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Proteste gegen Arbeitsmarktreform Frankreich ist auf dem Weg ins Chaos

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Fanmeilen nur an den Austragungsorten der EM

Auch die psychologischen Effekte der Terrorgefahr sind nicht zu unterschätzen. Womöglich huschen viele Fans in die Stadien und verlassen nach dem Spiel schnell wieder das Land. Ihr Beitrag zum französischen Bruttoinlandsprodukt könnte sich dann auf den Kauf einer Bratwurst beschränken.

„Wir wissen, dass der ,IS‘ die EM ins Visier genommen hat“, warnt der deutsche Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen. Patrick Calvar, Chef des französischen Inlandsgeheimdienstes DGSI, hält „neue Formen von Angriffen“ für denkbar, etwa mit Sprengstoff, der an Orten mit großen Menschenansammlungen deponiert werde.

Die zehn Austragungsorte der EM

Frankreich hat jedoch nicht halb so viele Sicherheitskräfte rekrutieren können, wie nötig gewesen wären. Deshalb wird es Fanmeilen nur in jenen Städten geben, in denen die insgesamt 51 Spiele ausgetragen werden. Wegen der vielen Einsätze bei Demonstrationen und Protestaktionen der vergangenen Wochen klagt aber die Polizeigewerkschaft schon vor Beginn der EM über Erschöpfung und Überforderung ihrer Beamten – und hat selbst zu Protesten aufgerufen. Beim Pokalendspiel zwischen Paris Saint-Germain und Olympique Marseille, das zur Generalprobe für die EM deklariert worden war, gelangten am vorletzten Mai-Wochenende Fußballfans mit Brandgeschossen durch die Sicherheitskontrollen.

Frankreich und der Terror

Für die Regierung ist das alles ein Desaster. Das Schicksal von Präsident François Hollande scheint besiegelt – egal, ob er bei der Arbeitsmarktreform nun hart bleibt oder seinen Premier Manuel Valls opfert und nachgibt. Im Parlament lässt sich der Bruch in der Sozialistischen Partei zwischen Reformern und Fundamentalisten nicht mehr kitten. Die Arbeitsmarktreform wurde in erster Lesung per Verfassungstrick ohne Abstimmung durchgedrückt. Den Krawallen steht Hollande hilflos gegenüber.

62 Prozent der Franzosen stehen hinter den Protestaktionen

„Ein Psychiater würde sagen, Frankreich ist depressiv. Es hat seine Probleme zu lange unterdrückt. Das erklärt die Gewalt, die sich nun bei der kleinsten Gelegenheit Luft macht“, analysiert der Ökonom Nicolas Bouzou die jüngsten Ausschreitungen. Dass dabei eine linksradikale Gewerkschaft wie die CGT mit nur noch 700.000 Mitgliedern ein ganzes Land paralysieren kann, erscheint zunächst paradox. Doch weiß Martinez 62 Prozent der Franzosen hinter sich und den Protestaktionen, ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ifop. Eine Mehrheit im nostalgisch um alte Zeiten ohne Wettbewerbsdruck und Globalisierung trauernden Volk solidarisiert sich lieber mit Straßenkämpfern als mit der politischen Elite.

Wie kann da die Stimmung und Leichtigkeit entstehen, die sportliche Großveranstaltungen brauchen? „Nicht alles ist eine Frage des Geldes“, sagt Alain Juppé, der Bürgermeister von Bordeaux. Der Konservative ist Vorsitzender der EM-Gastgeber-Städte und möglicher Kandidat für die Präsidentschaftswahl 2017. Seine Mahnung an die Franzosen: „Ein bisschen Optimismus und geteilte Freude zählen auch.“

Wenigstens die Spieler der französischen Nationalmannschaft wollen diese Freude nicht durch Streikaktionen – wie bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika – trüben. Bei den Buchmachern gelten sie neben der deutschen Elf als Favorit.

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