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Russland Gemischte Gefühle bei deutschen Unternehmen

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Industrieunternehmen lassen Vorsicht walten

Metro brach Börsengang ihres Russland-Geschäfts ab Quelle: dpa

Viele Industriekonzerne mit jahrzehntelangen Beziehungen nach Russland halten derzeit den Ball sehr flach, wenn sie nach Auswirkungen von Sanktionen des Westens auf ihr Geschäft angesprochen werden. So gibt sich Reitzle cool, wohingegen sich der deutsche Stallanlagenbauer Big Dutchman Pig Equipment aus dem niedersächsischen Vechta-Calveslage erhebliche Sorgen macht. Big-Dutchman-Manager Andreas Böske sagt: „Wir überlegen dreimal, ob wir bei unseren Zulieferern Teile für Russland bestellen. Und unsere russischen Kunden sind genauso zögerlich. Das ist aber mehr eine psychologische Bremse, da wir von Sanktionen akut nicht betroffen sind.“ Landwirtschaftsmaschinen aus Deutschland und den USA haben in Russland Hochkonjunktur

Während die Stallbauer Ungemach wittern, will sich der Mähdrescherhersteller Claas aus Harsewinkel in der Nähe von Bielefeld die Investitionslaune nicht vermiesen lassen. Im südrussischen Krasnodar betreibt das Familienunternehmen eine Fabrik für Mähdrescher und Traktoren und beschäftigt dort 300 russische Monteure. 1000 Feldmaschinen pro Jahr werden dort jetzt schon hergestellt, Claas erweitert zurzeit die Produktion. 2015 soll eine weitere Fabrik die Jahresproduktion auf 2500 Traktoren erhöhen. Investitionsvolumen: gut 100 Millionen Euro. Claas-Ingenieure sind in dieser Woche in Krasnodar und treiben das Bauprojekt unverdrossen voran. „Wir müssen hier Flagge zeigen“, sagt ein Claas-Manager.

Doch es gibt auch echtes Krisenmanagement. So hat die Großhandelskette Metro vorige Woche den avisierten Börsengang ihres Russland-Geschäfts abgeblasen. „Wir halten weiterhin an den Plänen für eine Börsennotiz fest, benötigen aber die richtigen Kapitalmarktbedingungen. Angesichts der politischen Entwicklung ist dies derzeit nicht der Fall“, hieß es bei der Metro. Der Handelskonzern erwirtschaftet in Russland mit 70 Cash-und Carry-Märkten und 50 Media-Märkten einen Umsatz von 5,3 Milliarden Euro.

Mag sich Linde-Chef Reitzle auch entspannt geben, völlig spurlos gehen die aktuellen Turbulenzen auch an seinem Ableger in Russland nicht vorüber. So betreibt Linde im Industriepark Vorsino in der Region Kaluga, 80 Kilometer südwestlich von Moskau, eine Luftzerlegungsanlage, die ein nahes Stahlwerk versorgt. Gase liefert Linde aber auch an das russische VW-Werk in Kaluga und an die in unmittelbarer Nachbarschaft liegende Reifenfabrik Continental. Wankt die VW-Produktion in Kaluga, bricht bei Linde und Continental die Produktion ein.

Die Grafiken zeigen die deutsch-russischen Handelsbeziehungen (links) und die deutschen Investitionen in Russland (rechts). Klicken Sie für eine detaillierte Ansicht bitte auf die Grafik. Quelle: Eurostat

Das Beispiel zeigt: Wohl und Wehe deutscher Industrieunternehmen in Russland sind durch Zuliefergeschäfte eng miteinander verbunden. Würden Sanktionen der EU und der USA verhindern, dass Autos von VW in Russland vom Band laufen, würde dies viele deutsche Betriebe in Russland schmerzen. Volkswagen könnte betroffen sein, wenn Komponenten aus Deutschland für die dortige Produktion nicht über die Grenze kommen.

So sieht VW-Chef Martin Winterkorn die Lage seines Werks zurzeit nicht so optimistisch. Über die möglichen Folgen von Sanktionen sagte Winterkorn auf dem Münchner Management Kolloquium vorige Woche: „Das stört uns sehr stark.“ Zurzeit baut VW in Kaluga eine weitere Produktion auf, die das russische Hauptwerk unabhängiger von Zulieferungen aus dem fernen Deutschland machen soll. Ein VW-Motorenwerk ist gerade im Bau. Die Fertigstellung könnte zu spät kommen. „Dann haben die Folgen der Wirtschaftssanktionen schon längst gegriffen und VW vom Nachschub aus dem Westen getrennt“, sagt ein deutscher Industriemanager.

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