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Referendum über Schottlands Unabhängigkeit "Typische Methoden des Nationalismus"

Ein unabhängiges Schottland hätte viele negative Folgen. Im Interview erzählt der deutsche Historiker Frank Lorenz Müller vom schottischen Nationalismus und erklärt, was im Falle eines „Ja“-Votums passieren könnte.

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Die schönsten Titelseiten zum Referendum
In Schottland hat das historische Referendum über die Unabhängigkeit des Landes begonnen. Seit 8.00 Uhr können die mehr als vier Millionen Stimmberechtigten für oder gegen eine Loslösung von Großbritannien stimmen. Sollten sich die Separatisten durchsetzen, würde sich die Union mit England und Wales nach 307 Jahren auflösen, titelt „The Independent“, eine der größten britischen Tageszeitungen. Auch die anderen britischen Zeitungen kennen auf ihren Titelseiten heute kein anderes Thema. Quelle: Handelsblatt Online
Die letzten Umfragen vor dem Schottland-Referendum sahen die Gegner der Unabhängigkeit knapp vorn. 53 Prozent der Befragten wollten Nein sagen zur Abspaltung Schottlands vom Vereinigten Königreich und 47 Prozent Ja, ermittelte das Meinungsforschungsinstitut „Survation“ in der vergangenen Woche. Ein Kopf-an-Kopf Rennen zwischen dem Anführer der „Schottischen Nationalpartei“, Alex Salmond, und dem Wortführer der „No-Kampagne“, Alistair Darling. Die beiden blicken entschlossen von der Titelseite des „Daily Record“, einer der größten schottischen Tageszeitungen. Quelle: Handelsblatt Online
Schottland mit seinen 5,3 Millionen Einwohnern ist eines der ältesten Länder der Welt. Im Jahr 843 wurde Kenneth MacAlpin erster König Schottlands. Mehr als 850 Jahre lang war Schottland unabhängig, auch wenn es zwischenzeitlich mit England einige Kriege um diese Unabhängigkeit ausfocht. „Day of destiny“ (Schicksalstag) titelt die drittgrößte Tageszeitung Englands „The Guardian“. Quelle: Handelsblatt Online
Über die Zukunft Schottlands darf heute jeder abstimmen, der das 16. Lebensjahr vollendet hat, Brite, Bürger der Europäischen Union oder des Commonwealth ist, offiziell in Schottland lebt und sich für die Wahl registrieren lassen hat. Schotten im Ausland können keine Stimme abgeben. Klassisch nachrichtlich macht die „Times“ auf. Quelle: Handelsblatt Online
Falls Schottland unabhängig wird, wären viele Fragen noch offen: Wäre Schottland automatisch Mitglied der Europäischen Union? Und welche Währung hätte es? Auch wie es mit der Flagge Großbritanniens weitergehen würde, ist unklar. Denn das Blau in der Fahne symbolisiert die Mitgliedschaft Schottlands im Vereinigten Königreich. Wie eine neue Fahne aussehen könnte, zeigt die Boulevardzeitung „Daily Mirror“. Quelle: Handelsblatt Online
Die Gegner der Unabhängigkeit befürchten, dass der Verlust des britischen Binnenmarktes negative Auswirkungen auf die Wirtschaft hätte. Bis zu 600.000 Arbeitsplätze seien in Gefahr. Auch das britische Pendant zur Bild, die „Sun“ , ist gegen die schottische Unabhängigkeit, wie das heutige Titelblatt zeigt. „Besser zusammen“ schreibt die „Sun“ im typischen Boulevardstil sowohl über Prinz Harrys Beziehung als auch über das schottische Referendum. Quelle: Handelsblatt Online
Die Anhänger der Unabhängigkeitsbewegung sagen hingegen Vorteile für die Wirtschaft voraus, sollte sich Schottland abspalten. Das Land könne mit der Förderung der schottischen Ölreserven Wohlstand schaffen. Auf dem Cover der „Daily Telegraph“ wehen die britische und die schottische Flagge. Quelle: Handelsblatt Online

Herr Müller, Sie sind Historiker an der schottischen Universität von St. Andrews und werben für ein „Nein“ am Donnerstag. Warum?

Frank Lorenz Müller: Ich war bisher niemals in einer Partei oder in einem Wahlkampf aktiv. Dass ich mich engagiere, hängt damit zusammen, dass ich in der Unabhängigkeits-Frage ganz zentrale Aspekte des Lebens meiner Familie und meiner eigenen Zukunft berührt sehe und versuche, Schaden von uns abzuwenden. Das motiviert mich – keine parteipolitische oder strategische Absicht.

Zur Person

Als Wahlkämpfer dürften Sie auch mit den Separatisten in Kontakt kommen. Wie nehmen Sie die andere Seite wahr?

In den Diskussionen auf der Straße oder im Internet sind die Reaktionen mitunter leidenschaftlich und engagiert. Manche Befürworter der Unabhängigkeit sind regelrecht ideologisiert. Ihre Strategie ist es, den Gegnern der Unabhängigkeit die Legitimität zu entziehen: Diese seien keine wahren Schotten, sondern Verräter, Imperialisten, die letztendlich nicht zum Wohle der schottischen Nation agierten. Wer mit „Nein“ stimmt, sei kein legitimer Teil des schottischen Nationalkörpers. Hier sind für mich nationalistische Impulse zu erkennen. Das ist natürlich nicht der einzige Impuls, der die Unterstützer auf die Straße und an die Wahlurnen treibt – aber ein zentraler.

Das schottische Referendum

Woran machen Sie diese nationalistischen Tendenzen fest?

Beispielsweise an der Diskussion um die Ausrichtung der schottischen Universitäten. Die Befürworter der Unabhängigkeit fordern eine schottische Marke. Der Erziehungsminister hat davon gesprochen, dass schottische Forscher Teil der nationalen Psyche sein und mit ihrer Forschung im Einklang mit der schottischen Regierung stehen sollten. Ein prominenter Befürworter der schottischen Unabhängigkeit hat bedauert, dass so viele führende Positionen mit Nicht-Schotten besetzt worden seien. Das sind Anklänge an einen exklusiven Nationalismus, an ein neues Verständnis der schottischen Nation.

Das klingt ja beinahe nach Gleichschaltung.

Ich will Vokabeln vermeiden, die dem Nationalsozialismus entstammen. Der schottische Nationalismus ist nicht mit dem Nationalsozialismus zu vergleichen. Wenn man das behauptete, würde man den Nationalsozialismus verkennen und die Befürworter der schottischen Unabhängigkeit verleumden. Trotzdem: Die Parallelen des schottischen Nationalismus und des Nationalismus im 19. Jahrhundert sind nicht zu übersehen.

Bei Schottlands „Yes“ zur Unabhängigkeit – so geht es weiter

Erklären Sie doch bitte, worin diese Parallelen bestehen.

Die Rhetorik der Separatisten ist typisch nationalistisch. Das sind die Narrative und Darstellungsmethoden, die aus den Nationalismen des 19. und 20. Jahrhundert bekannt sind. Alex Salmond, der schottische Ministerpräsident, sagte beispielsweise zum Jubiläum der Schlacht von Bannockburn in diesem Sommer, sie sei der Ursprung des schottischen Nationalgefühls. Eine Schlacht vor 700 Jahren, wo zwei anglonormannisch sprechende Feudalkönige irgendwelche Streitigkeiten austrugen und die schottische Seite gegen die englische Übermacht gewann. In einer Zeit, in der es keine Druckerpresse, keine Öffentlichkeit, keine demokratischen Rechte gab. Davon irgendwelche Befindlichkeiten für die Gegenwart abzuleiten, ist doch absurd.

„Texte der UKIP lassen sich in die der SNP ummünzen“

Mit diesen Mitteln erreicht man scheinbar bis heute viele Bürger. Wie erklären Sie sich das?

Man erreicht sie dadurch emotional. In Schottland werden immer wieder Bezüge auf große historische Schlachten gegen den klassischen Gegner hergestellt – gegen England. Es wird auf historisches Leid rekurriert und auf die spezifischen Werte, die der Nation angeblich schon seit Urzeiten innewohnten. All das sind ganz typische Methoden des Nationalismus. Man stelle sich vor, ein deutscher Politiker würde die Schlacht im Teutoburger Wald oder die Schlacht auf dem Lechfeld als etwas bezeichnen, dass Deutschland heute noch beflügele – die Öffentlichkeit wäre unangenehm berührt; aber genau dies hat Ministerpräsident Salmond in diesem Sommer mit Bezug auf die siegreiche Schlacht von Bannockburn getan.

Haben diese nationalistischen Tendenzen in den vergangenen Wochen zugenommen?

Das Ganze ist politisch pragmatischer angepackt worden. Die SNP hat viele ihrer fundamentalistischen Überlegungen abgemildert, weil sie zu hoffen begann, tatsächlich eine Mehrheit für die Unabhängigkeit gewinnen zu können. Das ist etwa vergleichbar mit den Fundis und Realos bei den Grünen in der Frühzeit dieser Partei.

Bei Schottlands „No“ zur Unabhängigkeit – so geht es weiter

Die SNP hat sich also modernisiert. Von welchen Gedanken sagte sie sich los?

Es gab viele Aspekte in der SNP, derentwegen sie vormals nicht mehrheitsfähig war: Ein starker republikanischer Flügel, der die Monarchie abschaffen wollte und Mitglieder, die nicht nur die Verlagerung der britischen Atom-U-Boote, sondern auch den sofortigen Nato-Austritt forderten. Lange wollte die SNP auch das Pfund loswerden. Selbst Alex Salmond hat die britische Währung vor einiger Zeit noch als Mühlstein um den Hals Schottlands bezeichnet. All diese Positionen, die auf weite Kreise abschreckend wirkten, wurden relativ flink über Bord geworfen, um das zentrale Anliegen der SNP – die Unabhängigkeit – wählbarer zu machen.

In den vergangenen Monaten konnten die Nationalisten gegenüber den Unionisten stark aufholen.

Viele dieser zusätzlichen Unabhängigkeitsbefürworter sehen sich als Internationalisten, die eine bessere Zukunft wollen. Das könnten sie aber nur im Kleinen erreichen, weil die Strukturen im Vereinigten Königreich mit dem Einfluss der Großfinanz, der Industrie, der Konservativen zu machtvoll seien.

Das erinnert an die Argumentation der rechtspopulistischen United Kingdom Independence Party (UKIP), die sich gegen eine Gängelung durch Brüssel und für den Austritt aus der Europäischen Union ausspricht.

Die Texte der UKIP lassen sich ganz leicht in die der SNP ummünzen. Man muss nur immer Brüssel durch London und Europäische Union durch „Vereinigtes Königreich“ ersetzen. Das Grundmuster der Argumentationen beider Parteien ist gleich: Wir haben eigene nationale Rechte, Ansprüche und Werte und werden durch eine transnationale, ausländische Bevormundung eingeengt und benachteiligt.

„Die Europa-Begeisterung als strategische Waffe gegen London“

Wieso stehen sich beide Parteien trotz der gleichen Argumentationslinie diametral gegenüber? Die UKIP positioniert sich ganz klar anti-europäisch und die SNP eindeutig pro-europäisch.

Ich sehe die Europa-Begeisterung der SNP als strategische Waffe gegen London. Die SNP verkauft glaubhaft, dass sie in den antieuropäischen Tendenzen im Königreich – verkörpert durch UKIP und die Tories – eine Bedrohung sieht. Schottland könnte gegen seine eigenen Interessen aus der Europäischen Union herausgerissen werden. Das mache einen Verbleib im Königreich unmöglich. Als Mitglied der Europäischen Union würden zudem die Gefahren verringert, die mit der Unabhängigkeit einhergingen. Die offizielle Linie der SNP ist also stark pro-europäisch, obwohl das meines Erachtens der Argumentation widerspricht, dass Schottland nicht mehr in transnationalen Verbänden gegängelt werden will.

Was lässt Sie an der Europafreundlichkeit der SNP zweifeln?

Am ehesten zeigt sich die Skepsis dadurch, dass die SNP zwar vehement den Verbleib in der Europäischen Union fordert, dabei aber ebenso alle Sonderrechte, die sich Großbritannien im Laufe seiner langen Mitgliedschaft erkämpft und ertrotzt hat, beibehalten will. Die Schotten wollen nicht, wie alle Neuankömmlinge, den Acquis Communautaire unterzeichnen. Sie verweigern sich dem Euro als Währung und möchten das Schengen-Abkommen nicht übernehmen. Die EU-Begeisterung geht bis zu einem gewissen Punkt – aber nicht weiter. Das ist zwiespältig – auf der einen Seite gibt man sich als pro-europäisch, auf der anderen Seite will man nur die begrenzte Teilhabe, die Großbritannien sich vor allem unter Margaret Thatcher erkämpft hat.

So wichtig ist Schottland für die deutsche Wirtschaft!

Nun ist die schottische Separatismus-Bewegung kein Einzelfall. Das prominenteste Beispiel neben Schottland ist derzeit Katalonien. Auch die Katalanen hoffen auf die EU-Mitgliedschaft – sollten sie die Unabhängigkeit erlangen. Befördert die Europäische Union unbeabsichtigt solche Bestrebungen?

Da spielt die Europäische Union schon eine gewisse Rolle. Sie vermittelt ungewollt die Hoffnung, dass der Austritt aus einer größeren staatlichen Einheit – aus Spanien, aus Großbritannien, aus Belgien – nicht den Eintritt in eine ungeordnete Welt zwischenstaatlicher Konflikte und Machtkämpfe bedeutet, sondern die Einbindung in das vergleichsweise gesicherte und strukturierte Netzwerk der Europäischen Union. Allerdings muss man beachten, dass die politische Motivation der Schotten sich nicht so sehr aus den Möglichkeiten der Europäischen Union ergibt, sondern vielmehr mit den angeblichen Ungerechtigkeiten und den Nachteilen innerhalb der Architektur des Vereinigten Königreichs. Großbritannien ist kein gewachsener Föderalstaat – wie es die Bundesrepublik ist. Der „Föderalismus“ in Großbritannien ist mehr zufällig entstanden, nicht systematisch gestaltet worden.  Die Autonomierechte für Wales, zum Beispiel, sind geringer als die in Schottland. Und Nord-Irland ist wiederum ein Sonderfall. Der Großteil des Landes – England – hat überhaupt keine eigene Regierung, sondern wird von der britischen Gesamt-Regierung quasi „mitregiert“.

Was würde eine Abspaltung der Schotten für Großbritannien bedeuten?

Für Großbritannien dürfte eine Abspaltung nicht einfach werden. Vor allem die Loslösungsverhandlungen mit Schottland könnten zu langen Auseinandersetzungen führen. Eine ruhige, Zugeständnis-gewährende EU-Politik dürfte von einem angeschossenen Land nicht erwartet werden. Welche Auswirkungen ein „Ja“-Votum aber letzten Endes auf die Stabilität und die Handlungsfähigkeit des Königreichs hat, ist reine Spekulation. Fakt ist: Der britische Finanzminister und Chef der Notenbank haben ein G20-Treffen abgesagt, um im Krisenfall für die Stabilität des Königreichs vor Ort in London persönlich einstehen zu können.

Wie Staaten kommen und gehen
RuthenienDer 15 März 1939 war ein denkwürdiger Tag für Uschhorod, einer Kleinstadt in den Karpaten. Binnen eines einzigen Tags war die Kleinstadt Teil dreier unterschiedlicher Staaten. Zunächst lag Uschhorod auf dem Staatsgebiet der Tschechoslowakei – bis nach einem überhasteten Putsch der Staat Ruthenien ausgerufen wurde – inklusive Flagge, Hymne und einem eigenen Präsidenten. Damit war Uschhorod Hauptstadt des neu gegründeten Staates. Allerdings währte diese Ehre nicht lange. Noch am Tag der Unabhängigkeitserklärung marschierten Truppen aus dem Nachbarland Ungarn ein – womit Uschhorod Teil des Königreich Ungarns wurde. Die meiste Zeit des Zweiten Weltkriegs überstand Uschhorod weitestgehend ungefährdet als Teil Ungarns. 1944 marschierten doch noch die Deutschen ein – und hielten die Stadt 1 Jahr. Danach war Uschhorod beinahe ein halbes Jahrhundert Teil der Sowjet Union. Seit 1991 gehört es zur unabhängigen Ukraine – wie lange dem noch so ist, bleibt offen. Die sogenannte „Ein-Tages-Republik“ Ruthenien veranschaulicht exemplarisch, wie schnell und überraschend Staaten entstehen und wieder zerfallen können – ein Überblick. Foto: Julian Nitzsche Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Quelle: Creative Commons
PalauDer Inselstaat im pazifischen Ozean war ab dem späten 19. Jahrhundert eine Kolonie Spaniens. Ab 1899 wurde Palau Teil des deutschen Reichs. 15 Jahre später, 1914, besetzten die Japaner den Inselstaat. Während des Zweiten Weltkriegs eroberten schließlich die USA Palau. 1979 entschied sich die Bevölkerung für die Unabhängigkeit. Nach einer 25-jährigen Übergangsperiode, wurde der Inselstaat 1994 offiziell unabhängig und in die Vereinten Nationen aufgenommen. Die USA investierten 480 Millionen Dollar in die Wirtschaft des Palaus – als Gegenleistung blieben die Amerikaner weiter für die Außenpolitik der Republik zuständig. Der 20.000-Einwohner-Staat erkennt die Volksrepublik China bis heute offiziell nicht an. Foto: Manuae Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Quelle: Wikimedia Commons
SüdsudanDer jüngste selbstständige Staat der Welt ist derzeit der Südsudan. Im Juli 2011 erklärte sich die Republik als unabhängig vom Sudan – zuvor war der Südsudan eine autonome Region. Nachdem die Trennung vollzogen war, kam es immer wieder zu Unruhen innerhalb des neugegründeten Staats. Anhänger des südsudanischen Präsidenten Salva Kiir Mayadrit lieferten sich immer wieder Kämpfe mit Anhängern des von Mayadrit entlassenen Vizepräsidenten Riek Machar. Im Verlauf der Kämpfe suchten 63.000 Menschen Schutz in Lagern der UN – wie diese Kinder. Zudem entsandte die UN Blauhelme und über 1000 UN-Polizisten, um die Lage zu befrieden. Auch die Afrikanische Union schaltete sich ein. Auf ihren Druck kam Ende August dieses Jahres ein Friedensabkommen zwischen den Konfliktparteien zustande. Quelle: dpa
EritreaSeit dem fünften Jahrhundert vor Christi herrschten immer wieder verschiedene Mächte über das kleine Land am roten Meer. Eritrea war für mehr als 300 Jahre Teil des Osmanischen Imperiums. Ab 1890 wurde es zu einer italienischen Kolonie und während des Zweiten Weltkriegs Teil des britischen Königreichs. Nach einer kurzen Phase der Unabhängigkeit annektierte der äthiopische Kaiser Eritrea 1961 – das Volk setzte sich aber zur Wehr und griff zu den Waffen. Es bedurfte eines dreißig jährigen Unabhängigkeitskrieg bis Äthiopien Eritrea 1991 die Unabhängigkeit erlaubte. Mit einer Volksabstimmung im Jahr 1993 war Eritrea endgültig unabhängig. Bis heute kommt es immer wieder zu Grenzkonflikten zwischen Eritrea und Äthiopien. Foto: Optimist on the run, lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Quelle: Creative Commons
SowjetunionEine sowjetische Militärparade mit Interkontinentalraketen auf dem Roten Platz in Moskau im Jahr 1990. Mit einer Fläche von über 22 Millionen km² und über 290 Millionen Einwohner (1991) war die Sowjetunion eines der größten Weltreiche aller Zeiten. 1922 wurde sie durch die Bolschewiki gegründet. Erst 68 Jahre später, 1990, erklärte sich Litauen im Zuge der Perestrojka zum souveränen Staat. Damit war es das erste Land, das sich von der Sowjetunion trennte. Seit dem 1. Mai 2004 ist Litauen Mitglied der Europäischen Union. 1991 zog Estland nach – im selben Jahr zerbrach die Sowjetunion dann endgültig. Es blieben 15 eigenständige Länder. Doch Russland scheint derzeit an Sowjet-Zeiten anknüpfen zu wollen. Wie unsicher die Grenzen in der Region sind, sieht derzeit die ganze Welt anhand der Ukraine. Der Zerfall des Kommunismus schuf insgesamt mehr als zwei Dutzend Staaten neu. Foto: DoD photo, lizenziert unter Public domain Quelle: Wikimedia Commons
Deutsch-Demokratische-RepublikDie DDR wurde 1949 gegründet. Mit dem Mauerbau 1961 bestärkte der kommunistische Teil Deutschlands die Trennung von der Bundesrepublik. Noch im Sommer 1989 glaubte niemand an ein Ende der DDR. Dass es dann doch ganz schnell ging, zeigt abermals, was für fragile Gebilde Staaten sind. Mit dem Rücktritt Erich Honeckers, dem Staatsvorsitzenden der DDR, am 18. Oktober 1989 rückte der Zerfall der DDR näher. Die SED-Führung hoffte, den Zusammenbruch zu verhindern, indem sie den Dialog mit der Bevölkerung suchte. Der Machtverfall der Staatspartei war aber nicht mehr abzuwenden. Mit der Ankündigung, die Bürger hätten bald die Möglichkeit, in den westlichen Teil Deutschlands zu reisen, war das Ende besiegelt: Am 9. November stürmten die DDR-Bürger die Mauer und schlugen erste Löcher. Nach 28 Jahren fiel die Mauer und mit ihr schließlich die DDR. Am 3. Oktober 1990 war Deutschland geeint. Quelle: dpa/dpaweb
Tschechoslowakei„Das eigentlich charakteristische dieser Welt ist ihre Vergänglichkeit“, schrieb der tschechische Schriftsteller Franz Kafka. Die Tschechoslowakei, in der auch Kafkas Heimstadt Prag lag, ist ein hervorragendes Beispiel für die Vergänglichkeit von Staaten. Gleich zwei Mal zerfiel sie: 1939 – damals wurde sie völkerrechtswidrig von NS-Deutschland annektiert. Auf dem Foto ist zu sehen, wie Panzer der Wehrmacht in Prag einrücken. Nach dem Zweiten Weltkrieg formierte sich die Tschechoslowakei 1945 neu. Schließlich und endgültig zerfiel der Vielvölkerstaat mit dem Zusammenbruch des Kommunismus 1992. Die Tschechoslowakei bestand aus Böhmen, Mähren, Schlesien, der Slowakei und der Karpartenukraine (bis 1948). Nach dem Zerfall entstanden Tschechien und die Slowakei als eigenständige Länder – die Trennung war binnen eines halben Jahres vollzogen. Foto: Lizenziert unter Public domain Quelle: Wikimedia Commons

Wie wahrscheinlich wäre der Verbleib eines Großbritanniens ohne die europafreundlichen Schotten in der Europäischen Union?

Umfragen zeigen: Die Schotten sind weniger europaskeptisch als der gesamtbritische Durchschnitt – vor allem als die Engländer. Aber das ist nur ein gradueller Unterschied, kein kategorischer. Ein Verbleib der Briten in der EU würde durch einen Austritt der Schotten aus dem Vereinigten Königreich allerdings eher unwahrscheinlicher. Von dem Austritt Schottlands könnten übrigens – auf etwas gruselige Art und Weise – die nahe gelegenen Länder profitieren.

„Eine sich über Jahre hinziehende Verhandlungsmisere“

Inwiefern?

Als ich in den letzten Tagen von Haus zu Haus ging, um letzte Stimmen zu sammeln, sagten mir einige Wähler, dass sie feste Abwanderungspläne hätten. Der Ehemann einer englischen Frau wollte unabhängig vom Wahlausgang auswandern. Er ertrage es nicht mehr, wie hier über Engländer gesprochen wird. Es bleibt zu hoffen, dass sowas nur vereinzelt vorkommt, ansonsten könnte es das Land in Schwierigkeiten bringen. Denn die Möglichkeit wegzuziehen haben vor allem diejenigen, die tüchtig und vermögend sind – die Spitzenkräfte. Insofern könnte es durchaus passieren, dass Spitzenkräfte von Unternehmen in angrenzenden Ländern angeheuert werden – in Großbritannien, Irland oder eben Deutschland. Sie könnten davon profitieren, dass Konkurrenzunternehmen in Schottland einen Strukturnachteil haben. 

Wagen Sie eine Vermutung, wie das Referendum ausgehen wird?

Wir haben zwei gleich große politische Lager, die in einer existenziell wichtigen Frage entgegengesetzte Standpunkte einnehmen. Eine der beiden Gruppen wird eine knappe Mehrheit erlangen – die andere Seite sicherlich nichts weniger als 40 Prozent.

Europa



Also dürfte in jedem Fall in etwa die Hälfte der Bevölkerung enttäuscht sein.

Im Falle eines Ja-Votums ist das Ergebnis irreversibel. Es geht darum, ein Land für immer anders zu gestalten. Eine Niederlage würde für beide Seiten schmerzhaft sein. Entweder werden die Nationalisten das Gefühl haben, ihre langersehnte Zukunftsvision wurde ihnen gestohlen. Oder die Unionisten werden glauben, ihnen wurde das existenzsichernde System des Vereinigten Königreichs entzogen. Die Unionisten fürchten, die Leute würden verarmen, die Steuern könnten hochschnellen, die Renten wären nichts mehr wert und sie würden künftig in einer nicht vertrauenswürdigen Währung bezahlt. Es gäbe sicherlich eine sich über Jahre hinziehende Verhandlungsmisere.

Keine guten Aussichten für eine gütliche Einigung nach dem Referendum.

Es ist gut möglich, dass es zu Spannungen kommt. Man kann nur hoffen, dass die versprochenen Veränderungen relativ zügig und mit großem Erfolg umgesetzt werden. Also die weitere Föderalisierung Schottlands im Falle eines Neins oder die schnelle, erfolgreiche Abspaltung. Ansonsten wären die Hoffnungen aller Gruppen bitter enttäuscht. Die Schärfe der aktuellen Auseinandersetzung und die Verbitterung auf beiden Seiten lassen die Hoffnung auf eine schnelle und gütliche Einigung jedoch eher gering erscheinen.

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