Osteuropa-Bank "Wir bleiben in Russland engagiert"

Suma Chakrabarti, der Präsident der Osteuropabank, finanziert keine neuen Projekte mehr in Russland, will sich aber stärker in der Ukraine engagieren. Die Investoren zu überzeugen, wird nicht leicht.

Chakrabarti, 55, leitet die Osteuropabank seit Juli 2012. Der gebürtige Inder arbeitete zuvor im britischen Justizministerium und im Ministerium für internationale Entwicklung.

WirtschaftsWoche: Sir Suma, die EU hat die Sanktionen gegen Russland verschärft, wie wirkt sich das auf die Osteuropabank aus?

Suma Chakrabarti: Die Wirtschaftssanktionen wirken sich nicht unmittelbar auf uns aus. Entscheidend für uns ist die Anweisung unserer Anteilseigner, dass die Bank keine neuen Projekte mehr in Russland genehmigen darf. Diese Anweisung ist nicht befristet.


Warum greift die Osteuropabank nicht härter durch und suspendiert Russlands Mitgliedschaft bei der Bank?
Nein. Das wäre die allerletzte Option, sozusagen der Super-GAU. Wir bleiben in Russland engagiert, denn unsere bisherigen Projekte laufen ja weiter.

Geschäfte mit Russland

Strafmaßnahmen gegen ein wichtiges Mitglied – das hat es seit der Gründung der Bank 1991 noch nicht gegeben. Wie haben die Russen darauf reagiert?
Natürlich sind die Russen nicht glücklich. Ich bin unmittelbar nach dem Beschluss nach Moskau gefahren, um mit der russischen Regierung über unsere künftige Zusammenarbeit zu sprechen. Unsere 160 Mitarbeiter in Russland sind weiter in unseren bisherigen Projekten engagiert, werden aber künftig auch flexibel eingesetzt – zum Beispiel in Kasachstan.


Wie leidet die gesamte Region ökonomisch unter dem Konflikt zwischen der Ukraine und Russland?
Wir haben unsere Wachstumsprognose für die Region für 2014 auf nur noch 1,3 Prozent nach unten korrigiert. Auch 2015 dürfte lediglich ein Plus von 1,7 Prozent zustande kommen. Denn zum einen greifen die Sanktionen im Öl- und Bankensektor, gleichzeitig wirken sich die Gegenmaßnahmen Russlands wie der Lebensmittelimportstopp nun auf Länder wie Litauen aus. Die Geldüberweisungen von Russland nach Zentralasien, die bisher einen wichtigen Faktor für diese Volkswirtschaften darstellten, sind geschrumpft. Außerdem steigen in vielen Ländern die Verteidigungsausgaben – und das in einer Zeit, in der diese noch mit den Folgen der Wirtschaftskrise kämpfen.


Wie sieht es mit den Konsequenzen für Russland und die Ukraine aus?
In Russland betrugen die Nettokapitalabflüsse im ersten Halbjahr bereits 75 Milliarden Dollar, das Vertrauen der Wirtschaft ist schwer beeinträchtigt. Sowohl die Sanktionen des Westens als auch die russischen Gegenmaßnahmen werden das Wachstum dämpfen und die letzte Sanktionsrunde von September, die auch den Öl-Sektor einschließt, trifft nun den Kern der russischen Wirtschaft. Mittel- und langfristig werden die Effekte der Sanktionen noch stärker sein, denn im verarbeitenden Gewerbe gibt es einen hohen Investitionsbedarf und ohne den Zugang zur westlichen Finanzierung wird das problematisch.

Die Sanktionen der EU und USA gegen Russland


Wie dramatisch ist es in der Ukraine?
Dort dürfte die Wirtschaft dieses Jahr um neun Prozent und nächstes Jahr um drei Prozent schrumpfen. Viele Jahre lang war die Ukraine für uns nach Russland das zweitgrößte Einsatzland. Vor zwei Jahren, als ich hier bei der EBRD anfing, hatten wir dort wegen der weitverbreiteten Korruption große Probleme. Jedes Mal, wenn wir potenzielle Investoren – in Deutschland und anderen Ländern – ermunterten, dort mit uns als Ko-Investoren aktiv zu werden, sagten die: „Ihr seid wohl verrückt! Saubere Geschäfte sind in der Ukraine unmöglich.“ Deshalb bin ich im Februar 2013 dorthin gefahren und habe gesagt: so kann es nicht weitergehen. Es gab eine Antikorruptionsinitiative, die zu einem neuen Gesetz geführt hat.


In der Ukraine will die EBRD dieses Jahr bis zu einer Milliarde Euro investieren.
Angesichts der Reformen in der Ukraine und des neuen IWF-Programms haben wir entschieden, dort wieder aktiver zu sein. Bisher haben wir etwa 650 Millionen Euro investiert. Es hat wegen der Änderungen im ukrainischen Kabinett ein paar Verzögerungen gegeben, aber wir rechnen weiter damit, dass wir 2014 zwischen 900 Millionen und etwas über einer Milliarde Euro liegen dürften.

Wie steht es um den Bankensektor in der Ukraine?
Da liegt vieles im Argen. Es gibt mehr als 100 Banken – für eine Volkswirtschaft, die kleiner ist als die der Türkei, wo es 40 Banken gibt, ist das viel zu viel. Also gibt es großen Bedarf an Konsolidierung und Umstrukturierungen – da können wir helfen. Außerdem haben wir in der Ukraine Projekte, die die Energiesicherheit und -effizienz verbessern sollen. Wir sind auch im Agrarbereich und in der Infrastruktur tätig.

Wie wirkt sich der Konflikt auf die Bilanz der EBRD aus?
Es sieht gar nicht schlecht aus. Wir haben bisher nur Zahlen für zwei Drittel des Jahres, aber wir stehen besser da, als es unsere internen Projektionen Ende vergangenen Jahres erwarten ließen. Wir erreichten im ersten Halbjahr einen Rekord, was unsere Investitionen angeht: Ende August waren es 4,5 Milliarden Euro – im August 2013 dagegen nur 3,9 Milliarden Euro und damals war noch keine Rede von einem Embargo gegen Russland. Für unser gutes erstes Halbjahr ist vor allem die große und breit gestreute Nachfrage aus anderen Ländern verantwortlich, zum Beispiel aus Polen und Rumänien. Allerdings rechnen wir nicht damit, dass 2014 auch unter dem Strich ein Gewinn von etwas mehr als einer Milliarde Euro übrig bleiben wird wie 2013.


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