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Raus aus dem Rettungsschirm Irlands riskanter Rückzug

Ende dieses Jahres steigt Irland aus dem EU-Rettungspaket aus. Der Immobilienmarkt, auf dem die Krise begann, erholt sich wieder. Doch die Staatsschulden sind immer noch zu hoch.

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Im Ballsaal des traditionsreichen Shelbourne Hotels mit seinen Ölgemälden, goldgerahmten Spiegeln und schweren Vorhängen ist kein Stuhl mehr frei. Mehr als 1000 Schnäppchenjäger – viele von ihnen im Rentenalter, auch einige Ausländer sind darunter – haben sich an diesem Frühlingsmorgen im Fünfsternehotel am St. Stephen’s Green in Dublin eingefunden. Die meisten von ihnen halten einen knallig pinken Häuserkatalog in den Händen. Hinten stehen die Besucher dicht gedrängt und recken die Hälse, vorne führt Auktionator Gary Murphy ein strenges Regiment: „Sobald der Hammer gefallen ist, hat der Bieter einen rechtlich bindenden Vertrag geschlossen.“

Und schon geht’s los: Angeboten wird eine Dreizimmerwohnung in Dublin, den Zuschlag erhält für 127 500 Euro ein Asiate, der die ältere Lady in der dritten Reihe überboten hat. Beim nächsten Mal hat sie Glück – „Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten“ – schon gehört das Einzimmerapartment ihr. Das Tempo bleibt rasant: Am Ende haben 117 der 138 angebotenen Wohn- oder Geschäftsimmobilien für insgesamt 13,7 Millionen Euro den Besitzer gewechselt.

Teuerstes Objekt war mit 640.000 Euro ein elegantes Dubliner Stadthaus aus dem 18. Jahrhundert, das – nach einem heftigen Bieterkampf – an einen jungen Mann mit Lederjacke und langen Haaren ging. „Erst vor wenigen Wochen hatte ein Investor dieses und ein weiteres Haus für insgesamt knapp 900.000 Euro gekauft. Der hat jetzt einen guten Gewinn gemacht“, sagt später Robert Hoban, Associate Director beim Auktionshaus Allsop Space, das inzwischen fünf Mal im Jahr Versteigerungen im Shelbourne Hotel veranstaltet.

Schuldenstand und Haushaltssaldo in Irland

„Seit die irische Immobilienblase 2007 geplatzt ist und das Land in eine tiefe Krise gestürzt hat, sind die Preise für Wohnimmobilien um bis zu 60 Prozent und für Gewerbeobjekte um bis zu 70 Prozent gefallen“, berichtet Hoban. „Doch nun haben sie sich in Dublin, Cork und Galway stabilisiert.“ Der Internationale Währungsfonds (IWF) konstatiert, die Hauspreise hätten seit Juni 2012 wieder um etwa ein Prozent zugelegt. „Die Zahl der Käufe und Verkäufe zieht an, das gilt vor allem für Dublin – allerdings von einem sehr niedrigen Niveau“, so der IWF.

Die niedrigen Preise locken Schnäppchenjäger aus dem In- und Ausland an – darunter auch Fonds aus Deutschland. Viele Iren leben heute zur Miete, deswegen hoffen Investoren auf eine Rendite von bis zu zwölf Prozent. Für ausländische Fonds sind vor allem große Gewerbeimmobilien interessant. Aber auch viele Iren, so sie es sich leisten können, greifen wieder zu.

Erhebliches Überangebot

Marode Staatshaushalte und Krisenbanken
frau auf einem Balkon mit portugiesischer Flagge Quelle: dapd
SpanienNotleidende Kredite: 10,7 Prozent der Gesamtkredite (Stand: September 2012) Sparer ziehen Einlagen ab, marode Immobilien bringen die Banken ins Wanken Quelle: dpa
Bank of Ireland Quelle: dpa
Bank Societé Générale Quelle: REUTERS
Gebäude der Dexia-Bank Quelle: dpa
Eine niederländische Flagge und Gebäude der ING Quelle: dapd
Rettungsring und Banken Quelle: AP

Risikolos ist das nicht. Denn aus den Zeiten der exzessiven Bautätigkeit gibt es immer noch ein erhebliches Überangebot. Tausende Häuser in Geistersiedlungen draußen auf dem Land gelten als unverkäuflich, niemand will dort hinziehen. Dazu kommt die Sorge, die Immobilienpreise könnten landesweit wieder fallen, wenn sich die Banken mehr als bisher zur Zwangsenteignung säumiger Schuldner entschließen sollten, worauf der IWF drängt.

Denn viele Iren sind mit den Raten ihrer Hypotheken im Rückstand. Nach Angaben der irischen Zentralbank wird mittlerweile auf rund zwölf Prozent des gesamten Hypothekenbestandes seit sechs Monaten oder mehr kein Schuldendienst geleistet, die Banken schieben einen Berg an faulen Krediten vor sich her.

Das ist eine schwere Hypothek, denn bis Jahresende soll Irland wieder auf eigenen Füßen stehen. Die Grüne Insel, die 2010 ein Haushaltsdefizit von 30,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aufwies, hat gute Fortschritte beim Schuldenabbau gemacht: Drei Viertel der bis 2015 geplanten Haushaltseinsparungen im Umfang von 33,4 Milliarden Euro wurden umgesetzt. Bei den vierteljährlichen Kontrollen durch die Troika aus EU, IWF und EZB erhielt es bisher stets gute Zensuren. „Das Ausmaß der Defizitreduktion und die Entschlossenheit, mit der das Sparprogramm umgesetzt wurde, sind außergewöhnlich“, lobte IWF-Chefin Christine Lagarde jüngst bei ihrem ersten Irland-Besuch.

Die irische Wirtschaft konnte ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit wieder zurückgewinnen. Außerdem hat das Land erfolgreich die Rückkehr an die Kapitalmärkte getestet – zuletzt mit einer zehnjährigen Anleihe, für die so viel Nachfrage bestand, dass die irische Schuldenagentur das Volumen von drei Milliarden auf fünf Milliarden Euro aufstockte. Die Rendite lag mit 4,15 Prozent unter den Staatsanleihen Spaniens und Italiens. 82 Prozent der Anleihe gingen an institutionelle Investoren im Ausland; ein Viertel davon stammte aus Großbritannien, zwölf Prozent aus Deutschland. Die erfolgreiche Auktion war ein klarer Vertrauensbeweis der Finanzmärkte.

Trotzdem weist Irland mit einem Haushaltsdefizit von 7,1 Prozent des BIPs das dritthöchste Defizit in der Euro-Zone auf, und der Schuldenstand ist mit rund 120 Prozent des BIPs erdrückend hoch. Bis 2015 soll das Haushaltsdefizit unter drei Prozent des BIPs sinken, es bleibt also noch einiges zu tun. Mit der Europäischen Zentralbank (EZB) haben sich die Iren zwar auf günstigere Tilgungsmodalitäten geeinigt, und die EU-Finanzminister haben dem Land die Laufzeiten der Hilfen aus den Rettungsfonds gestreckt. Doch der IWF drängt Irland zu weiteren Einsparungen. Konkret soll die Regierung eine neue Steuer für Hausbesitzer einführen wie auch die Ausgaben im Gesundheitswesen senken. Auch die Installierung von Messgeräten für den Wasserverbrauch von Privathaushalten steht noch aus.

Wachstum für den Abbau des Schuldenbergs

Die Luxus-Lagen in Europa
BerlinAusländische Investoren lieben Berlin. Spätestens seit dem Ausbruch der Euro-Schuldenkrise ist die Hauptstadt zu einem der beliebtesten Investitionsziele in Europa geworden. Die starke Nachfrage sorgte in den vergangenen Jahren für deutliche Preissteigerungen, die in Berlin-Mitte aktuell ein Spitzenniveau von 15.000 Euro je Quadratmeter erreichen. Damit liegt Berlin auf Platz 15 im europäischen Vergleich und ist in diesem Jahr erstmals im Ranking vertreten. Quelle: dpa
HamburgIn Hamburg ist mit 16.000 je Quadratmeter unverändert der Harvestehuder Weg die teuerste Straße und liegt damit auf dem 14. Rang. Quelle: APN
RomIm Zentrum von Rom liegt die Piazza di Spagna, einer der teuersten Plätze in Europa. Mit Preisen von bis zu 20.000 Euro je Quadratmeter schafft es der Platz auf Rang 13. Quelle: dpa
MarbellaAuf einer kleinen Erhebung, nicht weit von Marbella, wurden im vergangenen Jahr Spitzenpreise von rund 20.000 Euro pro Quadratmeter erzielt. Die Urbanización Santa Margarita gehört damit zu den teuersten Adressen in Spanien. Im europäischen Vergleich reicht es „nur“ für Platz 13. Quelle: dpa
MallorcaIn den besten Lagen von Mallorca sind die Preise in den vergangen Jahren deutlich gestiegen. In der Carrer Castanyetes, oberhalb der Bucht von Cala Marmacen in Port d‘Andratx, erzielten Makler Kaufpreise von bis zu 23.500 Euro pro Quadratmeter. Platz zwölf im Ranking der teuersten Straßen Europas. Quelle: dapd
Starnberger SeeErstmals im Ranking vertreten ist der Starnberger See. Die Immobilien mit Blick auf die Alpen waren im vergangen Jahr äußerst beliebt. Die Wertsteigerungen könnten schon bald das Niveau der Nordseeinsel Sylt erreichen. Aktuell werden am Starberger See Top-Quadratmeterpreise von bis zu 25.000 Euro erzielt. Platz elf im europäischen Vergleich. Quelle: dpa
MünchenEbenfalls auf Platz elf liegt mit 25.000 Euro je Quadratmeter die Müllerstraße in München. Quelle: AP

Doch die Voraussetzung für den Abbau des Schuldenbergs ist Wachstum. Die Regierung musste ihre Prognosen wegen der schwachen Weltkonjunktur allerdings nach unten korrigieren: für 2013 auf 1,3 Prozent, für 2014 und 2015 auf 2,4 und 2,8 Prozent.

Im Oktober ist der nächste Etatentwurf fällig, und die Stimmen, die fragen, wie viel Opfer man der Bevölkerung noch zumuten kann, werden lauter. Bisher haben die pragmatischen Iren Ausgabenkürzungen, Stellenabbau und Steueranhebungen stoisch ertragen. Doch „wir sind jetzt an einem Punkt angelangt, wo die Iren beginnen, des Sparens überdrüssig zu werden“, sagte ein Minister der Regierungspartei Fine Gael der Zeitung „Irish Times“.

Selbst die Gewerkschaften im öffentlichen Dienst sind mit ihrer Geduld am Ende: Sie stimmten kürzlich gegen Lohnkürzungen und längere Arbeitszeiten, mit denen künftig jährlich eine Milliarde Euro eingespart werden soll – ein Problem für Ministerpräsident Enda Kenny, der sich verpflichtet hatte, die öffentlichen Gehälter weiter zu kürzen. Dabei gibt es eigentlich immer noch Raum für weitere Reformen. „Der Mindestlohn in Irland ist unter den höchsten in der EU“, sagt ein Experte. Und diejenigen irischen Bauarbeiter, die noch immer einen Job haben, gehörten „zu den bestbezahltesten auf der Welt“.

In Arbeit
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„Der politische Druck wird zunehmen“, sagt Professor John FitzGerald vom renommierten Economic and Social Research Institute (ESRI). Micheál Martin, Chef der Oppositionspartei Fianna Fáil, nutzt die Stimmung mit der Ankündigung aus, seine Partei werde künftige Sparmaßnahmen der Regierung nicht mehr uneingeschränkt unterstützen. Die nächsten Wahlen stehen spätestens im Frühjahr 2016 an, und die Versuchung der Politiker, Wahlgeschenke zu versprechen, nimmt zu. Dies gilt besonders für den Juniorpartner der Koalition, die Labour-Partei. Sie verlor kürzlich eine Nachwahl; die Wähler kreideten ihr dabei unter anderem die hohe Arbeitslosigkeit an, die zwar inzwischen leicht gefallen, aber mit rund 14 Prozent immer noch sehr hoch ist.

Auch Irlands Präsident Michael Higgins warnt, die EU müsse ihr „hegemoniales Wirtschaftsmodell“ aufgeben. Andernfalls drohe die Gefahr sozialer Unruhe.

„EU und IWF – raus“ – hat jemand in weißer Farbe auf eine Dubliner Hauswand gesprüht. Doch manche Iren fürchten, ohne die disziplinierende Wirkung der internationalen Kontrolleure könnte der Spar- und Reformeifer nachlassen. „Wir sind die bösen Buben – aber damit habe ich kein Problem. Denn als Sündenböcke bieten wir den Politikern Deckung für unpopuläre Maßnahmen“, sagt ein Vertreter der EU-Kommission. „Dafür zu sorgen, dass es weitergeht, wenn die Troika weg ist, wird eine Herausforderung“, meint Ian Talbot, Chef der Handelskammer Chambers Ireland. Auch ein Troika-Mitglied hofft, die Iren werden die Lektion aus der Krise nicht so schnell vergessen: „Der Verlust der Souveränität war traumatisch.“

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