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Referendum über Schottlands Unabhängigkeit "Typische Methoden des Nationalismus"

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„Eine sich über Jahre hinziehende Verhandlungsmisere“

Inwiefern?

Als ich in den letzten Tagen von Haus zu Haus ging, um letzte Stimmen zu sammeln, sagten mir einige Wähler, dass sie feste Abwanderungspläne hätten. Der Ehemann einer englischen Frau wollte unabhängig vom Wahlausgang auswandern. Er ertrage es nicht mehr, wie hier über Engländer gesprochen wird. Es bleibt zu hoffen, dass sowas nur vereinzelt vorkommt, ansonsten könnte es das Land in Schwierigkeiten bringen. Denn die Möglichkeit wegzuziehen haben vor allem diejenigen, die tüchtig und vermögend sind – die Spitzenkräfte. Insofern könnte es durchaus passieren, dass Spitzenkräfte von Unternehmen in angrenzenden Ländern angeheuert werden – in Großbritannien, Irland oder eben Deutschland. Sie könnten davon profitieren, dass Konkurrenzunternehmen in Schottland einen Strukturnachteil haben. 

Wagen Sie eine Vermutung, wie das Referendum ausgehen wird?

Wir haben zwei gleich große politische Lager, die in einer existenziell wichtigen Frage entgegengesetzte Standpunkte einnehmen. Eine der beiden Gruppen wird eine knappe Mehrheit erlangen – die andere Seite sicherlich nichts weniger als 40 Prozent.

Europa



Also dürfte in jedem Fall in etwa die Hälfte der Bevölkerung enttäuscht sein.

Im Falle eines Ja-Votums ist das Ergebnis irreversibel. Es geht darum, ein Land für immer anders zu gestalten. Eine Niederlage würde für beide Seiten schmerzhaft sein. Entweder werden die Nationalisten das Gefühl haben, ihre langersehnte Zukunftsvision wurde ihnen gestohlen. Oder die Unionisten werden glauben, ihnen wurde das existenzsichernde System des Vereinigten Königreichs entzogen. Die Unionisten fürchten, die Leute würden verarmen, die Steuern könnten hochschnellen, die Renten wären nichts mehr wert und sie würden künftig in einer nicht vertrauenswürdigen Währung bezahlt. Es gäbe sicherlich eine sich über Jahre hinziehende Verhandlungsmisere.

Keine guten Aussichten für eine gütliche Einigung nach dem Referendum.

Es ist gut möglich, dass es zu Spannungen kommt. Man kann nur hoffen, dass die versprochenen Veränderungen relativ zügig und mit großem Erfolg umgesetzt werden. Also die weitere Föderalisierung Schottlands im Falle eines Neins oder die schnelle, erfolgreiche Abspaltung. Ansonsten wären die Hoffnungen aller Gruppen bitter enttäuscht. Die Schärfe der aktuellen Auseinandersetzung und die Verbitterung auf beiden Seiten lassen die Hoffnung auf eine schnelle und gütliche Einigung jedoch eher gering erscheinen.

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