WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Proteste im EU-Land Bulgarien hat genug von der Mafia

Anders als im Februar demonstriert in Sofia dieses Mal die neue Mittelschicht: Intellektuelle, Künstler und Studenten. Es geht nicht um zu hohe Strompreise, sondern um mehr Mitsprache, Medienfreiheit und den Kampf gegen die Korruption. Die Protestler stellen die Systemfrage.

Anders als im Februar diesen Jahres geht es bei den Protesten in Bulgarien nicht um zu hohe Strompreise, sondern um mehr Mitsprache, Medienfreiheit und den Kampf gegen die Korruption. Quelle: dpa

Sie haben Trommeln, Trillerpfeifen und bunte Transparente mitgebracht. "Mafia raus" und "Bulgaren wacht auf", steht auf den Pappschildern. Einige Demonstranten haben einen schwarz angemalten Sarg in die Innenstadt von Sofia getragen. Hier beerdigen sie symbolisch die Demokratie. Ihre ultimative Forderung rufen sie immer wieder lauthals in den Abendhimmel, dazu die Arme gereckt: "Rücktritt", fordern sie von der bulgarischen Regierung.

So ist es um die Armut in Europa bestellt
Platz 27: Am wenigsten armutsgefährdet sind die Menschen in Dänemark. Das ergab eine Studie des Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Als armutsgefährdet gilt nach einer Definition der EU, wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens eines Landes zur Verfügung hat. Das IW nahm diese Definition als Grundlage für ihre Forschung, kombinierte sie jedoch noch mit weiteren Faktoren, zum Beispiel die subjektive Einkommensarmut und die Deprivation, also das, worauf Menschen aus finanziellen Gründen verzichten müssen. Heraus kam: Nur ein Prozent der Bevölkerung in Dänemark ist arm. Auf Platz 26 schafft es Luxemburg. Quelle: REUTERS
Platz 25: Immer mehr Menschen sind von Armut betroffen - egal ob in Deutschland oder europaweit. In der EU gilt fast jeder Vierte als armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Die Menschen in den Niederlanden kommen dabei noch gut weg und landen auf Platz 25: Nur jeder Neunte ist armutsgefährdet. Quelle: AP
Platz 24: Schweden. Nur ein Prozent der Bevölkerung in Schweden muss erhebliche materielle Entbehrungen hinnehmen. Auf Platz 23 und 22 folgen Finnland und Österreich. Quelle: dpa
Platz 21 für Deutschland - damit liegen wir im europäischen Vergleich nur im Mittelfeld. Besonders betroffen von Armut sind in Deutschland Migranten, Alleinerziehende und Arbeitslose. 30 Prozent der Arbeitslosen sind einkommensarm. Quelle: dpa
Platz 20: Vereintes Königreich. Die Briten gehören ins Mittelfeld - ebenso wie Frankreich (Platz 19), die Tschechischen Republik (Platz 18), Belgien (Platz 17) und Slowenien (Platz 16). Doch es gibt deutliche Unterschiede: Während die Tschechen EU-weit die niedrigste Einkommensarmutsquote hat, sind die Briten bei der subjektiven Armut vorne. Quelle: REUTERS
Platz 15 bis 13: Slowakische Republik, Malta, Spanien. Die Länder gehören in Sachen Armut in das untere Mittelfeld. Quelle: AP
Auch die Iren gehören noch ins Mittelfeld, wenn auch ins untere - und belegen im Ranking Platz 12. Etwas größer ist die Armutsgefahr für Estland (Platz 11). Quelle: dpa

Seit 41 Tagen demonstrieren sie jeden Abend. Vom Ministerrat, dem Sitz der Regierung, ziehen die Demonstranten dann über das gelbe Kopfsteinpflaster in Richtung Parlament. Es sind junge Leute, Familien, Studenten, Selbstständige, Künstler und Musiker: In Sofia demonstriert die Mittelschicht. Mal kommen 3.000 Leute, mal kommen 30.000. Einige haben vor dem Parlamentsgebäude ein kleines Zeltlager aufgeschlagen. Bis zur Nacht von Dienstag auf Mittwoch verliefen die Proteste friedlich. Doch gestern in den frühen Morgenstunden kam es zu Rangeleien zwischen Demonstranten und der Polizei. Es gab Verletzte, Scheiben gingen zu Bruch.

Im Februar zogen Bulgariens wirtschaftlich Abgehängte, die Arbeitslosen und einkommensschwachen Bürger durch die Innenstadt und protestierten gegen zu hohe Strompreise. Dieses Mal geht es den Protestlern um Werte. Sie wehren sich gegen die überkommenen Strukturen der Vor-Wende-Zeit im Land, gegen die Verbandelung der Oligarchen mit den Regierenden. Sie haben genug davon, dass manche Unternehmer sich nicht an Umweltvorschriften halten müssen oder Bauland zu Spottpreisen bekommen, nur weil sie gute Verbindungen in die Politik haben. Die Bulgaren versuchen jetzt das nachzuholen, was Polen und Tschechen schon in den frühen Neunzigerjahren erledigt haben. "Wir sind eine Fassadendemokratie", sagt der Aktivist Dragomir Ivanov, "vordergründig gehören wir zur EU, zum Club der Reichen, aber unter der Oberfläche wirken noch die alten Mechanismen."

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%