengeschnürte minderwertige Immobilienkredite verkauft. Laut Einigung muss Goldman diese Papiere für 3,15 Milliarden Dollar zurückkaufen. Damit zahlt die Bank 1,2 Milliarden Dollar mehr, als die Kreditportfolios derzeit wert sind. Quelle: REUTERS
CitigroupDie Citigroup leistet für fragwürdige Hypothekengeschäfte eine sieben Milliarden Dollar schwere Abbitte. Nach Ansicht der US-Justiz hatte die Bank den Käufern verschwiegen, wie schlecht es um die in verbrieften Wertpapieren enthaltenen Hauskredite gestanden habe. Wie die US-Großbank mitteilte, zahlt sie 4,5 Milliarden Dollar an US-Behörden und gewährt zudem Finanzierungshilfen und -erleichterungen für Hausbauer im Wert von 2,5 Milliarden Dollar. Der Vergleich verhagelt der Citigroup das zweite Quartal. In dem Zeitraum verbucht die Bank eine Vorsteuerbelastung von 3,8 Milliarden Dollar. Mit dem Vergleich hätten sich alle anhängigen zivilrechtlichen Hypothekenermittlungen erledigt, erklärte Bankchef Michael Corbat. Der Vergleich erlaube der Bank, sich „auf die Zukunft zu fokussieren, nicht auf die Vergangenheit“. Quelle: dpa
CommerzbankWie die "New York Times" berichtet, droht der Commerzbank wegen mutmaßlicher Verstöße gegen US-Sanktionen eine Geldstrafe von mindestens 500 Millionen Dollar (370 Millionen Euro). Die Commerzbank hatte bereits eingeräumt, dass sie wegen ihrer Geschäfte mit Ländern wie dem Iran im Visier der US-Behörden steht. Wann die Verhandlungen mit den US-Behörden abgeschlossen sein werden, ist noch unklar. Quelle: dpa
Die französische Großbank BNP Paribas steht wegen Sanktionsbruch und Geldwäschevorwürfen im Fokus der US- Justizbehörden. Laut einem Bericht des Wall Street Journal drohen der Bank Bußgelder bis zu einer Höhe von zehn Milliarden Dollar. Die Bank soll Wirtschaftssanktionen gegen den Iran, Sudan, Kuba und andere Länder umgangen haben. Es wäre die zweithöchste Strafe, die je gegen eine Großbank verhängt wurde, die Höchststrafe wegen Geldwäsche lag bislang bei 1,9 Milliarden Dollar. Nachfolgend eine Reihe von Banken, die für verschiedene Vergehen schon Milliarden an Geldbußen zahlen mussten. Quelle: REUTERS
Gegen die britische Großbank Barclays verhängte die britische Finanzaufsicht die erste Geldstrafe wegen Manipulation des Goldpreises. Barclay zahlt 26 Millionen Pfund, überführte Barclays-Händler muss 96.000 Pfund Strafe zahlen und erhielt Berufsverbot. Wegen der Manipulation des Interbankenzinssatzes Libor musste Barclays bereits im Sommer 2012 stolze 290 Millionen Pfund zahlen, umgerechnet 350 Millionen Euro. Der damalige Barclays-Chef Bob Diamond nahm kurz danach seinen Hut. Quelle: REUTERS
Die größte Schweizer Bank UBS zahlt rund 1,4 Milliarden Franken (1,16 Milliarden Euro) und damit die zweithöchste Geldstrafe, zu der eine Schweizer Bank jemals verdonnert wurde. Die UBS hatte zudem im Jahr 2009 wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung von US-Bürgern der Zahlung von 780 Millionen Dollar zugestimmt, dabei aber keine Schuld zugegeben. In Deutschland soll die UBS wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung 200 Millionen Euro Strafe zahlen. Ende 2012 musste die UBS wegen des sogenannten Zockerskandals eine Strafe von 36,7 Millionen Euro zahlen und erhebliche Kontrollauflagen erfüllen. Die Bank wird damit für "System-und Kontrollfehler" bestraft. Zugleich wurden der UBS durch die Schweizer Finanzmarktbehörde FINMA scharfe Kontrollen im Investmentbanking auferlegt. Ohne diese Mängel wären die betrügerischen Transaktionen des Händlers Kweku Adoboli früher entdeckt worden. Quelle: REUTERS

Der Raum ist fensterlos, die Vortragenden leiern ihre Zahlen runter, sehen in ihnen „robuste Belege“ und „starke Beweise“ und lassen eine PowerPoint-Folie der nächsten folgen. Ihre Erkenntnis ist nicht gerade umwerfend: Für den Finanzplatz London wäre es besser, wenn Großbritannien nicht aus der EU austritt. Das Ganze ist so öde, dass sich selbst Zuseher des 13-minütigen Videozusammenschnitts schnell nach einer Kaffeepause sehnen.

Dennoch sorgt das Londoner Treffen Ende April in europäischen Bank- und Aufsichtskreisen für Aufregung. Organisiert hat es mit „TheCityUK“ eine Lobbygruppe, die einen „weltweit wettbewerbsfähigen britischen Finanzsektor“ fördern will. Einer der Vortragenden ist Partner bei der Unternehmensberatung Oliver Wyman. Und dürfte deshalb gar nicht da sein. „Wenn Oliver Wyman für eine britische Lobbyorganisation arbeitet, hat das mehr als nur einen Beigeschmack. Das ist ein handfester Interessenkonflikt“, heißt es in Finanzkreisen.

Warum das? Oliver Wyman unterstützt derzeit die Europäische Zentralbank (EZB) beim Stresstest. Da die Zentralbank die Bankenaufsicht erst noch aufbauen muss, hat sie eine ganze Reihe von Helfern engagiert. Die Personalberatung Egon Zehnder sucht nach Experten, Wirtschaftsprüfer kontrollieren die Bewertungen in den Bankbilanzen. Und Oliver Wyman hilft bei der Organisation des Stresstests. Was auch immer das heißt. Dass die Funktion nicht klar umrissen ist, sorgt in der Branche für Sorgen.

Die drei Säulen der Bankenunion

Ergattert hat Oliver Wyman den Auftrag im vergangenen Herbst nach einer regulären Ausschreibung. Geholfen hat dabei ein erfolgreiches Großprojekt. Ein Jahr zuvor hatte Oliver Wyman die spanischen Banken innerhalb von nur sechs Wochen einem Stresstest unterzogen. Das Verfahren lief weitgehend reibungslos, die Beratung ermittelte einen Kapitalbedarf von 60 Milliarden Euro. Dann war Ruhe. Neue Lücken rissen erst mal nicht auf.

Der Auftrag von der EZB soll der Beratung weiter Auftrieb geben. Dafür nimmt Oliver Wyman einiges in Kauf: Das Unternehmen ist von allen Projekten in allen Banken ausgeschlossen, die irgendwie mit dem Stresstest in Zusammenhang stehen. Damit ließe sich im Zweifel sogar mehr verdienen. Doch wenn die Übung gelingt, so die Erwartung, steigert das die Reputation enorm.

Oliver Wyman will und darf sich zu Details des Verfahrens nicht äußern. Dem Umfeld der Beratung ist es aber wichtig, dass es tatsächlich um das Verfahren geht. Also um technische Fragen und die Organisation von Abläufen. Das fängt beim Design des Tests an und reicht bis zur Qualitätssicherung. Vor allem geht es um den Umgang mit einer unvorstellbar großen Menge von Daten. Die Beratung hilft dabei, diese zu erheben, zu ordnen und sinnvoll zu verwenden. Die Bewertung der Daten sei aber ganz allein die Aufgabe der EZB, heißt es. Dass die Berater, die seit Monaten bei der Zentralbank ein- und ausgehen, die wahren Herren des Verfahrens sind, weisen sie von sich.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Hier steht ein Element, an dem derzeit noch gearbeitet wird. Wir kümmern uns darum, alle Elemente der WirtschaftsWoche zeitnah für Sie einzubauen.

Die Kritiker beruhigt das nicht. Sie monieren etwa, dass die Beratung die Banken mit einem ganz eigenen Modell unter Beschuss nimmt, das wenig bis nichts mit herkömmlichen Bilanzierungsmethoden zu tun hat. Ihre größte Sorge ist jedoch, dass Daten und Erkenntnisse später für Projekte in Banken verwendet werden. „Eine Beratung ist nur bedingt geeignet für diese Aufgabe“, sagt der Vorstand eines Branchenverbands. Deutlich wohler hätte er sich etwa mit einer Gruppe hochrangiger Experten aus den nationalen Aufsichtsbehörden gefühlt.

Bei Oliver Wyman heißt es, harte Grenzen und Kontrollen würden sicherstellen, dass die Daten nicht zweckentfremdet verwendet werden. Doch das Unbehagen bleibt. „Es ist sicher kein Idealzustand, aber in der Kürze der Zeit geht es nicht anders“, sagt ein hochrangiger deutscher Aufseher. Und geht davon aus, dass die Berater sich an alle Restriktionen halten. Eins aber ist klar: „Die EZB muss ihre Arbeit möglichst bald selbst machen.“

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%