Referendum über Schottlands Unabhängigkeit "Typische Methoden des Nationalismus"

Ein unabhängiges Schottland hätte viele negative Folgen. Im Interview erzählt der deutsche Historiker Frank Lorenz Müller vom schottischen Nationalismus und erklärt, was im Falle eines „Ja“-Votums passieren könnte.

Die schönsten Titelseiten zum Referendum
In Schottland hat das historische Referendum über die Unabhängigkeit des Landes begonnen. Seit 8.00 Uhr können die mehr als vier Millionen Stimmberechtigten für oder gegen eine Loslösung von Großbritannien stimmen. Sollten sich die Separatisten durchsetzen, würde sich die Union mit England und Wales nach 307 Jahren auflösen, titelt „The Independent“, eine der größten britischen Tageszeitungen. Auch die anderen britischen Zeitungen kennen auf ihren Titelseiten heute kein anderes Thema. Quelle: Handelsblatt Online
Die letzten Umfragen vor dem Schottland-Referendum sahen die Gegner der Unabhängigkeit knapp vorn. 53 Prozent der Befragten wollten Nein sagen zur Abspaltung Schottlands vom Vereinigten Königreich und 47 Prozent Ja, ermittelte das Meinungsforschungsinstitut „Survation“ in der vergangenen Woche. Ein Kopf-an-Kopf Rennen zwischen dem Anführer der „Schottischen Nationalpartei“, Alex Salmond, und dem Wortführer der „No-Kampagne“, Alistair Darling. Die beiden blicken entschlossen von der Titelseite des „Daily Record“, einer der größten schottischen Tageszeitungen. Quelle: Handelsblatt Online
Schottland mit seinen 5,3 Millionen Einwohnern ist eines der ältesten Länder der Welt. Im Jahr 843 wurde Kenneth MacAlpin erster König Schottlands. Mehr als 850 Jahre lang war Schottland unabhängig, auch wenn es zwischenzeitlich mit England einige Kriege um diese Unabhängigkeit ausfocht. „Day of destiny“ (Schicksalstag) titelt die drittgrößte Tageszeitung Englands „The Guardian“. Quelle: Handelsblatt Online
Über die Zukunft Schottlands darf heute jeder abstimmen, der das 16. Lebensjahr vollendet hat, Brite, Bürger der Europäischen Union oder des Commonwealth ist, offiziell in Schottland lebt und sich für die Wahl registrieren lassen hat. Schotten im Ausland können keine Stimme abgeben. Klassisch nachrichtlich macht die „Times“ auf. Quelle: Handelsblatt Online
Falls Schottland unabhängig wird, wären viele Fragen noch offen: Wäre Schottland automatisch Mitglied der Europäischen Union? Und welche Währung hätte es? Auch wie es mit der Flagge Großbritanniens weitergehen würde, ist unklar. Denn das Blau in der Fahne symbolisiert die Mitgliedschaft Schottlands im Vereinigten Königreich. Wie eine neue Fahne aussehen könnte, zeigt die Boulevardzeitung „Daily Mirror“. Quelle: Handelsblatt Online
Die Gegner der Unabhängigkeit befürchten, dass der Verlust des britischen Binnenmarktes negative Auswirkungen auf die Wirtschaft hätte. Bis zu 600.000 Arbeitsplätze seien in Gefahr. Auch das britische Pendant zur Bild, die „Sun“ , ist gegen die schottische Unabhängigkeit, wie das heutige Titelblatt zeigt. „Besser zusammen“ schreibt die „Sun“ im typischen Boulevardstil sowohl über Prinz Harrys Beziehung als auch über das schottische Referendum. Quelle: Handelsblatt Online
Die Anhänger der Unabhängigkeitsbewegung sagen hingegen Vorteile für die Wirtschaft voraus, sollte sich Schottland abspalten. Das Land könne mit der Förderung der schottischen Ölreserven Wohlstand schaffen. Auf dem Cover der „Daily Telegraph“ wehen die britische und die schottische Flagge. Quelle: Handelsblatt Online
Das Ergebnis des Referendum wird am Freitagmorgen erwartet. Der ehemalige britische Premierminister Gordan Brown glaubt bereits das Ergebnis des Referendum zu kennen. „Wir werden die Zukunft gemeinsam gestalten“, zitiert ihn die schottische Zeitung „Daily Star“. Quelle: Handelsblatt Online
Prominente Gegner der Unabhängigkeit sind Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling und der Sänger der Rolling Stones Mick Jagger. Auch die schottische Ausgabe der „Daily Mail“ ist für den Verbleib im Vereinigten Königreich: „Lasst uns Schottlands Zukunft in der glorreichen Familie Großbritanniens sicherstellen“ titelt sie. Quelle: Handelsblatt Online
Auf der Seite der prominenter Unterstützer der Separatisten stehen James Bond-Darsteller Sean Connery und der schottische Tennisprofi Andy Murray. „Ein Neuanfang für Schottland“ titelt die schottische Ausgabe der „Sun“. Quelle: Handelsblatt Online

Herr Müller, Sie sind Historiker an der schottischen Universität von St. Andrews und werben für ein „Nein“ am Donnerstag. Warum?

Frank Lorenz Müller: Ich war bisher niemals in einer Partei oder in einem Wahlkampf aktiv. Dass ich mich engagiere, hängt damit zusammen, dass ich in der Unabhängigkeits-Frage ganz zentrale Aspekte des Lebens meiner Familie und meiner eigenen Zukunft berührt sehe und versuche, Schaden von uns abzuwenden. Das motiviert mich – keine parteipolitische oder strategische Absicht.

Zur Person

Als Wahlkämpfer dürften Sie auch mit den Separatisten in Kontakt kommen. Wie nehmen Sie die andere Seite wahr?

In den Diskussionen auf der Straße oder im Internet sind die Reaktionen mitunter leidenschaftlich und engagiert. Manche Befürworter der Unabhängigkeit sind regelrecht ideologisiert. Ihre Strategie ist es, den Gegnern der Unabhängigkeit die Legitimität zu entziehen: Diese seien keine wahren Schotten, sondern Verräter, Imperialisten, die letztendlich nicht zum Wohle der schottischen Nation agierten. Wer mit „Nein“ stimmt, sei kein legitimer Teil des schottischen Nationalkörpers. Hier sind für mich nationalistische Impulse zu erkennen. Das ist natürlich nicht der einzige Impuls, der die Unterstützer auf die Straße und an die Wahlurnen treibt – aber ein zentraler.

Das schottische Referendum

Woran machen Sie diese nationalistischen Tendenzen fest?

Beispielsweise an der Diskussion um die Ausrichtung der schottischen Universitäten. Die Befürworter der Unabhängigkeit fordern eine schottische Marke. Der Erziehungsminister hat davon gesprochen, dass schottische Forscher Teil der nationalen Psyche sein und mit ihrer Forschung im Einklang mit der schottischen Regierung stehen sollten. Ein prominenter Befürworter der schottischen Unabhängigkeit hat bedauert, dass so viele führende Positionen mit Nicht-Schotten besetzt worden seien. Das sind Anklänge an einen exklusiven Nationalismus, an ein neues Verständnis der schottischen Nation.

Das klingt ja beinahe nach Gleichschaltung.

Ich will Vokabeln vermeiden, die dem Nationalsozialismus entstammen. Der schottische Nationalismus ist nicht mit dem Nationalsozialismus zu vergleichen. Wenn man das behauptete, würde man den Nationalsozialismus verkennen und die Befürworter der schottischen Unabhängigkeit verleumden. Trotzdem: Die Parallelen des schottischen Nationalismus und des Nationalismus im 19. Jahrhundert sind nicht zu übersehen.

Bei Schottlands „Yes“ zur Unabhängigkeit – so geht es weiter

Erklären Sie doch bitte, worin diese Parallelen bestehen.

Die Rhetorik der Separatisten ist typisch nationalistisch. Das sind die Narrative und Darstellungsmethoden, die aus den Nationalismen des 19. und 20. Jahrhundert bekannt sind. Alex Salmond, der schottische Ministerpräsident, sagte beispielsweise zum Jubiläum der Schlacht von Bannockburn in diesem Sommer, sie sei der Ursprung des schottischen Nationalgefühls. Eine Schlacht vor 700 Jahren, wo zwei anglonormannisch sprechende Feudalkönige irgendwelche Streitigkeiten austrugen und die schottische Seite gegen die englische Übermacht gewann. In einer Zeit, in der es keine Druckerpresse, keine Öffentlichkeit, keine demokratischen Rechte gab. Davon irgendwelche Befindlichkeiten für die Gegenwart abzuleiten, ist doch absurd.

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