Referendum über Reformen Griechen feiern ihr Nein zum Sparkurs

Eine Mehrheit der Griechen stimmt gegen Reformen und Sparauflagen – in der Hoffnung auf einen besseren „Deal“ mit Brüssel, wie ihnen ihr Regierungschef verspricht. Das dürfte sich als Illusion erweisen.

"Die Griechen brauchen jetzt Hilfe"
Sigmar Gabriel Quelle: dpa
Angela MerkelBundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht nach der klaren Absage der Griechen an ein Reform- und Sparprogramm vorerst keine Basis für Verhandlungen über ein neues Rettungspaket für Athen. „Angesichts der gestrigen Entscheidung der griechischen Bürger gibt es zurzeit nicht die Voraussetzungen, um in Verhandlungen über ein neues Hilfsprogramm einzutreten“, erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Das Ergebnis der Volksabstimmung sei eine Absage an den Grundsatz für europäische Hilfen, nach der Solidarität und Eigenanstrengungen untrennbar verbunden seien. Die Bundesregierung bekenne sich weiter zu diesem Grundsatz. Man bleibe aber natürlich gesprächsbereit: „Die Tür für Gespräche bleibt immer offen.“ Quelle: REUTERS
Estlands Regierungschef Taavi Rõivas Quelle: dpa
Europäer wollen Steuerschlupflöcher für Unternehmen schließen Quelle: AP
Der Präsident des Ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner SinnHans-Werner Sinn empfiehlt Griechenland zur Rückkehr zu einer eigenen Währung: "Die Drachme sollte sofort als virtuelle Währung eingeführt werden", erklärte er. Euro-Banknoten sollten bis auf Weiteres für Barzahlungen genutzt werden. Sinn erwartet von dieser Maßnahme einen baldigen "kräftigen Wirtschaftsaufschwung" für Griechenland, da die neue Drachme rasch abwerten würde. In der Zwischenzeit sollte Griechenland "großzügige" humanitäre Hilfen erhalten, forderte er am Montag. Zudem solle Athen die Möglichkeit erhalten, nach einer Gesundung gestärkt in den Euro zurückzukehren. Quelle: dpa
Nicolás MaduroVenezuelas Präsident hat das Ergebnis des griechischen Referendums begrüßt. „Das Volk Griechenlands hat gesprochen und die europäischen Behörden müssen das griechische Volk respektieren. Es ist ein großer Sieg über den Finanz-Terrorismus des IWF. Genug der kapitalistischen Ausbeutung.“ Griechenland habe mit dem von Ministerpräsident Alexis Tsipras einberufenen Referendum einen „historischen Schritt gemacht“. Aus Sicht Venezuelas habe sich der Kampf gelohnt, sagte Maduro am Sonntag bei einer Militärparade zum venezolanischen Unabhängigkeitstag. „Glückwünsche an das griechische Volk, das dem IWF und den Blutsaugern der Weltbank „Nein“ gesagt hat.“ Quelle: dpa
Katrin Göring-EckardtGöring-Eckardt will nach dem griechischen Referendum neue Verhandlungen und eine Stabilisierung Griechenlands. Zum Ausgang des Referendums sagte sie am Montag im ZDF-„Morgenmagazin“: „Es ist nicht als Nein für Europa gemeint und nicht als Nein für den Euro. Das ist ein Auftrag für beide Seiten, jetzt wieder an den Verhandlungstisch zurückzukehren“. Zunächst müsse jetzt der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras einen Vorschlag machen, dann müsse es darum gehen, das Land zu stabilisieren. Sie könne sich beispielsweise eine Umschuldung vorstellen, „damit erst einmal ein paar Jahre Ruhe ist in Griechenland“. Ein Schuldenschnitt sei vonseiten der Gläubiger ohnehin nicht durchzusetzen. Quelle: dpa

Irgendwann werden sie diesen Abend mal „historisch“ nennen – und genau so fühlt er sich auch an: Wie von Sinnen feiern die Griechen am Sonntagabend ihr „Nein“, mit dem sie tagsüber per Referendum den Spar- und Reformkurs klar abgelehnt haben. Manche tanzen Sirtaki auf dem Syntagma-Platz gegenüber des Hellenischen Parlaments, andere pusten in Trillerpfeifen, und immer wieder stimmen sie denselben Choral des Triumphs an: „Oxi, oxi, oxi“, gesprochen mit „ch“, das griechische Wort für „Nein“.

Selten hat sich ein Volk so sehr über ein Nein gefreut. Mehr als 60 Prozent haben gegen die Sparvorschläge der Gläubiger gestimmt, weitaus mehr als Meinungsforscher erwartet hatten. Es war ein rauschendes Volksfest im Gange mitten in Athen, wurde laut und lauter. Hunderte schwenken Landesfahnen, deren Verkäufer haben das Votum wohl kommen sehen und machen am Sonntag vielleicht das Geschäft ihres Lebens. Das Sternenbanner der EU, das tausende Kritiker der linksradikalen „Syriza“-Regierung auf einer Demo gegen das hastige Referendum vor sich her getragen hatten, sieht man nirgends.

Stimmen rund ums Referendum

Tatsächlich geht es hier um mehr als einen simplen Volksentscheid: Die Griechen feiern sich selbst, nachdem sie in den Trümmern der Finanzkrise das Selbstbewusstsein der stolzen Nation wiederentdeckt haben. Fünf Jahre, so sehen das die meisten hier, hat ihnen Brüssel auf Geheiß des deutschen Finanzministers einen harten Sparkurs aufgezwungen – ohne dass sich die Lage verbessert hat: Die Arbeitslosigkeit bleibt bei rund 25 Prozent schmerzlich hoch, derweil das Land ein Viertel seiner Wirtschaftskraft verloren hat.

Jetzt ist für sie Schluss mit dem Diktat! Ein Land will wieder selbst über seine Reformen bestimmen. Was das Land und seine elf Millionen Einwohner womöglich raus aus dem Euro und hinein in inflationärere Zeiten katapultieren wird.

Niemand denkt am Sonntag an solche Folgen. „Ab sofort wird sofort wird es uns Griechen wieder besser gehen“, sagt Marina, die vor dem Parlament eine Fahne schwenkt und sonst bei einem Handelsunternehmen im Verkauf arbeitet. Es werde vielleicht eine Bankenkrise geben wie auf Zypern, aber die Regierung werde das schon in den Griff kriegen.

An Griechenland hängt mehr als nur der Euro

Wird aus den Geldautomaten am Montag überhaupt noch Geld kommen? Fliegt das Land nun endgültig aus der Euro-Zone? Kommt der Staatsbankrott und was bedeutet er für die einfachen Menschen? Experten, auch in Athen, fürchten das Chaos für diese Woche. Ohne die Hilfen aus Brüssel wird sich das Land der Pleite wohl kaum entziehen können.

Bis auf Weiteres vertrauen die Griechen aber ihrem Regierungschef Alexis Tsipras. Der verspricht am Sonntagabend im Versehen, das „Nein“ sei kein Mandat für einen Bruch mit Europa. „Das ist ein Auftrag für faire Verhandlungen. Es gibt keine einfachen Lösungen, aber gerechte.“

Die sollten nun rasch wieder aufgenommen werden. Genau so hatte er das „Nein“ zum Volksentscheid zehn Tage beworben. Es werde seiner Regierung eine bessere Verhandlungsposition gegenüber den Gläubigern verschaffen, die Rosskur werde also moderater ausfallen können. Ob er damit Recht behält, ist aber mehr als fraglich.

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