Regierungskrise in Großbritannien Die Favoriten für Johnsons Nachfolge – und was ihnen um die Ohren fliegen könnte

Nach Boris Johnsons Rücktritt als Parteichef muss ein Nachfolger, auch für das Amt als Premierminister, bestimmt werden. Quelle: REUTERS

Boris Johnson möchte nach dem Rücktritt als Parteichef noch so lange im Amt des Premierministers bleiben, bis ein Nachfolger gefunden ist. Im Hintergrund hat der Wettstreit um den Posten bereits begonnen.

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Boris Johnson ist auf dem Weg in den politischen Ruhestand. Wie lange es dauern wird, bis der Skandal-Premier mit dem schwierigen Verhältnis zur Wahrheit tatsächlich seinen Amts- und Wohnsitz in der Downing Street räumt, wird noch debattiert. Johnson selbst möchte offenbar noch so lange im Amt bleiben, bis eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger bestimmt werden. Das wäre möglicherweise erst im Herbst. Doch selbst innerhalb seiner eigenen Partei mehren sich die Stimmen, die fordern, dass Johnson so bald wie möglichen seinen Posten räumen soll.

So oder so bringen sich die potentiellen Nachfolgerinnen und Nachfolger bereits in Stellung für den (bei den britischen Konservativen oft wüsten) Wettstreit um den Posten des Parteichefs und Premierministers.

Bei den Tories läuft dieser Wettstreit so ab: Sobald die Liste der Kandidaten festgelegt wurde, dünnen die konservativen Abgeordneten das Feld in mehreren Abstimmungsrunden so lange aus, bis nur noch zwei Bewerber übrig sind. Über die entscheidet dann die rund 160.000 Mitglieder umfassende konservative Parteibasis.

Boris Johnson ist bereit, zurückzutreten. Das ist beruhigend. Ein Grund zum Feiern ist es allerdings nicht. Der Premier hat Großbritannien mit seinen Lügen und seinem eigennützigen Vorgehen nachhaltig geschadet.
von Sascha Zastiral

Und diese Basis, die gerade einmal 0,35 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung ausmacht, ist absolut kein Querschnitt durch die britische Bevölkerung. Die Tory-Parteimitglieder sind überwiegend weiß, männlich, im vorgerückten Alter, gut situiert, EU-kritisch eingestellt und äußerst konservativ. Das hat entscheidende Auswirkungen auf die Frage, wer Boris Johnson im Job des Premiers beerben wird.

Hier sind die aussichtsreichsten Kandidaten:

Rishi Sunak

Der ehemalige Schatzkanzler galt lange als Vorreiter in einem potentiellen Rennen um Johnsons Nachfolge. Der Ex-Banker und Hedgefondsmanager war noch zum Jahresbeginn der beliebteste Politiker des Landes. Kein Wunder, hatte Sunak doch während der Pandemie den britischen Haushalten und der Wirtschaft finanziell großzügig unter die Arme gegriffen. Das war bitter notwendig, schließlich verfügt Großbritannien nur noch über eingeschränkte soziale Sicherungssysteme.

Doch nach der Vorstellung eines enttäuschenden Frühjahrshaushalts im März kam heraus, dass Sunaks Frau, die Tochter eines indischen IT-Milliardärs, einen umstrittenen Steuerstatus besaß, der es ihr erlaubte, in Großbritannien keine Steuern auf Einkommen aus dem Ausland zu zahlen. Die BBC schätzte, dass sie damit mehr als zwei Millionen Pfund an britischen Steuern im Jahr sparte. Etwa zur selben Zeit wurde bekannt, dass Sunak noch eine amerikanische Arbeitserlaubnis (Green Card) besaß, die ihn als in den USA ansässig auswies, als er bereits mehr als ein Jahr lang Schatzkanzler war. Ein gravierender Fauxpas. Die Seifenblase vom neuen Stern am britischen Politikhimmel platzte.

Die Skandal-Chronik von Boris Johnson und seiner Regierung

Trotzdem könnte der erkläre Thatcher-Fan im Rennen um Johnsons Nachfolge gute Karten haben. Denn in seinem Rücktrittsschreiben betonte Sunak die „Opfer“ und „schwierigen Entscheidungen“, die aus seiner Sicht nun getroffen werden müssten, um das Land aus der derzeitige Krise zu führen. Damit dürfte er bei der Tory-Basis gut ankommen. Für das Land wäre eine Rückkehr zu dem drakonischen Austeritätskurs, den David Cameron und sein Schatzkanzler George Osborne ab 2010 dem Lande auferlegt haben, jedoch folgenschwer. Schließlich hat der zutiefst ideologische Sparkurs die aufkeimende Konjunktur nach der Finanzkrise 2008 erstickt, die wirtschaftliche Erholung um Jahre verzögert und die Produktivität anhaltend ausgebremst. Die öffentlichen Dienste litten vielerorts so stark, dass in einigen Landesteilen die Lebenserwartung sogar zu sinken begann.

Liz Truss

Als weitere mögliche Favoritin für die Johnson-Nachfolge gilt Liz Truss. Die Außenministerin brach am Donnerstag sogar ihren Besuch eines Treffens der Außenminister der G20-Staaten in Indonesien ab, damit sie nach London zurückkehren und ihre Kandidatur vorbereiten konnte.

Die Entscheidung sorgte bei einigen westlichen Diplomaten offenbar für Stirnrunzeln. Schließlich gilt das Treffen als entscheidender Moment, bei dem der Westen den russischen Außenminister Sergej Lawrow konfrontiert. Und Truss hat in den vergangenen Monaten unzählige Male ihre unnachgiebige Haltung gegenüber Moskau betont. Und das mit Sicherheit auch mit dem Hintergedanken, wie das bei der Tory-Basis ankommt.

Ähnlich wie Sunak, betont Truss schon lange ihre Bewunderung für die ehemalige Premierministerin Margaret Thatcher. Das geht so weit, dass sie auf vielen der unzähligen offiziellen Fotos, die sie von sich veröffentlicht, unübersehbar die Posen Margaret Thatchers imitiert: Truss steht dann etwa auf dem Deck eines Kriegsschiffs oder steckt den Kopf aus der Luke eines Panzers. Damit erntet sie in Großbritannien bisweilen Spott.



Truss weist gerne darauf hin, dass sie in einem „linken“ Haushalt aufgewachsen ist. Ihr Vater, ein Mathematikprofessor, und ihre Mutter, eine Lehrerin, nahmen Liz und ihre drei Geschwister oft zu Friedensmärschen mit. Während ihrer Zeit in Oxford, wo sie Philosophie, Politik und Wirtschaftswissenschaften, war Truss eine Zeitlang Mitglied bei den Liberaldemokraten. Damals forderte sie sogar in einer Rede die Abschaffung der Monarchie. Das könnte ihr jetzt um die Ohren fliegen.

Penny Mordaunt

In der Umfrage unter Tory-Parteimitgliedern liegt Penny Mordaunt knapp hinter Ben Wallace. Sie ist derzeit Staatsministerin im Handelsministerium. 2019 war sie für kurze Zeit Verteidigungsministerin. Als ausdrückliche Brexit-Befürworterin wurde Mordaunt lange als Kandidatin für einen hohen Ministerposten gehandelt. Jedoch hat sie beim letzten Wettbewerb um den Posten des Parteichefs 2019 Jeremy Hunt unterstützt, der sich 2016 für den Verbleib in der EU ausgesprochen hat. Vermutlich deswegen hat sie der nachtragende Johnson in der zweiten Reihe der Minister schmoren lassen.

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Transparenzhinweis: Dieser Artikel erschien erstmals im Juli und wurde am 14. Juli 2022 redaktionell aktualisiert.

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