Papst-Besuch in Straßburg Franziskus redet Europa-Abgeordneten ins Gewissen

So viel Begeisterung ist selten im EU-Parlament: Papst Franziskus bekommt für seine kritische Rede Applaus von Vertretern aller Parteien. Vor allem mit der europäischen Flüchtlingspolitik geht er hart ins Gericht.

Papst Franziskus, Martin Schulz Quelle: dpa

Es war ein Blitzbesuch. Um zehn Uhr landete Papst Franziskus in Straßburg, um 12 ging es schon wieder weiter zum nächsten Termin. Nach Angaben des Vatikans hat sich noch nie ein Papst auf eine so kurze Auslandsreise begeben wie Franziskus an diesem Dienstag. Die Europa-Abgeordneten fühlten sich dennoch höchst geehrt. Zum letzten Mal hatte ihnen vor 26 Jahren Johannes Paul II einen Besuch abgestattet. Der deutsche Papst Benedikt XVI hatte trotz des ausdauernden Werbens des damaligen Parlaments-Präsidenten Hans-Gert Poettering nie den Weg nach Straßburg gefunden.

Der aktuelle Parlaments-Präsident Martin Schulz, immer gut für öffentlichkeitswirksame Aktionen, war es bei einer Visite in Rom im vergangenen Herbst gelungen, den Papst für einen Abstecher ins Europäische Parlament zu gewinnen. Vielleicht stimmte zwischen den beiden einfach die Chemie. Schulz erzählt gerne, dass er sich mit dem Argentinier hervorragend über Tango unterhalten kann.

In Straßburg wählte Franziskus die Würde des einzelnen als zentrales Thema seiner Rede. „Welche Würde hat jemand, der kein Essen hat oder keine Arbeit?“, fragte er ins Halbrund, um die Abgeordneten abschließend aufzufordern: „Die Zeit ist gekommen, ein Europa aufzubauen, das sich und nicht um die Wirtschaft, sondern  um den Einzelnen dreht.“

Papst Franziskus, Fürsprecher der Armen
Der neue Papst Jorge Mario Bergoglio ähnelt in seinem bescheidenen Lebensstil seinem italienischen Namenspatron Franziskus aus dem 13. Jahrhundert, der freiwillig in Armut lebte und einen Bettelorden gründete. Quelle: AP/dpa
Bergoglio ist der 266. Pontifex der Kirchengeschichte, aber der erste Papst aus Lateinamerika und der erste Jesuit auf dem Heiligen Stuhl. Er wurde am 17. Dezember 1936 als Sohn italienischer Einwanderer geboren - dies dürfte eine enge Verbindung zu seiner neuen Heimat im Vatikan schaffen. Quelle: AP/dpa
Nach einer Ausbildung als Chemietechniker entschied er sich für das Priesteramt und wurde 1969 zum Priester geweiht. Schon nach vier Jahren wurde er 1973 zum Provinzial des Jesuitenordens für Argentinien gewählt und leitete dann bis 1979 den Orden in dem lateinamerikanischen Land. Während dieser Zeit begann die Militärdiktatur, in deren Verlauf rund 30.000 Menschen verschleppt und ermordet wurden. In seiner Heimat wurde der Vorwurf erhoben, Bergoglio habe als Jesuiten-Provinzial während der Militärdiktatur Ordensbrüdern nicht ausreichend Rückendeckung gegeben. Quelle: REUTERS
1992 wurde Bergoglio von Papst Johannes Paul II. zum Weihbischof von Buenos Aires ernannt. Sechs Jahre später wurde er Erzbischof des Bistums. Quelle: AP/dpa
Bei der Papst-Wahl 2005 war Bergoglio der Hauptkonkurrent von Joseph Ratzinger, der sich allerdings durchsetzte und als Papst Benedikt XVI. acht Jahre die römisch-katholische Kirche führte. Damals wurde der Argentinier von den moderaten Kardinälen als Gegengewicht zum dogmatischen damaligen Leiter der Glaubenskongregation unterstützt. Quelle: AP/dpa
Von seiner Biografin Francesca Ambrogetti wird der 76-Jährige als Mann des Ausgleichs mit großem Verhandlungsgeschick und einem ausgeprägten sozialen Gewissen beschrieben. Er wurde auch "Kardinal der Armen" genannt. Bergoglio gilt als bescheiden und volksnah. Auch als Kardinal war sich der Argentinier nicht zu schade, den Bus oder die U-Bahn zu nehmen statt einer Limousine. Statt in der erzbischöflichen Residenz wohnte er in einem einfachen Apartment. So entstand etwa im Jahr 2008 dieses Foto des Jesuitenpaters in der U-Bahn in Buenos Aires. Quelle: AP/dpa
Bergoglio begrüßt 2008 Argentiniens Präsidentin Cristina Fernandez de Kirchner. Mit Politikern spricht er Klartext, weshalb seine Beziehungen zur Präsidentin und ihrem verstorben Mann und Vorgänger Nestor Kirchner nicht immer störungsfrei waren. Dass Bergoglio aus seinen konservativen Einstellungen keinen Hehl macht, zeigt eine Episode aus dem Jahr 2010, als er die argentinische Regierung wegen der Legalisierung der Homo-Ehe angriff. "Wir dürfen nicht naiv sein. Das ist kein einfacher politischer Kampf, das ist der Versuch, Gottes Plan zu zerstören", schrieb er in einem Brief wenige Tage vor Verabschiedung des Gesetzes. Kirchner entgegnete damals, dass sie sich an „mittelalterliche Zeiten und die Inquisition“ erinnert fühle. Quelle: REUTERS

Thema Migration

Mehrfach ließ Franziskus durchklingen, dass er ein Primat der Wirtschaft klar ablehnt und wies etwa darauf hin, dass die Interessen von multinationalen Konzernen nicht universell seien. Es müssten neuen Wege gefunden werden, um die Flexibilität des Marktes mit mehr Sicherheit für Arbeitnehmer zu kombinieren.

Besonders explizit wurde Franziskus beim Thema Migration: „Man kann nicht zulassen, dass das Mittelmeer zu einem riesigen Friedhof wird.“ Er forderte die EU-Mitgliedsstaaten auf, sich gegenseitig zu unterstützen, anstatt Lösungen anzuregen, welche die Menschenwürde der Einwanderer verletzten und Sklavenarbeit förderten. Er betonte aber auch, dass eine gute Einwanderungspolitik, die Rechte der europäischen Bürger schützen müsse.

Kritisch äußerte sich Franziskus auch zu den europäischen Institutionen, die sie sich „unsensibel“ für die Sorgen der Menschen zeigten. Er wies darauf hin, dass Solidarität und Subsidarität Grundpfeiler der EU seien und forderte die Abgeordneten auf, die Demokratie in Europa lebendig zu halten – was in der jetzigen Zeit eine „Herausforderung“ darstelle.

Nüchterner Blick auf Europa

Franziskus zeigte einen nüchternen Blick auf Europa, wies etwa auf die Überalterung des Kontinents hin und verzichtete auf jede Verklärung des europäischen Projekts, zu der Besucher des Europäischen Parlaments manchmal neigen. Er sprach sich aber dafür aus, dass „Europa wieder seine gute Seele findet“, als Platz, an dem die Wissenschaften, die Kunst, menschliche Werte und der Glaube gedeihe.

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Anders als beim Besuch von Johannes Paul II im Jahr 1988, bei dem der nord-irische Protestantenführer Ian Paisley gepöbelt hatte, gab es diesmal einmütigen Applaus von den Abgeordneten. Franziskus ging nicht mit leeren Händen. Als Gastgeschenk gab es die Memoiren von Jean Monnet, einem der Gründerväter der EU.    

Als Draufgabe kam eine kurze Begegnung mit seiner früheren Gastmutter Helma Schmidt aus Boppard hinzu. Franziskus hatte 1985 als Pfarrer zwei Monate in Deutschland verbracht, um beim Goethe-Institut Deutsch zu lernen. Die heute 87jährige war eigens angereist, um ihren ehemaligen Gast wiederzusehen. So viele gerührte Gesichter sind im Europäischen Parlament selten zu sehen.

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