Reimer direkt
Die EZB will den Eindruck erwecken, dass geldpolitisch alles in Ordnung sei. Quelle: dpa

Auf den Haarriss folgt der Dammbruch

Hauke Reimer
Hauke Reimer Stellvertretender Chefredakteur WirtschaftsWoche

Von wegen vorübergehend: Den Notenbanken entgleitet die Kontrolle über die Inflation. Für Anleger hat das eindeutige Folgen.

  • Teilen per:
  • Teilen per:

Kaum zu glauben: Vor ein paar Monaten erst hob die Europäische Zentralbank ihr Inflationsziel an – von „nahe an, aber unter zwei Prozent“ auf „im Durchschnitt zwei Prozent“. Eine semantische Petitesse? Dachte man. Nur fängt leider jeder Dammbruch mit einem Haarriss an.

Die Stimmung in der Öffentlichkeit, zumal an den Finanzmärkten, wird geprägt von Narrativen, weiß Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller. Und eine besonders wirkmächtige Erzählung entpuppt sich gerade als Märchen: Die von den „Tauben“ unter den Notenbankern und Ökonomen geprägte Geschichte vom vorübergehenden Charakter der Inflation. 5,1 Prozent Preissteigerung in der Euro-Zone im Januar – keine Spur von der prognostizierten Abschwächung.

Im Gegenteil. Es dürfte noch etwas schlimmer kommen. Hersteller von Investitionsgütern und Vorprodukten werden ihre Preise wohl zweistellig anheben – das lag auf dem Gipfel der Weltmarktführer, zu dem die WirtschaftsWoche Mitte der Woche eingeladen hatte, in der Luft. Auch haben die Gewerkschaften noch nicht damit begonnen, in Reaktion auf den Preisauftrieb Lohnerhöhungen durchzusetzen.

Lesen sie dazu auch: Kommt jetzt die Lohn-Preis-Spirale?

Und wie reagieren Fed und EZB? Unverkennbar ist die Politisierung der Notenbanken auf beiden Seiten des Atlantiks. Und das Auseinanderdriften der Geldpolitik. In den USA, wo die Inflation bereits an der Sieben-Prozent-Marke kratzt, demonstriert die Fed auch deshalb zinspolitische Entschlossenheit, um die ohnehin schon schlechten Umfragewerte von Joe Biden nicht noch weiter zu drücken: In der Ferne droht Donald Trump. Ihre Grenze werden Zinserhöhungen erst finden, wenn harte Schritte die Börsen erschüttern – und die Pensionspläne der Amerikaner gefährden.

Wie Sie Ihr Aktiendepot fit für die Zinswende machen, lesen Sie hier.

In Europa wird die Reaktion der Notenbank begrenzt von der Finanzlage der hoch verschuldeten lateineuropäischen Staaten, die seit 2003 auch personell das Sagen haben in den EZB: Ihre Chefs heißen seither Trichet (Frankreich), Draghi (Italien) und Lagarde (Frankreich). Und weil hohe Zinsen die Staatshaushalte belasten, womöglich ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone provozieren, würden, ändert die EZB ihren Kurs nur minimal – zumal Inflation die Staatsschulden abschmilzt. Dass EZB-Chefin Christine Lagarde die Rate in absehbarer Zeit an „im Durchschnitt zwei Prozent“ führt, ist so gut wie ausgeschlossen.

Wohl dem, der in Immobilien, Aktien, Gold investiert. Ein nicht mehr ganz frisches Anlegernarrativ – aber wirkmächtiger denn je.

Mehr zum Thema: Während die US-Notenbank die Märkte mit einer klaren Strategie auf höhere Leitzinsen vorbereitet, redet die EZB die Inflationsrisiken klein. Sie verunsichert Börsen und Bürger. Und setzt ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%