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Peter Bofinger und Thomas Mayer "Es knirscht im Euro-Raum"

Soll die EZB Staatsanleihen kaufen und den Euro weichspülen? Die Ökonomen Thomas Mayer und Peter Bofinger streiten über die Zukunft der Währungsunion.

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So kreditwürdig sind die Eurostaaten
Das Centrum für europäische Politik (CEP) hat die Kreditfähigkeit der Euro-Staaten analysiert. Einen besonders intensiven Blick haben die Wissenschaftler auf Belgien, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien geworfen. Das Resultat: die Probleme, die zur Euro-Krise geführt haben, bestehen weiterhin - und haben sich sogar auf weitere Länder ausgeweitet. Quelle: dpa
Die Kreditfähigkeit von Spanien nimmt erstmals seit Einführung des Euros zu. Die Ampel für Spaniens Kreditwürdigkeit steht auf grün, das CEP vergibt beim Schuldenindex eine Wertung von 2,3. Ein positiver Wert des CEP-Default-Indexes bei gleichzeitigem gesamtwirtschaftlichen Finanzierungsüberschuss bedeutet: Das Land benötigt in der betrachteten Periode keine Auslandskredite, es steigert daher seine Kreditfähigkeit. Diese positive Entwicklung dürfe jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Land noch weitere Konsolidierungs- und Reformmaßnahmen umsetzen muss, um die in den Krisenjahren drastisch angestiegene Staatsverschuldung und die hohe Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Quelle: dpa
Auch für Irland steht die Ampel auf grün. Der ehemalige Krisenstaat hat, wie die kontinuierliche Zunahme der Kreditfähigkeit seit 2010 zeigt, die Krise überwunden. Der Schuldenindex beträgt 6,7, ist also deutlich positiv. Aufgabe muss es nun sein, die Investitionen, die auf fast Null gesunken sind, zu steigern, um die Wirtschaft wieder voran zu treiben. Quelle: dpa
Für Portugal zeigt die Ampel dagegen rotes Licht: Zwar erodiert die portugiesische Kreditfähigkeit noch immer. Der ununterbrochene Anstieg des Schuldenindexes seit 2011 zeigt jedoch, dass Portugal erhebliche Anstrengungen unternommen und Anpassungen bewältigt hat. Derzeit beträgt der Index -2. Unbeschadet dieser positiven Entwicklungen ist es allerdings fraglich, ob Portugal bereits ohne weitere Finanzhilfen auskommen wird, wenn das Anpassungsprogramm Mitte 2014 ausläuft. Quelle: dpa
Auch Italien gehört zu den Ländern mit einer "verfestigten abnehmenden Kreditfähigkeit", wie es beim CEP heißt. Die seit 2009 zu beobachtende Erosion der Kreditfähigkeit von Italien dauere an. Gegenüber 2012 habe sich der Verfall beschleunigt. Es sei fraglich, ob sich dies auf absehbare Zeit ändere. Denn die hierfür notwendigen Reformen und Konsolidierungsmaßnahmen seien von der italienischen Regierung bisher nicht ergriffen worden. Quelle: dpa
Ganz mies ist die Lage in Griechenland: Mit einem Wert von -9,8 hat Griechenland die schlechteste Kreditwürdigkeit aller 31 untersuchten Staaten. Die Kreditfähigkeit des Landes verfällt weiter und zwar deutlich schneller als die aller anderen Euro-Länder. Die Wiedererlangung der griechischen Kreditfähigkeit ist nicht absehbar, die Ampel steht auf dunkelrot. Quelle: dpa
Eine negative Überraschung kam in diesem Jahr aus dem Norden Europas: Belgien und Finnland weisen im ersten Halbjahr 2013 erstmals eine abnehmende Kreditfähigkeit auf. Da beide Länder noch über Auslandsvermögen verfügen, ist die Schuldentragfähigkeit allerdings noch nicht unmittelbar bedroht, die Ampel zeigt gelb-rot. Der CEP-Default-Index liegt im Falle Belgiens bei -0,5, bei Finnland beträgt er -0,1. Ein negativer Wert kann auf zwei Arten entstehen: 1. Die Nettokapitalimporte übersteigen die kapazitätssteigernden Investitionen. Das Land konsumiert über das im Inland erwirtschafteten Einkommen auch einen Teil des Nettokapitalimports. Die Volkswirtschaft verschuldet sich folglich im Ausland, um Konsumausgaben finanzieren zu können. 2. Kapital verlässt das Land, so dass der gesamtwirtschaftliche Finanzierungssaldo positiv ist. Gleichzeitig jedoch schrumpft der Kapitalstock. Das Land verarmt. Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Herr Mayer, Herr Bofinger, die Rückkehr der Euro-Krise, die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) und die Spekulation um eine weitere geldpolitische Lockerung haben den Kurs des Euro zum Dollar weit nach unten gedrückt. Gleichzeitig bereiten die Notenbanken in den USA und Großbritannien die Anleger auf höhere Zinsen vor. Steuern wir auf einen Währungskrieg zu?

Bofinger: Währungskrieg ist das falsche Wort. Sicherlich wird EZB-Präsident Mario Draghi versuchen, den Euro möglichst niedrig zu halten. Das ist der einfachste Weg, die Probleme im Euro-Raum zu lösen. Löhne zu senken oder Sozialleistungen zu kürzen wäre viel schwieriger. Diese Strategie könnte sogar aufgehen, weil die Amerikaner gar nicht so auf den Außenwert bezogen denken. Der amerikanische Ansatz ist doch: our currency, your problem. Aber ein Währungskrieg ist das nicht, das würde ja bedeuten, dass die andere Seite etwas tut, um ihre Währung abzuwerten. Das sehe ich nicht.

Die Prognose der Investmentbank Goldman Sachs für den Dollar-Euro-Wechselkurs liegt bei 1:1 bis Ende 2017. Würden die Amerikaner das noch dulden?

Taube gegen Falke

Mayer: Es kommt immer darauf an, ob die amerikanische Wirtschaft gut läuft. Im Moment scheint das Konsens zu sein. Solange das der Fall ist, ist der Fed der Wechselkurs nicht so wichtig. Wenn sich die Konjunktur aber drehen sollte, dann dürften die Amerikaner einen anderen Standpunkt einnehmen. Vielleicht gar nicht so sehr die Notenbank, aber in der Politik würde das zu Diskussionen führen.

Bofinger: Ich verstehe diese langfristigen Wechselkursprognosen sowieso nicht. Devisenmärkte haben doch keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Wenn es sein muss, ist der Euro-Wechselkurs morgen bei 1:1 zum Dollar. Wenn da Dynamik reinkommt, kann das sehr schnell gehen.

Ist die Euro-Abwertung überhaupt ein sinnvolles Instrument, um die wirtschaftlichen Probleme im Euro-Raum zu lösen?

Bofinger: Ich glaube an die Macht von Wechselkursen. Natürlich gibt es Gegeneffekte, Importe werden teurer. Aber, wenn man ein Wettbewerbsproblem mit Drittländern hat, hilft die Abwertung.

Mayer: Eine Strategie, die die Währung schwächt, ist ökonomisch ineffizient. Eine Abwertung der Währung, um Kostenunterschiede auszugleichen, unterstützt ineffizientes Wirtschaften. Da bleiben Unternehmen im Markt, die Produkte herstellen, die die Konsumenten nicht wollen. Langfristig ist das ungesund, die Wirtschaft verliert an Dynamik.

Bofinger: Aber das Beispiel China zeigt, dass eine solche Strategie auch langfristig funktionieren kann. Seit Jahren halten die Chinesen ihren Wechselkurs niedrig, um ihren Export zu stabilisieren – und das mit Erfolg.

Mayer: Das Gegenbeispiel ist Italien. Der italienischen Wirtschaft hat es nicht gutgetan, als die Lira in den Siebziger- und Achtzigerjahren um fast 250 Prozent gegenüber dem Dollar abgewertet hat. Der Unterschied ist: China dämpft die Aufwertung, Italien wertete massiv ab.

Bofinger: Ich halte auch nichts davon, gezielt die Abwertung der Währung als Instrument der Wettbewerbsfähigkeit einzusetzen. Aber dass eine Notenbank versucht, den Wechselkurs auf einem vernünftigen Pfad zu halten, halte ich für richtig. Ob man nun den Euro gezielt etwa auf 80 Cent runterdrücken sollte, das ist eine ganz andere Frage.

"Lateinisches gegen germanisches Währungsmodell"

Um die Wettbewerbsfähigkeit südeuropäischer Euro-Länder zu stützen, kursiert der Vorschlag, einen starken Nord-Euro und einen schwächeren Süd-Euro einzuführen. Was halten Sie davon?

Bofinger: Es wird niemals einen Nord-Euro geben. Wer soll denn dazugehören? Deutschland, die Benelux-Staaten, Finnland und Österreich? Mit diesen kleinen Ländern kann Deutschland doch keinen Währungsraum bilden! Der Versuch einer Teilung wäre das Ende des Euro.

Mayer: Aber Sie können doch nicht leugnen, Herr Bofinger, dass im EZB-Rat der Kampf des „lateinischen“ gegen das „germanische“ Währungsmodell in vollem Gang ist. Da teilen sich die Meinungen, ob eine Hartwährungspolitik im Stil der Bundesbank angebracht wäre und sich die Realwirtschaft anpassen muss oder ob man sagt, die Realwirtschaft kann nicht mithalten, und deshalb muss die Notenbank mit einer Abwertung der Währung nachhelfen. Diese Frage beflügelt die Diskussion um einen Nord- und Süd-Euro. Dennoch finde ich diese Diskussion rückwärtsgewandt.

Warum?

Mayer: Die Europäische Union besteht aus 28 Ländern, und es werden eher mehr. Dem Euro-Raum gehören aber nur 19 Länder an. Das zeigt, dass wir in einem vereinten Europa immer mehrere Währungsräume haben werden. Die Frage ist, ob wir mit dieser westeuropäisch konzipierten Einheitswährung die richtige Antwort auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gefunden haben. Wir müssen uns überlegen, was mit Polen, mit Skandinavien, mit Großbritannien passiert? Diese Länder wollen jedenfalls nicht in diesen bestehenden Euro rein.

Bofinger: Schauen wir uns noch einmal das Modell der EZB genauer an. Sie macht derzeit nichts anderes, als alle anderen großen Notenbanken auch. Niedrigzinspolitik und Anleihekäufe – das machen die USA, Japan und Großbritannien.

Mayer: Ja, aber mit einem großen Unterschied: Der EZB steht kein einheitlicher Staat gegenüber, sondern mittlerweile 19 souveräne Staaten.

Bofinger: Richtig, aber Draghi verfolgt trotzdem keinen eigenen EZB-Sonderweg.

Mayer: Das tut er sehr wohl, denn der Ankauf von Staatsanleihen durch eine Notenbank, hinter der ein einheitlicher Staat steht, ist etwas völlig anderes, als wenn die EZB Anleihen von mittlerweile 19 unterschiedlichen Staaten kaufen will.

Was das sogenannte OMT-Programm angeht, also den Ankauf von Anleihen eines Landes, das ein Rettungsprogramm durchläuft, hat der Generalanwalt des Europäischen Gerichtshofs der EZB einen weiten Ermessensspielraum eingeräumt. Ist das nun der Startschuss dafür, dass die EZB in großem Stil Staatsanleihen kauft?

Ökonomen zu den Staatsanleihenkäufen der EZB

Bofinger: Der Ankauf von Staatsanleihen gehört seit Jahrzehnten zum traditionellen Instrumentarium einer Notenbank. So gesehen ist es nachvollziehbar, dass der Generalanwalt keine grundsätzlichen Bedenken gegenüber dem OMT-Programm der EZB hat. Allerdings sollte die EZB beim Ankauf von Staatsanleihen in den nächsten Monaten eher Zurückhaltung walten lassen, da allein schon durch die Ankündigung der Maßnahmen eine deutliche Senkung der langfristigen Zinsen erreicht worden ist.

Mayer: Der Generalanwalt teilt anscheinend nicht die Auslegung der EU-Verträge durch das Bundesverfassungsgericht, nach der ein Kauf von Staatsanleihen der EZB im Rahmen des OMT-Programms einen Eingriff in die fiskalische Souveränität Deutschlands darstellt. Es wird interessant sein, zu sehen, ob das Verfassungsgericht diesen Übergriff in die nationale Souveränität akzeptiert und damit die weitere Verwässerung des Rechtsrahmens der Währungsunion zulässt oder ob es dagegen Widerstand leisten wird.

EZB sollte keine Staatsanleihen kaufen

Den Kauf von Staatsanleihen könnte die EZB nun aber schon auf ihrer Sitzung am Donnerstag dieser Woche beschließen.

Mayer: Ja, es knirscht im Euro-Raum. Bei den Anleihen der einzelnen Länder gibt es Zinsunterschiede je nach Ausfallgefahr. Wenn die EZB Staatsanleihen der Euro-Länder in einer Mischung kauft, die dem Kapitalanteil ihrer Mitgliedsländer entspricht, dann müsste sie von jedem Euro, den sie ausgibt, etwa für rund 25 Cent Bundesanleihen kaufen. Das treibt die Unterschiede weiter auseinander. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen liegt schon unter 0,6 Prozent. Die würde dann schnell auf null sinken. Das kurzfristige Ende der Zinskurve ist schon negativ. Außerdem: Wenn die EZB wie angekündigt für eine Billion Euro Anleihen kaufen will, wo sollen die denn herkommen? Es gibt doch gar nicht so viele Neuemissionen!

Bofinger: Herr Mayer, es wird Sie jetzt wundern. Doch bei aller Sympathie, die ich für EZB-Präsident Draghi habe, diese großvolumigen Anleihekäufe und insbesondere den Kauf von Bundesanleihen halte auch ich nicht für gut.

Mayer: Das freut mich.

Bofinger: Rein ökonomisch könnte man sagen, es schadet nichts, drücken wir die Zinsen halt noch ein wenig nach unten. Aber bei dem Niedrigzinsumfeld, das wir in Deutschland bereits haben, hätte das negative Folgen für Versicherungen und Pensionsfonds, ja für die gesamte Altersversicherung hierzulande. Deshalb rate ich der EZB dringend davon ab, Staatsanleihen zu kaufen.

Wo genau liegen die Gefahren?

Bofinger: Wenn die EZB Anleihen von Staaten kauft, dann ist das sowohl ein politisches als auch ein ökonomisches Problem. Es zeigt, dass die EZB am Ende ist mit ihrem Handlungsspielraum. Die Fiskalpolitik muss handeln. Ich sehe noch Spielraum in Deutschland, die Nachfrage anzukurbeln. Deutschland hat das Problem, dass viele Leute aus der Mittelschicht keine Immobilien besitzen. Anleihen, Versicherungen, Pensionsfonds – das sind die Vermögensbestände des Mittelstands in Deutschland. Wenn diese Assets wegbrechen, dann gibt es massive Probleme.

Die größten Banken der Euro-Zone
Platz 10CaixaBankLand: Spanien Börsenwert: 24,1 Mrd. Euro Die spanische Investmentgesellschaft mit Sitz in Barcelona, befindet sich unter Kontrolle der Sparkasse "La Caixa". Früher hieß sie Criteria CaixaCorp. Sie ist an einigen der größten spanischen Unternehmen wie z.B. Gas Natural, Repsol YPF und Telefónica beteiligt. Quelle: dpa
Platz 9Crédit AgricoleLand: Frankreich Börsenwert: 29,8 Mrd. Euro Die Crédit Agricole mit Sitz in Paris ist die drittgrößte Bank in Frankreich und zählt zu den größten Geschäftsbanken in ganz Europa. Quelle: dpa
Platz 7Société GénéraleLand: Frankreich Börsenwert: 37,3 Mrd. Euro Die Société Générale zählt zu den wichtigsten und ältesten Geschäftsbanken in Frankreich. Weltweit arbeiten fast 160.000 Mitarbeiter für die Großbank mit Sitz in Paris. Quelle: REUTERS
Platz 8Deutsche BankLand: Deutschland Börsenwert: 33,8 Mrd. Euro Mit einer Bilanzsumme von 1.611 Milliarden Euro gilt die Deutsche Bank als das größte Kreditinstitut Deutschlands. Insgesamt sind mehr als 98000 Mitarbeiter für die1870 gegründete Bank tätig. im weltweiten Vergleich kommt die Deutsche Bank mit ihrem Börsenwert nur auf Rang 37. Quelle: dpa
Platz 6UniCreditLand: Italien Börsenwert: 39,0 Mrd. Euro Die 1998 gegründete UniCredit S.p.A. zählt zu den größten und wichtigsten Banken Italiens. Auf der ganzen Welt arbeiten rund 148.000 Angestellte für UniCredit. Quelle: Reuters
Platz 5Intesa SanpaoloLand: Italien Börsenwert: 41,2 Mrd. Euro Die Intesa Sanpaolo mit Sitz in Turin ist neben Unicredit das größte italienische Finanzinstitut. Die Bank ist 2006 aus einer Fusion der Sanpaolo IMI S.p.A. und der Banca Intesa entstanden. Quelle: REUTERS
Platz 4Allied Irish BankLand: Irland Börsenwert: 46,6 Mrd. Euro Das Institut gehört zu den größten in Irland und hatte entsprechend unter der Finanzkrise zu leiden. Im Dezember 2010 wurde die irische Regierung Anteilseigner der Bank. Quelle: SNL Financial Quelle: dpa

Mayer: Die Frage ist doch, würde ein Ankauf von Staatsanleihen die Konjunktur überhaupt anschieben? Wenn die EZB nach dem Kapitalanteil der einzelnen Euro-Länder Anleihen kauft, würden die deutschen Zinsen weiter fallen. Dadurch stiegen die Pensionsverpflichtungen der Unternehmen. Statt die Gewinne zu investieren, müssten die Betriebe sie in die Rückstellungen zur Finanzierung der Altersversorgung stecken. Es könnte genau das Gegenteil dessen passieren, was die EZB mit dem Kauf von Staatsanleihen bezweckt. Draghi könnte der Konjunktur schaden, statt sie anzukurbeln.

Die EZB will damit Deflation abwehren.

Mayer: Ist die Deflation tatsächlich so ein großes Problem? Ich halte nichts von dem Argument, Konsumenten verschöben Ausgaben, weil sie auf weiter sinkende Preise hoffen. Wer das neue iPhone haben will, der kauft es sich, obwohl er weiß, dass es bald billiger sein wird. Das eigentliche Problem sind die hohen Schulden. Bei niedriger Inflation lassen sich die hohen Schulden nicht weginflationieren. Die Länder müssen die Schuldenproblematik lösen.

Ausweitung der Bilanz um eine Billion Euro

Bofinger: Der Schuldenabbau gelingt bei einer Inflation von zwei Prozent besser als bei null Prozent oder gar bei negativen Raten. Nun aber haben die fallenden Ölpreise die Inflation in den Minusbereich gedrückt. Dazu kommt der Anpassungsprozess in einzelnen Euro-Ländern, die mit hoher Arbeitslosigkeit kämpfen und durch Lohnzurückhaltung wettbewerbsfähiger werden wollen. Daher kommt der deflationäre Druck. Für eine Notenbank ist es in dieser Situation extrem schwierig, gegenzusteuern.

Wäre es in dieser Situation nicht das Beste, die EZB würde nichts tun und warten, bis die reformbedürftigen Länder ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern?

Bofinger: Warten wir doch erst einmal ab, ob die EZB überhaupt etwas tut. Draghi ist ein Meister darin, mit nichts große Effekte zu erzielen. Er hat den Euro stabilisiert, ohne bisher eine einzige Anleihe zu kaufen. Abgesehen von zwei Zinssenkungen hat er bis heute nicht viel gemacht, außer eine große Kulisse aufzubauen, vor allem auch mit der Ankündigung, die Bilanz der EZB auszuweiten...

...und zwar um rund eine Billion Euro. Eine gute Idee?

Bofinger: Das halte ich nicht wirklich für clever, damit hat er sich unter Zugzwang gesetzt. Die Wirtschaft benötigt die größere Geldbasis nicht. Deshalb bliebe das Geld im Bankensystem. Die Institute müssten es zum negativen Einlagenzins bei der EZB parken. Das ganze Terrain, in das sich die EZB begibt, ist nicht rational nachzuvollziehen. Es ist ein Stück psychologischer Kriegsführung, der die ökonomische Substanz fehlt. Im Moment gibt es Zentralbankgeld wie Freibier. Bei Freibier nehmen sich die Leute so viel, wie sie trinken wollen. Wenn Sie da noch mehr Kästen hinstellen, trinken die Leute auch nicht mehr.

Mayer: Mir fällt da eher das Bild einer heißen Kartoffel ein. Nehmen Sie das Beispiel einer spanischen Bank, die sich bei einer deutschen Bank verschuldet hat. Nun holen sich die Spanier Zentralbankgeld zu null Prozent Zinsen bei der EZB und geben das Geld weiter an die Deutschen, die es zum Minuszins von 0,2 Prozent bei der EZB anlegen. Die heiße Kartoffel Zentralbankgeld brennt jeder Bank in der Hand, und sie möchte sie so schnell wie möglich weiterreichen. Da sie die heiße Kartoffel aber nicht loswerden können, müssen die Banken die Hitze an die Kunden in Form von negativen Einlagezinsen weitergeben. Ich bin wirklich gespannt, wie die Leute darauf reagieren werden.

Der Instrumentenkasten der EZB

Wenn die EZB nicht mehr viel bewegen kann, um die Krise im Euro-Raum zu beenden, wie muss das Währungssystem dann weiterentwickelt werden?

Bofinger: Ich sehe keine andere Möglichkeit, als das noch nicht ganz fertige Währungskonstrukt zu vollenden. Das heißt konkret, wir brauchen so etwas wie einen europäischen Finanzminister, der fiskalisches Fehlverhalten einzelner Länder wirklich sanktionieren kann.

"Völlig absurde Sanktionen"

Sanktionen sieht der Stabilitätspakt doch bereits vor, sie werden nur nicht genutzt.

Bofinger: Ja, aber dabei handelt es sich um völlig absurde Sanktionen. Wenn ein Land ein überhöhtes Defizit hat und deswegen eine Geldbuße zahlen muss, dann wäre es der Regierung wohl auch egal, wenn sich das Defizit deswegen um weitere 0,5 Prozent erhöht. Stattdessen bräuchte man zielführende Sanktionen, etwa indem für das Land eine befristete Steuererhöhung angeordnet wird, um besonders hohe Defizite zurückzufahren. Das Gegenstück dazu wäre dann eine Form der Gemeinschaftshaftung. Beides gehört zusammen.

Mayer: Es ist wohl allen Verantwortlichen klar, dass der gegenwärtige Zustand der Währungsunion noch nicht stabil ist. Man kann aber durchaus darüber streiten, ob die einzelnen Länder wirklich bereit sind, so viel Souveränität abzugeben, dass daraus eine funktionierende Währungsunion wird. In Deutschland würde dies wahrscheinlich eine Volksabstimmung zur Änderung des Grundgesetzes voraussetzen. Da kann ich nur sagen: Viel Glück!

Das klingt so, als hielten Sie das für unmöglich?

Mayer: Nein, aber man sollte sich die Staaten anschauen, die einen solchen Weg schon beschritten haben: die Schweiz und die USA. In beiden Fällen endete das mit einer relativ starken Zentralgewalt. Insbesondere in den USA unter Präsident Roosevelt hat die Zentralmacht die Einzelstaaten entmachtet und eine Fiskalkompetenz aufgebaut, mit der sie den fiskalischen Ausgleich im Bundesstaat herstellen konnte. Eine gemeinsame Haftung für die Schulden der Föderalstaaten gibt es aber auch dort bis heute nicht – auch nicht in der Schweiz. Ich meine, wir sind in Europa noch lange nicht so weit, dass die Bevölkerungen einen solchen Souveränitätsverzicht billigen. Dass wir in Europa Schulden vergemeinschaften können, halte ich für eine unhistorische Überlegung.

In Arbeit
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Was folgt daraus?

Mayer: Man müsste zu Maastricht zurückkehren. Dort war die EWU angelegt wie eine Art Goldstandard.

Bofinger: Aber was reden Sie denn da? Wenn das stimmt, was Sie sagen, dann bliebe doch nur die Rückkehr zu nationalen Währungen. Das sehe ich aber nicht so. Es stimmt. Wir stecken im Tunnel fest. Den Ausgang nach vorne müssen wir uns erst noch bohren, auch wenn es mühsam wird. Aber die Rückkehr zum Eingang ist für mich unmöglich.

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