Politische Debatte Sag, wie hast du's mit dem Wachstum?

Eine Ära ohne Wachstum sehen Meinhard Miegel und andere Sozialwissenschaftler auf uns zukommen. Die meisten Ökonomen dagegen wollen auf die neue Gretchenfrage gar nicht antworten. Bei einer Tagung in Berlin stießen zwei Denkwelten aufeinander.

Meinhard Miegel, Soziologe und Vorstandschef des „Denkwerks Zukunft“ Quelle: Christoph Busse für WirtschaftsWoche

Eine Wanderung im Nebel: Meinhard Miegel wählte poetische Worte für seine Veranstaltung. Der Soziologe und Vorstandschef des „Denkwerks Zukunft“ hatte einige der prominentesten Gesellschaftswissenschaftler der Gegenwart zu einer Tagung in Berlin zusammengerufen, um nicht weniger als einen „Ausblick auf eine neue Ära“ zu geben.  

Die Zukunft ist immer nebulös, aber mehr oder weniger deutliche Schemen kann man doch erkennen, wenn man sie sehen will. Für den Nebelwanderer Miegel ist es vor allem das Ende des Wirtschaftswachstums, das immer deutlichere Konturen annimmt.

Dieses Ende stand den rund 400 Besuchern, darunter Politikerlegenden wie Antje Vollmer und Kurt Biedenkopf und Ex-ZDF-Chefredakteur Niklaus Brender, vor Augen: Eine große Grafik hing über dem zum Podium umfunktionierten Altar, das die Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts der sechs EU-Gründerstaaten zeigte. Eine harmonisch auslaufende Kurve, die mit 4,19 Prozent in den 1960er Jahren beginnt, in den 70er Jahren noch 2,93 Prozent erreicht, in den 80ern 2,05 und in den 90ern 1,19 und in den 2000er Jahren nur noch 0,55 Prozent. Wenn das so weitergeht, enden wir in den 40er Jahren praktisch bei Null. In seinem Eröffnungsvortrag ergänzte Miegel dieses Leitschaubild durch zahlreiche andere. Ob man nun die USA und Japan mit einbezieht oder nicht, die Kurven verlaufen ähnlich – sie sinken alle.

Den langfristigen Trend konnten keine „Beschwörungsformeln“ (Miegel) der Politik, keine Marktderegulierung und auch kein Wachstumsbeschleunigungsgesetz brechen. Das Wachstum, ohne das nach Ansicht der Bundeskanzlerin „alles nichts“ ist, lässt sich offenbar immer weniger nach oben prügeln. Dafür, dass das auch in Zukunft nicht gelingen werde, nennt Miegel fünf Gründe: Die Schuldenlast der Staaten, die Grenzen der verfügbaren Ressourcen, die verlorenen Privilegien der alten Industriestaaten, ihre sinkende und alternde Bevölkerung und als „entscheidenden Bremsfaktor“: die veränderten Wünsche der Menschen.

Die größten Ökonomen
Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman: Die größten Wirtschafts-Denker der Neuzeit im Überblick.
Gustav Stolper war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Der deutsche Volkswirt", dem publizistischen Vorläufer der WirtschaftsWoche. Er schrieb gege die große Depression, kurzsichtige Wirtschaftspolitik, den Versailler Vertrag, gegen die Unheil bringende Sparpolitik des Reichskanzlers Brüning und die Inflationspolitik des John Maynard Keynes, vor allem aber gegen die Nationalsozialisten. Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-2006-0113 / CC-BY-SA
Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat in seinen Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie bereits in den Zwanzigerjahren gezeigt, wie eine übermäßige Geld- und Kreditexpansion eine mit Fehlinvestitionen verbundene Blase auslöst, deren Platzen in einen Teufelskreislauf führt. Mises wies nach, dass Änderungen des Geldumlaufs nicht nur – wie die Klassiker behaupteten – die Preise, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit sowie das reale Produktionsvolumen beeinflussen. Zudem reagieren die Preise nicht synchron, sondern in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß auf Änderungen der Geldmenge. Das verschiebt die Preisrelationen, beeinträchtigt die Signalfunktion der Preise und führt zu Fehlallokationen. Quelle: Mises Institute, Auburn, Alabama, USA
Gary Becker hat die mikroökonomische Theorie revolutioniert, indem er ihre Grenzen niederriss. In seinen Arbeiten schafft er einen unkonventionellen Brückenschlag zwischen Ökonomie, Psychologie und Soziologie und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Rational-Choice-Theorie“. Entgegen dem aktuellen volkswirtschaftlichen Mainstream, der den Homo oeconomicus für tot erklärt, glaubt Becker unverdrossen an die Rationalität des Menschen. Seine Grundthese gleicht der von Adam Smith, dem Urvater der Nationalökonomie: Jeder Mensch strebt danach, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dazu wägt er – oft unbewusst – in jeder Lebens- und Entscheidungssituation ab, welche Alternativen es gibt und welche Nutzen und Kosten diese verursachen. Für Becker gilt dies nicht nur bei wirtschaftlichen Fragen wie einem Jobwechsel oder Hauskauf, sondern gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich – Heirat, Scheidung, Ausbildung, Kinderzahl – sowie bei sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen wie Diskriminierung, Drogensucht oder Kriminalität. Quelle: dpa
Jeder Student der Volkswirtschaft kommt an Robert Mundell nicht vorbei: Der 79-jährige gehört zu den bedeutendsten Makroökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Der Kanadier entwickelte zahlreiche Standardmodelle – unter anderem die Theorie der optimalen Währungsräume -, entwarf für die USA das Wirtschaftsmodell der Reaganomics und gilt als Vordenker der europäischen Währungsunion. 1999 bekam für seine Grundlagenforschung zu Wechselkurssystemen den Nobelpreis. Der exzentrische Ökonom lebt heute in einem abgelegenen Schloss in Italien. Quelle: dpa
Der Ökonom, Historiker und Soziologe Werner Sombart (1863-1941) stand in der Tradition der Historischen Schule (Gustav Schmoller, Karl Bücher) und stellte geschichtliche Erfahrungen, kollektive Bewusstheiten und institutionelle Konstellationen, die den Handlungsspielraum des Menschen bedingen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. In seinen Schriften versuchte er zu erklären, wie das kapitalistische System  entstanden ist. Mit seinen Gedanken eckte er durchaus an: Seine Verehrung und gleichzeitige Verachtung für Marx, seine widersprüchliche Haltung zum Judentum. Eine seiner großen Stärken war seine erzählerische Kraft. Quelle: dpa
Amartya Sen Quelle: dpa

"Die Woge bricht"

Ausgerechnet Ludwig Ehrhardt, der Vater des deutschen Wirtschaftswunder, hatte 1961 – auf dem Höhepunkt der Wachstumsfreude – vorhergesagt, dass sich dereinst „die Woge bricht, wo der Aufwand an materiellen Mitteln, an Fleiß, an körperlicher und geistiger Kraft, sich nicht mehr lohnt“. Drei Jahre später, als Bundeskanzler kündigte er an: „Wir werden sogar mit Sicherheit dahin gelangen, dass zu Recht die Frage gestellt wird, ob es noch immer richtig und nützlich ist, mehr Güter, mehr materiellen Wohlstand zu erzeugen oder es nicht sinnvoller ist, unter Verzichtsleistungen auf diesen ‚Fortschritt’ mehr Freizeit, mehr Besinnung, mehr Muße und mehr Erholung zu gewinnen.“ Die Frage stellte sich John Maynard Keynes schon 1930 in seiner Schrift über „Die wirtschaftlichen Aussichten für unsere Enkel“. Keynes empfahl ihnen, nur wenige Stunden täglich zu arbeiten und stattdessen „das Tanzen wieder zu lernen“.

Dass nun 80 Jahre nach Keynes und 50 Jahre nach Ehrhardt möglicherweise die Woge wirklich gebrochen ist, zeigt der Publikumserfolg des Denkwerks Zukunft und die aktuelle Flut entsprechender Bücher: „Exit“, „Wohlstand ohne Wachstum“, „Befreiung vom Überfluss“. Nur die meisten Ökonomen ziehen da nicht mit. Auch nicht diejenigen, die Miegel eingeladen hatte. Richard Werner, Management-Professor in Southhampton, zankte sich mit Thomas Mayer, bis vor kurzem noch Chefvolkswirt der Deutschen Bank, um seine Geld-Theorie und erhielt für seine Forderung nach einem reinen Staatsgeld und dem Ende der Kreditgeldschöpfung Schützenhilfe vom Erfurter Professor Helge Peukert. Werner will den Zins abschaffen, aber das Wachstum befördern. Petra Gerlach-Kristen, Professorin in Dublin und Zinsexpertin, blieb da fast die Spucke weg. „Ein sehr verwirrender Disput“ sei das, sagte Mayer zu Recht. Da keiner über eine nicht wachsende Wirtschaft sprechen wollte - immerhin waren sich die vier in diesem Punkt offenbar einig – debattierte man lieber die Rettung der Eurozone.

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