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Ortsbesuch in Zell am See Wenn Araber und Europäer gemeinsam Urlaub machen ...

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Wie eine Marketing-Kampagne Araber in die Stadt brachte

Freilich sind die Araber nicht von allein auf „Selamsi“ als Urlaubstipp gekommen. Am Anfang stand eine Marketing-Kampagne, die die Stadt vor rund zwölf Jahren angeschoben hat. Die Werbestrategen warben auf Tourismus-Messen und über Reisebüros. Lokale Partner verkauften das niedliche Zell am See als „Paradies“, wie es im Koran beschrieben sei. So etwas spricht sich rasch herum unter Touristen im arabischen Raum, wo gerade die Jüngeren unheimlich agil soziale Medien nutzen und Foren nach Tipps fürs schöne Leben scannen.

So wurde „Selamsi“ am Golf zum geflügelten Wort für das Paradies – und in Österreich zu einem Beispiel, wie man mit einer Marketingkampagne auch gründlich über das Ziel hinaus schießen kann. Vor zwei Jahren hat die Zell am See-Kaprun Tourismus das Marketing eingestellt. Geschäftsführerin Renate Ecker sagte in ihrem letzten Interview zum Thema: „Wenn sich ein Markt sehr gut entwickelt, wäre es ein schwerer Fehler, dort noch weitere Marketingmittel einzusetzen. Insofern kann man hier von einem Selbstläufer sprechen und daher haben wir den Werbeeinsatz dort drastisch reduziert.“

Nach Zell am See zog mächtige Werbekampagne die Touristen – im Tiroler Ort Serfaus war es der Zufall, der jüdisch-orthodoxe Touristen anlockte. Die Gemeinde liegt weiter westlich am Fuße des 3000 Meter hohen Fuglers, die Grenze zur Schweiz ist nicht mehr weit. Die Tourismusagentur um Josef Schirgi hat viel in die Infrastruktur für Familien mit Kindern investiert, in den Bergen warten Sommerrodelbahn, Spiegellabyrinth und ein Wasserspielplatz auf die Kinder. Während sich die Kleinen vergnügen, warten Männer mit schwarzen Bärten und jüdischer Kopfbedeckung etwas abseits. Im Ort schieben viele orthodoxe Familienväter über die Dorfbahnstraße – dort, wo die Hotels und Pensionen im August zumeist Gäste aus Israel bewirten.

„Da sind wir wie die Jungfrau zum Kind gekommen“, sagt Tourismus-Chef Schirgi, wenn man ihn fragt, wie Serfaus-Fiss-Ladis zur Touristenhochburg für orthodoxe Juden werden konnte. Ein Hotel, die „Alte Post“, habe vor Jahren die komplette Kapazität an einen israelischen Reisveranstalter verkauft – und der habe einen Rabbiner eingestellt, der dort koscher kocht. „Das war die unternehmerische Entscheidung eines einzelnen Hotels“, sagt er, „als Verband haben wir weder in Israel noch im arabischen Raum geworben.“ Negativ auf die Region wirke sich die optische Präsenz der ungewohnten Bekleidung nicht aus, sagt Schirgi, der um Toleranz wirbt: „Wenn ein Bayer in Jerusalem vor der Klagemauer steht, fällt er auch auf.“ Und die Saison in Serfaus laufe dieses Jahr ausgezeichnet. Der einzige Wermutstropfen: Unterm Strich gebe ein orthodoxer Jude weniger Geld für die Verpflegung aus.

Das hat auch Sylvia Althaler festgestellt, die Inhaberin des Plattlerhofs. Die Pension liegt gegenüber des Hotels mit koscherer Küche – und wohl um in dessen Nähe zu sein, hätten über die Jahre immer mehr jüdische Gäste bei ihr eine Unterkunft gebucht. Sie sind „schon speziell“, sagt sie: Meist bringen sie koschere Lebensmittel für den gesamten Urlaub in Kühltruhen mit, sie buchen außerdem die größeren Appartements für die gesamte Familie. „Zwei Tage in der Woche ist Schabbat, da dürfen sie kein Feuer machen“, dazu zählt auch das elektrische Licht.

Althaler hat sich darauf eingestellt: Sie schaltet ihre Bewegungsmelder aus, wenn Licht-Verbot herrscht – und bringt Deutsche, Italiener und Holländer in anderen Etagen unter, damit keiner den Schalter drückt. In den Zimmern hat sie große Tiefkühltruhen aufgestellt und statt morgens das Frühstück zuzubereiten kann sie an Tagen wie diesen länger im Bett bleiben: Derzeit hat sie ausschließlich orthodoxe Juden im Hotel untergebracht. „Wenn sie merken, dass sie hier genauso behandelt werden wie jeder andere Gast, sind das die zufriedensten Menschen überhaupt“, sagt die Gastwirtin.

Im Dorf selbst allerdings sieht dies nicht jeder so. Es habe anfangs Vorbehalte gegen die Gäste mit der Kippa gegeben, zumal die Gemeinde die alte Volksschule im Nachbarort Fiss als provisorische Synagoge zur Verfügung stellt. Die Diskussionen im Dorf seien aber abgeebbt. „Das Problem ist die Engstirnigkeit des Tirolers“, glaubt Sylvia Althaler, die Angst vor Neuem. Dabei zeige der enorme Zustrom an Touristen gerade in diesem Jahr, dass sich europäische Gäste von fremden Kulturen nicht abschrecken lassen. Weiter östlich, in Zell am See-Kaprun, würden sie das nur unterschreiben.

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