WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Russland-Sanktionen Putin kritisiert Strafmaßnahmen des Westens

Seite 2/3

Auswirkungen der neuen Sanktionen auf die Welt

Die harten Sanktionen zwischen dem Westen und Russland bereiten auch deutschen Unternehmen zunehmend Sorgen. Zwar nimmt die neue Runde an Strafmaßnahmen russische Öl- und Rüstungsfirmen ins Visier, doch die Folgen der immer schärferen Sanktionsspirale wirken sich auch auf heimische Branchen wie den Bankensektor, die Maschinenbauer oder die Automobilbranche aus.
Das Ausmaß der Besorgnis wurde am Freitag vor allem durch eine Stellungnahme europäischer Unternehmen in Russland deutlich. Die Regierungen sollten einen Weg zur Lösung des Ukraine-Konflikts finden, ohne der Wirtschaft zu schaden, forderte die Vereinigung Europäischer Unternehmen (AEB) in der russischen Hauptstadt Moskau. Der Verband sei aber weiterhin zuversichtlich, dass Russland trotz der Sanktionen ein strategischer Partner für Firmen aus Europa bleibe. In der AEB sind große europäische Firmen wie ABB, BMW, Siemens oder VW vertreten, die in Russland aktiv sind.
Der größte deutsche Erdöl-Produzent Wintershall will mögliche Auswirkungen der Sanktionen im politisch sensiblen Öl- und Gasgeschäft noch nicht bewerten. „Wir prüfen nun, ob diese Auswirkungen für Wintershall haben“, sagte ein Sprecher der BASF-Tochter. Von den bisherigen Sanktionen seit Anfang August sei Wintershall nicht unmittelbar betroffen gewesen. Der Konzern betreibt mit russischen Partnern eine Erdgasproduktion in Westsibirien und eine Erdölproduktion in der Nähe von Wolgograd. Der Verkauf des Gashandel- und Gasspeichergeschäfts an Gazprom ist so gut wie abgeschlossen und soll noch im Herbst vollzogen werden.
Experten zufolge sind gerade die Sanktionen im Finanzsektor schmerzhaft für Russland. „Auch wenn den Unternehmen dadurch keine unmittelbare Liquiditätskrise droht, werden die betroffenen Banken und Unternehmen insbesondere die stärkeren Beschränkungen bei ihrer kurzfristigen Refinanzierung schmerzlich spüren“, teilte Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes, am Freitag mit. Dass auch die neuen Sanktionen nicht ohne Folgen für die deutsche Wirtschaft bleiben, müsse dabei in Kauf genommen werden. „Das Entscheidungsprimat bleibt bei der Politik“, sagte Kemmer.
Die Russland-Exporte der deutschen Maschinenbauer sind bereits im ersten Halbjahr 2014 um ein Fünftel eingebrochen. Wie sich die Sanktionen im weiteren Jahresverlauf auswirken werden, sei zwar reine Spekulation, betont Monika Hollacher, Russland-Referentin beim Branchenverband VDMA. Aber: „Wenn die Sanktionen stark durchschlagen, tippen wir auf ein Minus unserer Exporte nach Russland von 35 Prozent auf 5 Milliarden Euro im Gesamtjahr.“

Die Deutsche Lufthansa hat zwar intern längst durchgerechnet, welche Auswirkungen ein russisches Überflugverbot auf Flugzeiten und den Kerosinverbrauch hätte, in der Öffentlichkeit will sich Deutschlands größte Airline aber dazu nicht äußern. „Wir beteiligen uns nicht an Spekulationen“, sagte ein Sprecher. Man setze darauf, dass es zu anderen Lösungen komme. Russlands Ministerpräsident Dmitri Medwedew hatte kürzlich ein Überflugverbot für Verkehrsflugzeuge aus dem Westen angedroht.
Für die deutschen Autobauer läuft es auch unabhängig von der politischen Lage auf dem russischen Markt derzeit nicht rund. Der Russland-Konflikt verschärft die bereits seit längerem bestehende Konjunkturschwäche. Der Konzernabsatz des größten europäischen Autobauers Volkswagen sank in Russland in den ersten acht Monaten des Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 12 Prozent, bei der Kernmarke VW-Pkw sind es sogar 18 Prozent Verlust. Zu den Sanktionen ließ der Konzern erklären: „Wir beobachten die Lage nach wie vor genau und hoffen auf eine baldige Lösung.“ Der russische Markt ist für VW allerdings lange nicht so bedeutend wie etwa China.
Bei BMW hinterlässt die Krise bereits seit einigen Monaten Spuren in den Absatzzahlen: In den ersten acht Monaten des Jahres verkaufte BMW in Russland knapp 25 000 Fahrzeuge und damit fast acht Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

Die neuen Sanktionen der USA gegen Russland belasten auch die Wall Street. Vor allem Energieaktien reagierten mit Kursverlusten auf die Strafmaßnahmen. Für einen Paukenschlag in einem ansonsten eher trägen Handel sorgten Marktgerüchte über einen angeblichen Einstieg von Google bei Ebay.
Im frühen New Yorker Nachmittagshandel lag der Dow-Jones-Index der Standardwerte 0,4 Prozent leichter bei 16.974 Punkten. Der breiter gefasste S&P-500 büßte 0,6 Prozent auf 1985 Zähler ein. Der Index der Technologiebörse Nasdaq sank 0,5 Prozent auf 4569 Punkte. Zuletzt hatten die amerikanischen Aktienmärkte bei schwachen Umsätzen nur geringe Ausschläge gezeigt.
Mangels anderer Impulse rückte die Ukraine-Krise wieder in den Vordergrund. Das US-Finanzministerium gab weitere Sanktionen gegen Russland bekannt. Russischen Banken soll der Zugang zu den US-Kredit- und Aktienmärkten erschwert werden. Betroffen sind ferner die Öl- und Rüstungsindustrie. An der Wall Street setzte dies insbesondere Energiewerte unter Druck. Der S&P-Branchenindex gab 1,2 Prozent nach. Exxon Mobil verloren 1,1 Prozent, Conoco Phillips 1,2 Prozent. "Der Markt verarbeitet die Sanktionen, und einige Leute benutzen dies als Entschuldigung für Verkäufe", sagte Anlagestratege John Traynor von People's United Wealth Management.
Klar im Rampenlicht standen jedoch Ebay -Aktien, die bei ungewöhnlich hohen Handelsumsätzen vorübergehend um 4,7 Prozent in die Höhe schossen. Händler verwiesen auf Marktgerüchte, wonach Google einen großen Anteil an dem Online-Händler kaufen könnte. Ebay erklärte daraufhin, es habe keine Gespräche mit Google über ein solches Vorhaben gegeben, und drückte damit den Kurs der eigenen Aktie wieder etwas. Im weiteren Handelsverlauf notierten Ebay nur noch 1,9 Prozent im Plus. Google gaben ein Prozent nach.
Einzelhandelstitel profitierten von steigenden Branchenumsätzen. So legten diese im August im Vergleich zum Vormonat erwartungsgemäß um 0,6 Prozent zu. Der Branchenindex von Morgan Stanley für die Einzelhändler kletterte um 0,7 Prozent. Best Buy zogen 3,3 Prozent an, Staples um drei Prozent.
Die Aktien des Autovermieters Hertz verteuerten sich um ein Prozent, nachdem der für sein aggressives Finanzgebaren bekannte Investor Carl Icahn seine Position im Unternehmen gestärkt hat. Icahn erhält nach seinem Einstieg bei Hertz dort nun drei Sitze im Verwaltungsrat. Investoren setzen darauf, dass Icahn den kriselnden Autovermieter wieder in die Spur bringt.
In Frankfurt schloss der Dax mit einem Minus von 0,4 Prozent bei 9651,13 Punkten. Für Nervosität unter den Anlegern sorgten das nahende Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands sowie die anstehende Sitzung der US-Notenbank Fed.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%