Regierungschef Salmond verliert TV-Duell Rückschlag für Schottlands Wunsch nach Unabhängigkeit

Schottlands Regierungschef Alex Salmond hat überraschend ein TV-Duell über die schottischen Unabhängigkeitsbestrebungen verloren. Nun bleiben ihm nur noch sechs Wochen für die Wende.

Alex Salmond bei einer Rede in London. Quelle: dpa

Die Vorfreude bei den Befürwortern einer schottisches Unabhängigkeit war groß: Das TV-Duell am Dienstagabend sollte die Wende bringen und die vielen unabhängigen Wähler auf ihre Seite ziehen. Die Voraussetzungen waren gut. Schottlands Regierungschef Alex Salmond – er will Schottland nach 307 Jahren vom Vereinigten Königreich lossagen – gilt als eloquent und gewitzt. Sein Duell-Gegner, der frühere britische Finanzminister Alistair Darling, hingegen habe die „Kraft einer Schüssel Vanillepudding“, so der frühere Redenschreiber von Ex-Premier Tony Blair, Simon Lancaster.

Was hat die EU den Bürgern gebracht?
ReisefreiheitIn Europa verreisen, ohne an der Grenze den Pass vorzeigen zu müssen - das können mehr als 400 Millionen EU-Bürger. Basis dafür ist das Schengener Abkommen von 1985, dem inzwischen 26 Staaten - darunter Deutschland - angehören. Diese Länder kontrollieren Reisende an den Grenzen untereinander nur per Stichprobe oder bei Großereignissen. Zum Schengen-Raum gehören neben 22 EU-Ländern auch Norwegen, Island, die Schweiz und Liechtenstein. Die Landgrenzen des Areals sind mehr als 7700 Kilometer lang. Quelle: dpa
Glühlampen-VerbotEin von EU-Kritikern gern vorgebrachtes Argument ist das Verbot der geliebten Glühlampe. Doch stammt das Verbot nicht aus Brüssel, sondern nahm unter dem damaligen Umweltminister Sigmar Gabriel im Jahr 2007 Gestalt an. Die Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel wollte sich als Vorreiter in Sachen Klimaschutz präsentieren und brachte die Idee beim EU-Gipfel ein, der es abnickte. Später winkte auch das Parlament den Vorstoß durch - die Kommission war dabei also vor allem ausführendes Organ, und keiner der Mitgliedsstaaten erhob Einspruch. Quelle: dpa
BankenkontrolleNie mehr sollen Banken mit riskanten Geschäften Europa an den Rande des Abgrunds bringen - so lautet die Lehre aus der Krise. Dafür sollen bessere Kontrollen sorgen. Von November 2014 an wird es eine zentrale Bankenaufsicht („Single Supervisory Mechanism“/SSM) unter dem Dach der Europäischen Zentralbank (EZB) geben, die die 130 größten und wichtigsten Banken im Euroraum direkt überwacht. Von 2016 an greifen gemeinsame Regeln zur Sanierung und - im Notfall - Schließung von Banken („Single Resolution Mechanism“/SRM). Dies schützt die Sparer, weil im Fall der Schieflage einer Bank zunächst deren Aktionäre herangezogen werden. Die EU hat auch die Bonus-Zahlungen für Banker begrenzt. Quelle: dpa
Karamellbonbon-VerordnungDiese Verordnung ist eine Legende, allerdings eine besonders hartnäckige. Immer wieder wird dieses angebliche Zitat, in leicht abgewandelter Form, hervorgezaubert - etwa in einer Ausgabe des "Spiegel" von 1974: "Das Vaterunser hat 56 Wörter, die Zehn Gebote haben 297 und die amerikanische Unabhängigkeitserklärung 300. Aber eine Verordnung der EWG-Kommission über den Import von Karamellen und Karamellprodukten zieht sich über 26.911 Wörter hin."Der Ausspruch wird Alwin Münchmeyer, dem damaligen Präsidenten des Bundesverbands deutscher Banken, zugeschrieben. Eine solche Karamell-Verordnung hat es jedoch nie gegeben. Das tut der Popularität des Ausspruchs aber keinen Abbruch, der immer wieder gern als Argument für das bürokratische Monstrum EU angeführt wird. Quelle: Fotolia
RoamingSeit Jahren macht die EU-Kommission Telekom-Anbietern Druck, die Preise beim Handy-Telefonieren im EU-Ausland zu senken. Seit 2007 sind diese Gebühren für Telefonate, SMS und mobiles Internet-Surfen laut EU-Kommission um mehr als 80 Prozent gesunken. Vom 1. Juli an dürfen abgehende Telefonate nicht mehr als 19 Cent pro Minute kosten - heute sind es 24 Cent (jeweils plus Mehrwertsteuer). Brüssel will Roaming-Gebühren in zwei bis drei Jahren vollständig abschaffen. Quelle: dpa
EurokriseDie Überwindung der Euro-Schuldenkrise gilt als große Gemeinschaftsleistung Europas. Seit 2010 haben die Euro-Staaten milliardenschwere Rettungsschirme (EFSF und ESM) gegründet, um Krisenstaaten finanziell unter die Arme zu greifen. Fünf Länder - neben Griechenland auch Irland, Portugal, Spanien und Zypern - erhielten Hilfspakete. Inzwischen hat sich die Lage gebessert. Die Anleger kaufen wieder Papiere der Krisenländer, weil sie wissen, dass die Europartner, allen voran Deutschland, hinter dem Euro stehen. Doch bei der Bewältigung der sozialen Folgen der Krise tut sich die EU schwer. Die Arbeitslosigkeit in Südeuropa ist hoch, fast jeder vierte ist in Spanien und Griechenland ohne Job. Bei Protesten machen enttäuschte Bürger die Sparpolitik der EU dafür verantwortlich. Quelle: dpa
ÖlkännchenBrüsseler Bürokraten werden regelmäßig beschuldigt, mit Verwaltungsschikanen das Leben der Bürger zu stören. Eine Niederlage erlitt die EU-Kommission im vergangenen Jahr mit Plänen, offene Ölkännchen in Restaurants zu verbieten. Auf den Tischen sollten nur noch Einweg-Ölflaschen stehen, damit Gäste an der Flasche das Öl erkennen konnten. Brüssel erntete Hohn und Spott und begrub die Pläne. Quelle: dpa
FriedenssicherungHeute ist für viele Europäer der Frieden eine Selbstverständlichkeit - und ist doch auf dem Fundament der Europäischen Union gebaut. 2012 erhielt die EU dafür den Friedensnobelpreis. Aktuell fühlen sich viele Europäer durch die Krise in der benachbarten Ukraine bedroht. Die EU spielt auch dort eine friedenspolitische Rolle - ebenso wie an anderen Krisenherden in aller Welt, etwa im Nahen Osten oder in Atom-Verhandlungen mit dem Iran. Die EU ist dabei Geldgeber, bildet Polizisten aus oder stellt militärische Berater. Doch in der Außenpolitik fällt es den EU-Staaten oft schwer, mit einer Stimme zu sprechen - zu verschieden sind ihre nationalen Interessen. Dem früheren US-Außenminister Henry Kissinger wird das Bonmot zugeschrieben, er wisse nicht, welche Telefonnummer er anrufen sollte, um mit Europa zu sprechen. Quelle: dpa
StudentenaustauschStudieren im europäischen Ausland – das macht das EU-Programm Erasmus möglich. Seit seinem Start 1987 haben rund 2,5 Millionen Studenten einen Auslandsaufenthalt mit Erasmus absolviert. Quelle: dpa
KrümmungDoch manches stimmt auch nicht: So ist die angebliche EU-Verordnung über die Krümmung der Banane eine Legende. Allerdings gab es eine Verordnung über die Krümmung der Gurke. Die führte die Kommission ein, weil der Handel für die Handelsklassen-Einordnung darum gebeten hatte. Später wurde sie wieder abgeschafft. Quelle: dpa

Doch die hohen Erwartungen aufmüpfigen Schotten wurden enttäuscht: Sechs Wochen vor der Abstimmung über eine schottische Unabhängigkeit von Großbritannien haben die Befürworter der Initiative einen unerwarteten Rückschlag erlitten. Salmond ging am Dienstagabend aus dem Fernsehduell als Verlierer hervor, wie eine Umfrage für den „Guardian“ ergab. Demnach fanden 47 Prozent der Zuschauer, dass sich Darling im Fernsehduell besser schlug. 37 Prozent sahen dagegen den schottischen Regierungschef vorn.

Salmond konnte die Befürchtungen nicht zerstreuen, dass seine Pläne die schottische Wirtschaft schädigen würde. Schottland droht, vom Europäischen Binnenmarkt ausgeschlossen zu werden. Zwar will die Region in der EU bleiben, doch es völlig unklar, ob ein reibungsloser Übergang möglich ist – oder es eines langwierigen Aufnahmeverfahrens bedarf.

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Klar ist, dass Schottland mit dem Tag seiner Unabhängigkeit das britische Pfund verlieren würde. „Die schottische Regierung versucht den Eindruck zu vermitteln, dass eine Währungsunion weiter möglich wäre. Das ist sie nicht“, zitiert die Nachrichtenagentur afp den Vorsitzenden des Parlamentsausschusses für schottische Angelegenheiten, Ian Davidson. Mit einer eigenen Währung könnte das Land flexibler agieren, liefe aber auch Gefahr, Ziel von Spekulanten zu werden.

Umfragen zufolge wird es soweit aber nicht kommen. Die Mehrheit der Schotten – die Abstimmungen variieren stark: mal trennen Gegner und Befürworter des Referendums zwei Prozentpunkte, mal zehn Prozentpunkte – ist gegen eine Unabhängigkeit. Aber: Ein Viertel der Wähler ist noch unentschieden. Das Referendum findet am 18. September statt.

 

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