Referendum beendet Schottland wählt das "Nein"

Das Referendum ist beendet - Schottland bleibt Teil Großbritanniens. Trotzdem wird das Land mehr Selbstverwaltungsrechte erhalten als bisher. Das Pfund erholt sich kräftig.

Drei Frauen bejubeln den Verbleib Schottlands im Vereinigten Königreich Quelle: dpa Picture-Alliance

Die lange Nacht des Hoffens und Bangens endete um 5.55 Uhr. Als George Black, Wahlleiter von Glasgow, das Abstimmungsergebnis für Schottlands größte Stadt verkündete war klar: In der Metropole selbst und in der schottischen Stadt Dundee hatten die Befürworter einer Abspaltung Schottlands zwar gewonnen. Doch für einen landesweiten Sieg war das Ergebnis zu knapp.

Rund 20 Minuten später - 26 der 32 Wahlbezirke waren ausgezählt - veröffentlichte die BBC das erste vorläufige Ergebnis des Referendums: Mit 54 Prozent der Stimmen lagen die Unabhängigkeitsgegner klar in Führung. Denn nur 45 Prozent hatten sich bis zu diesem Zeitpunkt für die Autonomie ausgesprochen.

Schottland bleibt also Teil von Großbritannien. Die Gefahr eines Auseinanderbrechens der 307-jährigen Union zwischen England, Schottland, Wales und Nordirland war gebannt.

Die schönsten Titelseiten zum Referendum
In Schottland hat das historische Referendum über die Unabhängigkeit des Landes begonnen. Seit 8.00 Uhr können die mehr als vier Millionen Stimmberechtigten für oder gegen eine Loslösung von Großbritannien stimmen. Sollten sich die Separatisten durchsetzen, würde sich die Union mit England und Wales nach 307 Jahren auflösen, titelt „The Independent“, eine der größten britischen Tageszeitungen. Auch die anderen britischen Zeitungen kennen auf ihren Titelseiten heute kein anderes Thema. Quelle: Handelsblatt Online
Die letzten Umfragen vor dem Schottland-Referendum sahen die Gegner der Unabhängigkeit knapp vorn. 53 Prozent der Befragten wollten Nein sagen zur Abspaltung Schottlands vom Vereinigten Königreich und 47 Prozent Ja, ermittelte das Meinungsforschungsinstitut „Survation“ in der vergangenen Woche. Ein Kopf-an-Kopf Rennen zwischen dem Anführer der „Schottischen Nationalpartei“, Alex Salmond, und dem Wortführer der „No-Kampagne“, Alistair Darling. Die beiden blicken entschlossen von der Titelseite des „Daily Record“, einer der größten schottischen Tageszeitungen. Quelle: Handelsblatt Online
Schottland mit seinen 5,3 Millionen Einwohnern ist eines der ältesten Länder der Welt. Im Jahr 843 wurde Kenneth MacAlpin erster König Schottlands. Mehr als 850 Jahre lang war Schottland unabhängig, auch wenn es zwischenzeitlich mit England einige Kriege um diese Unabhängigkeit ausfocht. „Day of destiny“ (Schicksalstag) titelt die drittgrößte Tageszeitung Englands „The Guardian“. Quelle: Handelsblatt Online
Über die Zukunft Schottlands darf heute jeder abstimmen, der das 16. Lebensjahr vollendet hat, Brite, Bürger der Europäischen Union oder des Commonwealth ist, offiziell in Schottland lebt und sich für die Wahl registrieren lassen hat. Schotten im Ausland können keine Stimme abgeben. Klassisch nachrichtlich macht die „Times“ auf. Quelle: Handelsblatt Online
Falls Schottland unabhängig wird, wären viele Fragen noch offen: Wäre Schottland automatisch Mitglied der Europäischen Union? Und welche Währung hätte es? Auch wie es mit der Flagge Großbritanniens weitergehen würde, ist unklar. Denn das Blau in der Fahne symbolisiert die Mitgliedschaft Schottlands im Vereinigten Königreich. Wie eine neue Fahne aussehen könnte, zeigt die Boulevardzeitung „Daily Mirror“. Quelle: Handelsblatt Online
Die Gegner der Unabhängigkeit befürchten, dass der Verlust des britischen Binnenmarktes negative Auswirkungen auf die Wirtschaft hätte. Bis zu 600.000 Arbeitsplätze seien in Gefahr. Auch das britische Pendant zur Bild, die „Sun“ , ist gegen die schottische Unabhängigkeit, wie das heutige Titelblatt zeigt. „Besser zusammen“ schreibt die „Sun“ im typischen Boulevardstil sowohl über Prinz Harrys Beziehung als auch über das schottische Referendum. Quelle: Handelsblatt Online
Die Anhänger der Unabhängigkeitsbewegung sagen hingegen Vorteile für die Wirtschaft voraus, sollte sich Schottland abspalten. Das Land könne mit der Förderung der schottischen Ölreserven Wohlstand schaffen. Auf dem Cover der „Daily Telegraph“ wehen die britische und die schottische Flagge. Quelle: Handelsblatt Online
Das Ergebnis des Referendum wird am Freitagmorgen erwartet. Der ehemalige britische Premierminister Gordan Brown glaubt bereits das Ergebnis des Referendum zu kennen. „Wir werden die Zukunft gemeinsam gestalten“, zitiert ihn die schottische Zeitung „Daily Star“. Quelle: Handelsblatt Online
Prominente Gegner der Unabhängigkeit sind Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling und der Sänger der Rolling Stones Mick Jagger. Auch die schottische Ausgabe der „Daily Mail“ ist für den Verbleib im Vereinigten Königreich: „Lasst uns Schottlands Zukunft in der glorreichen Familie Großbritanniens sicherstellen“ titelt sie. Quelle: Handelsblatt Online
Auf der Seite der prominenter Unterstützer der Separatisten stehen James Bond-Darsteller Sean Connery und der schottische Tennisprofi Andy Murray. „Ein Neuanfang für Schottland“ titelt die schottische Ausgabe der „Sun“. Quelle: Handelsblatt Online

Erleichterung auch in London. Dort dankte der britische Premier David Cameron den Schotten für ihre Unterstützung und gratulierte Alistair Darling, dem Leiter der Nein-Kampagne. Erleichterung auch im restlichen Europa, denn eine Abspaltung Schottlands hätte tiefgreifende Folgen für die EU haben können.

Nicht nur wäre mit Großbritannien ein wichtiges EU-Land geschwächt worden. Vor allem war befürchtet worden, dass auch andere Regionen Europas wie das spanische Katalonien in ihrem Bestreben nach Unabhängigkeit Auftrieb erhalten hätten. Doch die anderen Separatistenbewegungen haben nun einen empfindlichen Dämpfer erhalten.

Wichtig ist auch die Signalwirkung im Hinblick auf das von Cameron für 2017 in Aussicht gestellte EU-Referendum in Großbritannien: Denn damit hat die Wahrscheinlichkeit für ein Ausscheiden der Briten aus der EU abgenommen. Denn die Schotten sind europafreundlicher als die Engländer.

Gleichzeitig haben sich die Chancen eines Wahlsiegs der Labour-Partei bei den nächsten Parlamentswahlen im Mai 2015 erhöht. Denn ohne Schottland hätte Labour kaum Chancen auf eine Mehrheit im Parlament von Westminster. Labour hat sich bisher aber - anders als die Konservativen - nicht auf ein EU-Referendum festgelegt. 

So wichtig ist Schottland für die deutsche Wirtschaft!

Deutlich spürbar war die Erleichterung auch an den Finanzmärkten: Denn damit war auch die Ungewissheit über die Währungsfrage vom Tisch: Das Pfund, das in den vergangenen Tagen kräftig gefallen war, stieg gegenüber dem Euro auf ein Zweijahreshoch. An den Aktienmärkten rechnete man ebenfalls mit steigenden Kursen. Denn an den Märkten war befürchtet worden, dass ein Sieg des "Ja-Lagers" eine lange Phase der wirtschaftlichen und politischen Ungewissheit zur Folge gehabt hätte.

Enttäuschung dagegen im Lager der "Ja-Kampagne" und bei der nationalistischen Partei SNP, die seit Jahren für die Unabhängigkeit gekämpft hatte. SNP-Chef und Ministerpräsident Alex Salmond räumte noch vor der Veröffentlichung des amtlichen Endergbnisses ein, sein Ziel verfehlt zu haben. "Ich nehme das Urteil des Volkes an", sagte er, forderte aber gleichzeitig unter Hinweis auf die 1,6 Millionen Stimmen für die Unabhängigkeit die Einhaltung der Zusagen für mehr Selbstverwaltungsrechte ein, die Cameron während des Wahlkampfes gemacht hatte. Der britische Premier stellte den Schotten am Freitag morgen mehr Befugnisse in Aussicht, ohne das zu präzisieren und versprach, bis Januar werde er diesbezüglich einen Gesetzentwurf vorlegen.

Auch Schottlands stellvertretende Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon versuchte in der Stunde der bittersten Niederlage noch einen Funken Hoffnung zu verbreiten. "Das Ergebnis ist für mich persönlich und politisch eine große Enttäuschung. Aber es hat gezeigt, dass es einen großen Willen für eine Veränderung gibt. Das muss berücksichtigt werden. Unser Land wird nicht so bleiben wie früher".

Die zweijährige Kampagne hatte gezeigt, dass auch die Befürworter der Union den Wunsch der Schotten nach mehr Selbstverwaltung nicht ignorieren können. Von den 4,3 Millionen Bürger Wahlberechtigten hatten sich 97 Prozent der im Vorfeld der Abstimmung registrieren lassen. Allgemein wurde damit gerechnet, dass die Wahlbeteiligung Rekordwerte von über 80 Prozent aufweisen dürfte. Erstmals durften in Schottland auch die 16-Jährigen zur Wahl.

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Alle drei großen britischen Parteien in London hatten den Schotten in den vergangenen Tagen Zugeständnisse in Sachen Autonomie versprochen. Allerdings blieben sie im Hinblick auf die Details vage. Robert Wood, Großbritannien-Volkswirt der Berenberg-Bank ist dennoch überzeugt: Der alte Status Quo wird nicht zu halten sein.

"Die Nationalisten in Schottland werden nun ein starkes Mandat für künftige Verhandlungen mit dem restlichen Großbritannien reklamieren" sagt er und meint, Cameron werde für seine Versprechen möglicherweise einen hohen Preis bezahlen müssen. Andere Experten erwarten nämlich, dass nun auch die übrigen Regionen Großbritanniens, allen voran England, auf mehr Rechte pochen werden.

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