Schiefergas Wird Fracking für London jetzt zu einer echten Alternative?

Fracking auch in Großbritannien? Quelle: imago images

Versuche, in Großbritannien Schiefergas zu fördern, waren bislang wenig erfolgreich. Die Regierung in London scheint sich diese Form der Erdgasgewinnung nun aber offenzuhalten.

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In wenigen Tagen soll die britische Regierung ihre lange erwartete Energiestrategie vorstellen. Darin dürften ein weiterer Ausbau der Offshore-Windenergie und eine Wiederbelebung der Atomenergie prominent vorkommen. Denkbar ist auch ein erneuter Ausbau von Windkraftanlagen an Land, den die Regierung des damaligen Premiers David Cameron 2015 weitgehend gestoppt hat.

Aber könnte das Land auch damit beginnen, Erdgas zu fracken? Vor wenigen Tagen erlaubte die Regulierungsbehörde für Erdöl und Erdgas dem Öl- und Gasexplorationsunternehmen Cuadrilla Resources überraschend, seine zwei verbleibenden Test-Bohrlöcher im Nordwesten Englands ein Jahr länger als geplant offen zu halten.

Cuadrilla hatte 2011 begonnen, in England nach Schiefergasvorkommen zu suchen. Der Fracking-Testbetrieb in der Nähe der Stadt Preston verursachte jedoch allein im Jahr 2019 mehr als 120 kleinere Erdbeben. Nach einem Beben der Stärke 2,9 stoppten die Behörden den Testbetrieb. Das Thema Fracking war seitdem in Großbritannien eigentlich vom Tisch. Cuadrilla sollte seine Test-Bohrlöcher bis Juni dieses Jahres zubetonieren. Doch nun darf das Unternehmen ein Jahr länger als gedacht prüfen, ob doch noch ein sicherer Fracking-Betrieb möglich wäre.

Dabei ist umstritten, wie groß die potentiellen Schiefergasreserven in England, Schottland und Wales überhaupt sind. Großbritannien verbraucht derzeit im Jahr zwischen 70 und 80 Milliarden Kubikmeter Erdgas für die Stromgewinnung und zum Heizen der Privathaushalte. Der Großteil davon stammt von britischen und norwegischen Öl- und Gasfeldern in der Nordsee. Laut der Regierung in London kamen 2021 weniger als vier Prozent des in Großbritannien genutzten Erdgases aus Russland.

Der Anteil des in der Nordsee gewonnenen britischen Erdgases geht jedoch seit einem Produktionshoch im Jahr 2000 stetig zurück. Daher wird seit einigen Jahren untersucht, wo es an Land größere Vorkommen an Schiefergas geben könnte, die durch Fracking gewonnen werden könnten. 2013 schätzte das British Geological Survey, dass es in der Region Bowland-Hodder womöglich zwischen 23,3 and 64,6 Billionen Kubikmeter Schiefergas gäbe. In einer weiteren Analyse 2019 wurde diese Schätzung jedoch stark heruntergeschraubt: auf lediglich 4 Billionen Kubikmeter.

Der Industrieverband „UK Onshore Oil and Gas“ kam 2020 in einer erwartungsgemäß wohlwollenden Studie zu dem Schluss, dass Fracking in Großbritannien bis 2050 zwischen 90 und 330 Billionen Kubikmeter Gas erzeugen könnte, was zwischen 17 bis 22 Prozent des Bedarfs in diesem Zeitraum entspräche. Doch selbst die Verfasser der Studie räumten ein, dass diese Zahlen nur auf Schätzungen basierten und nicht auf der Basis nachgewiesener Reserven erstellt wurden.

Innerhalb der Bevölkerung gibt es nur wenig Unterstützung für das Fracking. Laut einer Umfrage im vergangenen Herbst sprechen sich nur 17 Prozent der britischen Bevölkerung dafür aus. Auch innerhalb der Regierung von Premier Boris Johnson und innerhalb der Tory-Partei hält sich die Unterstützung dafür in Grenzen.

Angesichts der Energie-Kapriolen im Zuge der westlichen Sanktionen gegen Russland ordnete Londons Regierung am 5. April eine Prüfung der Gewinnung von in Gestein eingeschlossenem Erdgas an. Alle Möglichkeiten zur Energieversorgung müssten angesichts der explodierenden Preise für Gas und Öl untersucht werden, erklärte Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng. Kürzlich hatte auch Greg Hands, Staatsminister im Wirtschaftsministerium, dazu vor dem Parlament in London erst verlauten lassen, dass sich das Land angesichts des Ukrainekrieges „alle Energieoptionen offenhalten“ müsse. Schiefergas „könnte Teil unseres zukünftigen Energiemixes werden“, sagte Hands. Aber die Regierung werde sich den Empfehlungen der Wissenschaft unterordnen und auf die Wünsche der Menschen vor Ort Rücksicht nehmen. Und Hands räumte ein: „Schiefergas ist keine Lösung für kurzfristige Probleme.“ Es würde Jahre dauern, bis kommerziell relevante Mengen gefördert werden könnten.

Michael Gove, Minister für Wohnungswesen, Gemeinden und Kommunalverwaltung und ein enger Vertrauter von Premier Johnson, sagte, er sei vom Fracking in Großbritannien nicht überzeugt. Gove bezeichnete Russlands Herrscher Wladimir Putin als einen „Schieber“, der versuche, die Abhängigkeit des Westens von Erdgas und Erdöl aufrecht zu erhalten. „Die einzige Möglichkeit, sich von dieser Sucht zu befreien, besteht darin, die Energiequellen, die wir haben, zu diversifizieren“, sagte Gove. Und das gehe nur über den Ausbau erneuerbarer Energien.

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Einige Experten weisen zudem darauf hin, dass sich Fracking in Großbritannien aus geologischen Gründen nicht anbiete. Jon Gluyas, Direktor des Durham Energieinstituts an der Universität Durham, schrieb dazu kürzlich: „Wir haben, unverblümt gesagt, die falsche Art von Schiefergestein.“ Dieses sei in Großbritannien zu weich und eigne sich nicht dafür, aufgebrochen zu werden. Es gebe in Großbritannien auch nur sehr kleine geologische Becken mit Schiefergas, fügte Gluyas. „Unsere Insel ist auch zu dicht bevölkert, um tausende von Löchern zu bohren, um eine Schiefergas-Industrie aufrecht zu erhalten.“ Großbritannien wäre besser damit gedient, beispielsweise Geothermalenergiequellen für die Energiegewinnung zu nutzen.

Wirkliche Unterstützung für das Fracking kommt in Großbritannien nur vom rechten Rand. Von Nigel Farage etwa, dem Rechtspopulisten und einstigen Brexit-Vorkämpfer. Der hat es sich vor kurzen auf die Fahne geschrieben, das Land von seinem Kurs in Richtung Klimaneutralität abzubringen und fordert ein Referendum dazu. Dasselbe Ziel verfolgt auch eine Gruppe von Tory-Abgeordneten, die sich kürzlich zur „Net Zero Scrutiny Group“ zusammengetan hat. Auch dort wird das Fracking erwartungsgemäß begrüßt. Viele Mitglieder der Gruppe haben sich in den vergangenen Jahren schon als führende Brexit-Hardliner hervorgetan und als Gegner sämtlicher Covid-Maßnahmen. Einer von ihnen ist der Abgeordnete Steve Baker, der enge Verbindungen zur „Global Warming Policy Foundation“ unterhält, einem rechten Thinktank, dem Klimawandelleugnung vorgeworfen wird.

Der ehemalige UN-Generalsekretär Ban Ki-moon riet Großbritannien kürzlich, es mit dem Fracken bleiben zu lassen. Ban ist heute der Vizevorsitzende der Gruppe „The Elders“, der ehemalige Staats- und Regierungschefs und einflussreiche öffentliche Figuren angehören. Er erklärte, dass Staaten sich infolge der Energiekrise und als Antwort auf den Ukrainekrieg erneuerbaren Energien zuwenden und nicht zu fossilen Brennstoffen zurückkehren sollten.

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Fracking sei „keine gute Idee“, sagte Ban. „Es ist ein sehr kurzfristiger Gewinn, der das langfristige Interesse der Menschheit verlieren wird. Ich hoffe, die Politiker haben eine langfristigere Vision zum Wohle der ganzen Welt.“

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