Reformen dringend notwendig Franzosen kämpfen gegen die spätere Rente

Gewerkschaften und Arbeitnehmer machen mobil gegen die Rentenreform. Auch heute sind wieder Demonstrationen geplant. Doch viele wollen auch länger arbeiten.

Immer am Ball. Rentner beim Boulespiel in Frankreich Quelle: Laif

Jean-Claude Daumarie hat es geschafft. Gerade ist er 60 geworden und seit einem Jahr schon lebt er im Ruhestand. Doch so ganz untätig wollte der Tiefbauingenieur nicht sein. Schon einen Tag nach seinem Ausstand macht er sich selbstständig und arbeitet nun an fünf bis zehn Tagen im Monat auf Honorarbasis für seinen alten Arbeitgeber weiter: eine Tochterfirma der französischen Staatsbahn SNCF und des Pariser Nahverkehrbetreibers RATP.

Das Arrangement hat für beide Seiten Vorteile. Für die Firma, weil Daumarie weiterhin sein Wissen zur Verfügung stellt. Für Daumarie, weil er seine Rente aufstocken kann. "Ich verbinde das Angenehme mit dem Nützlichen", sagt er.

Wie Daumarie gehen in Frankreich derzeit sieben Prozent der Rentner über 60 einer Teilzeitbeschäftigung nach, hat das nationale Statistikamt Insee herausgefunden. Die Zahl nimmt zu, seit diese Möglichkeit 2009 gesetzlich erleichtert worden ist. Noch 2006 hatte Insee nur halb so viele berufstätige Rentner gezählt wie heute.

Altersteilzeit war bisher unbekannt

Zeitarbeitsfirmen und spezielle Vermittlungsagenturen für Ruheständler haben sich längst darauf eingestellt. "Die Leute machen weiter die Arbeit, die ihnen gefällt, die sie aber nicht mehr in Vollzeit machen wollen", erklärt Pascal Dardenne, Entwicklungsdirektor bei der Pariser Agentur Experconnect. "Wir bieten den Unternehmen ein verändertes Beschäftigungsverhältnis mit ihren langjährigen Mitarbeitern an, oder eine Expertise, die ihnen bisher fehlt." Maryse Ricq von der Zeitarbeitsfirma Artus in Tours zum Beispiel sucht seit Wochen einen Automechaniker, der sich mit deutschen Fabrikaten auskennt. 50 Jahre oder älter sollte er sein und fünf bis neun Monate im Jahr käme er zum Einsatz. "Wenn Sie in Deutschland so jemanden haben, schicken Sie ihn mir!"

Wann die Europäer in Rente gehen
DeutschlandDie Arbeitnehmer in Deutschland sind nach Informationen der „Bild-Zeitung“ im vergangenen Jahr so spät in Rente gegangen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Gleichzeitig sanken die Abschläge wegen vorgezogenen Renteneintritts auf den niedrigsten Wert seit 2003, berichtet die Zeitung unter Berufung auf die neueste Rentenzugangsstatistik der Deutschen Rentenversicherung. Danach stieg das durchschnittliche Renteneintrittsalter der Männer 2012 von 60,9 auf 61,2 Jahre. Frauen gingen mit 61 (2011: 60,8) Jahren in Rente. Das waren die höchsten Werte seit mehr als 20 Jahren. Im Jahr 2000 wechselten Männer noch im Schnitt mit 59,8 Jahren aufs Altenteil, Frauen mit 60,5 Jahren. Quelle: dpa
FrankreichAuch in Frankreich ist das Renteneintrittsalter gestiegen: 2009 - vor der Anhebung der Altersgrenze - gingen die Franzosen noch mit durchschnittlich 59,3 Jahren in Pension, 2012 waren sie im Schnitt 62 Jahre und 2 Monate alt (2011: 61 Jahre und 11 Monate). Wer vor seinem 20 Lebensjahr angefangen hat zu arbeiten und in die Rentenkasse einzuzahlen, darf bereits mit 60 Jahren aufs Altenteil wechseln, ohne Abschläge befürchten zu müssen. Quelle: AP
Griechenland2012 haben sich die griechische Regierung und die Troika aus Europäischer Zentralbank, Europäischer Union und Internationalem Währungsfondsdarauf geeinigt, das Renteneintrittsalter in dem Schuldenstaat anzuheben. Seit dem gehen die Griechen - zumindest nach Plan - mit 67 statt wie zuvor mit 65 Jahren in den Ruhestand. 2011 betrug das durchschnittliche Renteneintrittsalter in Griechenland 61,4 Jahre. Quelle: dpa
ItalienItalienische Frauen verbringen inzwischen durchschnittlich 27,3 Jahre im Ruhestand, Männer knapp 23. In Rente gehen die Italiener im Schnitt mit 60,8 Jahren. Wenn sie keine Abschläge hinnehmen wollen, müssten sie eigentlich bis 62 arbeiten. Quelle: AP
Spanien2011 hat sich auch die spanische Regierung angesichts eines gigantischen Schuldenberges dazu entschlossen, die Altersgrenze anzuheben: Wie auch in Deutschland und Griechenland soll das Renteneintrittsalter schrittweise auf 67 Jahre angehoben werden. Zuvor gingen die Spanier im Schnitt mit 62,6 statt 65 Jahren in Rente. Beschäftigte, die bereits 38,5 Jahre gearbeitet haben, haben allerdings weiterhin ab dem 65 Lebensjahr einen Anspruch auf volle Rentenbezüge. Quelle: dapd
GroßbritannienSeit 2011 gibt es in Großbritannien kein offizielles Rentenalter mehr. Die Briten können also selbst entscheiden, wann sie in den Ruhestand gehen. Zuvor konnten die Briten mit 60 Jahren (Frauen) beziehungsweise 65 Jahren (Männer) die Arbeit Arbeit sein lassen. Das tatsächliche Eintrittsalter lag vor der Abschaffung des Rentenalters bei 63,1 Jahren. Quelle: AP
IrlandDie Iren arbeiten am längsten: So müssen auf der grünen Insel Männer und Frauen noch bis 65 arbeiten und tun es auch - zumindest bis sie (im Durchschnitt) 64,1 Jahre alt werden. Wegen des Schuldenberges der grünen Insel erhöht die irische Regierung nun schrittweise das Rentenalter von 65 auf 68 Jahre. Quelle: AP

Das Modell der Altersteilzeit ist in Frankreich bisher unbekannt. Und die schrittweise Steigerung der Beitragsjahre von derzeit 41 auf 43 im Jahr 2035 – Verlängerung der Lebensarbeitszeit inklusive –, wie sie die amtierende sozialistische Regierung aufgrund leerer Kassen notgedrungen plant, ist nun einer der größten Streitpunkte der anstehenden Rentenreform. Am 18. September soll das Kabinett die Änderung beschließen. Für Dienstag dieser Woche hat Thierry Lepaon, Chef der Hardliner-Gewerkschaft CGT, schon Protestaktionen angekündigt.

Heftige Widerstände werden erwartet

Dabei lassen die angekündigten Details nur ein Reförmchen erwarten. Wie alle Vorgängerregierungen fürchten auch die amtierenden Sozialisten heftigen Widerstand. Der könnte diesmal noch größer werden als 2010, als Hollandes konservativer Vorgänger Nicolas Sarkozy die Erhöhung des gesetzlichen Rentenalters von 60 auf 62 Jahre durchgesetzt hat. Die Sozialisten nahmen dies gleich nach ihrer Regierungsübernahme 2012 für einige Berufsgruppen zurück. Auch deshalb hat die Regierung eine weitere Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters nun ausgeschlossen.

Doch nun droht die Lücke in der Rentenkasse von derzeit 15 Milliarden Euro bis 2020 auf 22 Milliarden Euro anzuwachsen. Obwohl Frankreich eine höhere Geburtenrate aufweist als der europäische Durchschnitt, zehrt die ebenfalls überdurchschnittlich gestiegene Lebenserwartung die Ersparnisse auf. An seinem 65. Geburtstag hat ein Franzose statistisch noch 18,5 Lebensjahre vor sich, eine Französin 22,7 Jahre. Die seit zwei Jahren kontinuierlich steigende Arbeitslosigkeit hat die Situation zusätzlich verschärft. Während 1960 noch vier Berufstätige einem Rentner gegenüberstanden, ist das Verhältnis inzwischen bei 1,4:1. Bis 2050, so eine von der Regierung beauftragte Kommission, wird es weiter schrumpfen – auf 1,2:1.

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