Peter Bofinger und Thomas Mayer "Es knirscht im Euro-Raum"

Soll die EZB Staatsanleihen kaufen und den Euro weichspülen? Die Ökonomen Thomas Mayer und Peter Bofinger streiten über die Zukunft der Währungsunion.

So kreditwürdig sind die Eurostaaten
Das Centrum für europäische Politik (CEP) hat die Kreditfähigkeit der Euro-Staaten analysiert. Einen besonders intensiven Blick haben die Wissenschaftler auf Belgien, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien geworfen. Das Resultat: die Probleme, die zur Euro-Krise geführt haben, bestehen weiterhin - und haben sich sogar auf weitere Länder ausgeweitet. Quelle: dpa
Die Kreditfähigkeit von Spanien nimmt erstmals seit Einführung des Euros zu. Die Ampel für Spaniens Kreditwürdigkeit steht auf grün, das CEP vergibt beim Schuldenindex eine Wertung von 2,3. Ein positiver Wert des CEP-Default-Indexes bei gleichzeitigem gesamtwirtschaftlichen Finanzierungsüberschuss bedeutet: Das Land benötigt in der betrachteten Periode keine Auslandskredite, es steigert daher seine Kreditfähigkeit. Diese positive Entwicklung dürfe jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Land noch weitere Konsolidierungs- und Reformmaßnahmen umsetzen muss, um die in den Krisenjahren drastisch angestiegene Staatsverschuldung und die hohe Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Quelle: dpa
Auch für Irland steht die Ampel auf grün. Der ehemalige Krisenstaat hat, wie die kontinuierliche Zunahme der Kreditfähigkeit seit 2010 zeigt, die Krise überwunden. Der Schuldenindex beträgt 6,7, ist also deutlich positiv. Aufgabe muss es nun sein, die Investitionen, die auf fast Null gesunken sind, zu steigern, um die Wirtschaft wieder voran zu treiben. Quelle: dpa
Für Portugal zeigt die Ampel dagegen rotes Licht: Zwar erodiert die portugiesische Kreditfähigkeit noch immer. Der ununterbrochene Anstieg des Schuldenindexes seit 2011 zeigt jedoch, dass Portugal erhebliche Anstrengungen unternommen und Anpassungen bewältigt hat. Derzeit beträgt der Index -2. Unbeschadet dieser positiven Entwicklungen ist es allerdings fraglich, ob Portugal bereits ohne weitere Finanzhilfen auskommen wird, wenn das Anpassungsprogramm Mitte 2014 ausläuft. Quelle: dpa
Auch Italien gehört zu den Ländern mit einer "verfestigten abnehmenden Kreditfähigkeit", wie es beim CEP heißt. Die seit 2009 zu beobachtende Erosion der Kreditfähigkeit von Italien dauere an. Gegenüber 2012 habe sich der Verfall beschleunigt. Es sei fraglich, ob sich dies auf absehbare Zeit ändere. Denn die hierfür notwendigen Reformen und Konsolidierungsmaßnahmen seien von der italienischen Regierung bisher nicht ergriffen worden. Quelle: dpa
Ganz mies ist die Lage in Griechenland: Mit einem Wert von -9,8 hat Griechenland die schlechteste Kreditwürdigkeit aller 31 untersuchten Staaten. Die Kreditfähigkeit des Landes verfällt weiter und zwar deutlich schneller als die aller anderen Euro-Länder. Die Wiedererlangung der griechischen Kreditfähigkeit ist nicht absehbar, die Ampel steht auf dunkelrot. Quelle: dpa
Eine negative Überraschung kam in diesem Jahr aus dem Norden Europas: Belgien und Finnland weisen im ersten Halbjahr 2013 erstmals eine abnehmende Kreditfähigkeit auf. Da beide Länder noch über Auslandsvermögen verfügen, ist die Schuldentragfähigkeit allerdings noch nicht unmittelbar bedroht, die Ampel zeigt gelb-rot. Der CEP-Default-Index liegt im Falle Belgiens bei -0,5, bei Finnland beträgt er -0,1. Ein negativer Wert kann auf zwei Arten entstehen: 1. Die Nettokapitalimporte übersteigen die kapazitätssteigernden Investitionen. Das Land konsumiert über das im Inland erwirtschafteten Einkommen auch einen Teil des Nettokapitalimports. Die Volkswirtschaft verschuldet sich folglich im Ausland, um Konsumausgaben finanzieren zu können. 2. Kapital verlässt das Land, so dass der gesamtwirtschaftliche Finanzierungssaldo positiv ist. Gleichzeitig jedoch schrumpft der Kapitalstock. Das Land verarmt. Quelle: dpa
Die Entwicklung der Kreditfähigkeit von Frankreich ist nach wie vor unbestimmt, eine Trendwende hin zu einer eindeutig zunehmenden Kreditfähigkeit ist weiterhin nicht auszumachen. Dementsprechend vergibt das CEP eine gelbe Ampelwertung bei einem CEP-Default-Index von 1,7. Ein positiver Wert bei gleichzeitigem gesamtwirtschaftlichen Finanzierungsdefizit bedeutet: Die kapazitätssteigernden Investitionen eines Jahres übersteigen die Nettokapitalimporte. In diesem Fall lässt sich nicht allgemein sagen, ob die Kreditfähigkeit der Volkswirtschaft erodiert oder nicht. Aufgrund seiner Bedeutung für die Euro-Zone und angesichts der fortschreitenden Kreditfähigkeitsprobleme in Italien, Portugal und Griechenland sowie neuerdings auch in Belgien und Finnland ist es dringend notwendig, dass die französische Regierung Konsolidierungs- und Reformmaßnahmen ergreift, damit die Wettbewerbsfähigkeit und mithin die Kreditfähigkeit des Landes wieder ansteigen. Quelle: dapd

WirtschaftsWoche: Herr Mayer, Herr Bofinger, die Rückkehr der Euro-Krise, die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) und die Spekulation um eine weitere geldpolitische Lockerung haben den Kurs des Euro zum Dollar weit nach unten gedrückt. Gleichzeitig bereiten die Notenbanken in den USA und Großbritannien die Anleger auf höhere Zinsen vor. Steuern wir auf einen Währungskrieg zu?

Bofinger: Währungskrieg ist das falsche Wort. Sicherlich wird EZB-Präsident Mario Draghi versuchen, den Euro möglichst niedrig zu halten. Das ist der einfachste Weg, die Probleme im Euro-Raum zu lösen. Löhne zu senken oder Sozialleistungen zu kürzen wäre viel schwieriger. Diese Strategie könnte sogar aufgehen, weil die Amerikaner gar nicht so auf den Außenwert bezogen denken. Der amerikanische Ansatz ist doch: our currency, your problem. Aber ein Währungskrieg ist das nicht, das würde ja bedeuten, dass die andere Seite etwas tut, um ihre Währung abzuwerten. Das sehe ich nicht.

Die Prognose der Investmentbank Goldman Sachs für den Dollar-Euro-Wechselkurs liegt bei 1:1 bis Ende 2017. Würden die Amerikaner das noch dulden?

Taube gegen Falke

Mayer: Es kommt immer darauf an, ob die amerikanische Wirtschaft gut läuft. Im Moment scheint das Konsens zu sein. Solange das der Fall ist, ist der Fed der Wechselkurs nicht so wichtig. Wenn sich die Konjunktur aber drehen sollte, dann dürften die Amerikaner einen anderen Standpunkt einnehmen. Vielleicht gar nicht so sehr die Notenbank, aber in der Politik würde das zu Diskussionen führen.

Bofinger: Ich verstehe diese langfristigen Wechselkursprognosen sowieso nicht. Devisenmärkte haben doch keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Wenn es sein muss, ist der Euro-Wechselkurs morgen bei 1:1 zum Dollar. Wenn da Dynamik reinkommt, kann das sehr schnell gehen.

Ist die Euro-Abwertung überhaupt ein sinnvolles Instrument, um die wirtschaftlichen Probleme im Euro-Raum zu lösen?

Bofinger: Ich glaube an die Macht von Wechselkursen. Natürlich gibt es Gegeneffekte, Importe werden teurer. Aber, wenn man ein Wettbewerbsproblem mit Drittländern hat, hilft die Abwertung.

Mayer: Eine Strategie, die die Währung schwächt, ist ökonomisch ineffizient. Eine Abwertung der Währung, um Kostenunterschiede auszugleichen, unterstützt ineffizientes Wirtschaften. Da bleiben Unternehmen im Markt, die Produkte herstellen, die die Konsumenten nicht wollen. Langfristig ist das ungesund, die Wirtschaft verliert an Dynamik.

Bofinger: Aber das Beispiel China zeigt, dass eine solche Strategie auch langfristig funktionieren kann. Seit Jahren halten die Chinesen ihren Wechselkurs niedrig, um ihren Export zu stabilisieren – und das mit Erfolg.

Mayer: Das Gegenbeispiel ist Italien. Der italienischen Wirtschaft hat es nicht gutgetan, als die Lira in den Siebziger- und Achtzigerjahren um fast 250 Prozent gegenüber dem Dollar abgewertet hat. Der Unterschied ist: China dämpft die Aufwertung, Italien wertete massiv ab.

Bofinger: Ich halte auch nichts davon, gezielt die Abwertung der Währung als Instrument der Wettbewerbsfähigkeit einzusetzen. Aber dass eine Notenbank versucht, den Wechselkurs auf einem vernünftigen Pfad zu halten, halte ich für richtig. Ob man nun den Euro gezielt etwa auf 80 Cent runterdrücken sollte, das ist eine ganz andere Frage.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%