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Peter Bofinger und Thomas Mayer "Es knirscht im Euro-Raum"

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Ausweitung der Bilanz um eine Billion Euro

Bofinger: Der Schuldenabbau gelingt bei einer Inflation von zwei Prozent besser als bei null Prozent oder gar bei negativen Raten. Nun aber haben die fallenden Ölpreise die Inflation in den Minusbereich gedrückt. Dazu kommt der Anpassungsprozess in einzelnen Euro-Ländern, die mit hoher Arbeitslosigkeit kämpfen und durch Lohnzurückhaltung wettbewerbsfähiger werden wollen. Daher kommt der deflationäre Druck. Für eine Notenbank ist es in dieser Situation extrem schwierig, gegenzusteuern.

Wäre es in dieser Situation nicht das Beste, die EZB würde nichts tun und warten, bis die reformbedürftigen Länder ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern?

Bofinger: Warten wir doch erst einmal ab, ob die EZB überhaupt etwas tut. Draghi ist ein Meister darin, mit nichts große Effekte zu erzielen. Er hat den Euro stabilisiert, ohne bisher eine einzige Anleihe zu kaufen. Abgesehen von zwei Zinssenkungen hat er bis heute nicht viel gemacht, außer eine große Kulisse aufzubauen, vor allem auch mit der Ankündigung, die Bilanz der EZB auszuweiten...

...und zwar um rund eine Billion Euro. Eine gute Idee?

Bofinger: Das halte ich nicht wirklich für clever, damit hat er sich unter Zugzwang gesetzt. Die Wirtschaft benötigt die größere Geldbasis nicht. Deshalb bliebe das Geld im Bankensystem. Die Institute müssten es zum negativen Einlagenzins bei der EZB parken. Das ganze Terrain, in das sich die EZB begibt, ist nicht rational nachzuvollziehen. Es ist ein Stück psychologischer Kriegsführung, der die ökonomische Substanz fehlt. Im Moment gibt es Zentralbankgeld wie Freibier. Bei Freibier nehmen sich die Leute so viel, wie sie trinken wollen. Wenn Sie da noch mehr Kästen hinstellen, trinken die Leute auch nicht mehr.

Mayer: Mir fällt da eher das Bild einer heißen Kartoffel ein. Nehmen Sie das Beispiel einer spanischen Bank, die sich bei einer deutschen Bank verschuldet hat. Nun holen sich die Spanier Zentralbankgeld zu null Prozent Zinsen bei der EZB und geben das Geld weiter an die Deutschen, die es zum Minuszins von 0,2 Prozent bei der EZB anlegen. Die heiße Kartoffel Zentralbankgeld brennt jeder Bank in der Hand, und sie möchte sie so schnell wie möglich weiterreichen. Da sie die heiße Kartoffel aber nicht loswerden können, müssen die Banken die Hitze an die Kunden in Form von negativen Einlagezinsen weitergeben. Ich bin wirklich gespannt, wie die Leute darauf reagieren werden.

Der Instrumentenkasten der EZB

Wenn die EZB nicht mehr viel bewegen kann, um die Krise im Euro-Raum zu beenden, wie muss das Währungssystem dann weiterentwickelt werden?

Bofinger: Ich sehe keine andere Möglichkeit, als das noch nicht ganz fertige Währungskonstrukt zu vollenden. Das heißt konkret, wir brauchen so etwas wie einen europäischen Finanzminister, der fiskalisches Fehlverhalten einzelner Länder wirklich sanktionieren kann.

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