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Referendum über Schottlands Unabhängigkeit "Typische Methoden des Nationalismus"

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„Texte der UKIP lassen sich in die der SNP ummünzen“

Mit diesen Mitteln erreicht man scheinbar bis heute viele Bürger. Wie erklären Sie sich das?

Man erreicht sie dadurch emotional. In Schottland werden immer wieder Bezüge auf große historische Schlachten gegen den klassischen Gegner hergestellt – gegen England. Es wird auf historisches Leid rekurriert und auf die spezifischen Werte, die der Nation angeblich schon seit Urzeiten innewohnten. All das sind ganz typische Methoden des Nationalismus. Man stelle sich vor, ein deutscher Politiker würde die Schlacht im Teutoburger Wald oder die Schlacht auf dem Lechfeld als etwas bezeichnen, dass Deutschland heute noch beflügele – die Öffentlichkeit wäre unangenehm berührt; aber genau dies hat Ministerpräsident Salmond in diesem Sommer mit Bezug auf die siegreiche Schlacht von Bannockburn getan.

Haben diese nationalistischen Tendenzen in den vergangenen Wochen zugenommen?

Das Ganze ist politisch pragmatischer angepackt worden. Die SNP hat viele ihrer fundamentalistischen Überlegungen abgemildert, weil sie zu hoffen begann, tatsächlich eine Mehrheit für die Unabhängigkeit gewinnen zu können. Das ist etwa vergleichbar mit den Fundis und Realos bei den Grünen in der Frühzeit dieser Partei.

Bei Schottlands „No“ zur Unabhängigkeit – so geht es weiter

Die SNP hat sich also modernisiert. Von welchen Gedanken sagte sie sich los?

Es gab viele Aspekte in der SNP, derentwegen sie vormals nicht mehrheitsfähig war: Ein starker republikanischer Flügel, der die Monarchie abschaffen wollte und Mitglieder, die nicht nur die Verlagerung der britischen Atom-U-Boote, sondern auch den sofortigen Nato-Austritt forderten. Lange wollte die SNP auch das Pfund loswerden. Selbst Alex Salmond hat die britische Währung vor einiger Zeit noch als Mühlstein um den Hals Schottlands bezeichnet. All diese Positionen, die auf weite Kreise abschreckend wirkten, wurden relativ flink über Bord geworfen, um das zentrale Anliegen der SNP – die Unabhängigkeit – wählbarer zu machen.

In den vergangenen Monaten konnten die Nationalisten gegenüber den Unionisten stark aufholen.

Viele dieser zusätzlichen Unabhängigkeitsbefürworter sehen sich als Internationalisten, die eine bessere Zukunft wollen. Das könnten sie aber nur im Kleinen erreichen, weil die Strukturen im Vereinigten Königreich mit dem Einfluss der Großfinanz, der Industrie, der Konservativen zu machtvoll seien.

Das erinnert an die Argumentation der rechtspopulistischen United Kingdom Independence Party (UKIP), die sich gegen eine Gängelung durch Brüssel und für den Austritt aus der Europäischen Union ausspricht.

Die Texte der UKIP lassen sich ganz leicht in die der SNP ummünzen. Man muss nur immer Brüssel durch London und Europäische Union durch „Vereinigtes Königreich“ ersetzen. Das Grundmuster der Argumentationen beider Parteien ist gleich: Wir haben eigene nationale Rechte, Ansprüche und Werte und werden durch eine transnationale, ausländische Bevormundung eingeengt und benachteiligt.

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