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Schottische Unabhängigkeit Großbritannien vor dem Zerfall

Erstmals haben die Befürworter einer schottischen Unabhängigkeit eine Mehrheit. Die europakritischen Briten bangen um die Einheit und umwerben Schottland – ausgerechnet mit Verweis auf die Vorzüge der Europäischen Union.

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Ein Mädchen hüllt sich in die schottische Flagge ein: Die Schotten stimmen am 18. September 2014 über ihre Unabhängigkeit von Großbritannien ab. Quelle: dpa

Schottland bleibt im Königreich – davon war zumindest bis vor wenigen Tagen auszugehen. Dann, zehn Tage vor dem Referendum, der Umschwung. Das ergab zumindest eine Umfrage im Auftrag der Wochenzeitung „Sunday Times“. Danach waren 51 Prozent der Schotten dafür, sich vom Vereinigten Königreich zu trennen. Eine Grafik auf der Website whatscotlandthinks.org zeigt, wie die Stimmung gekippt ist.

Das Ergebnis schockt die Briten. Königin Elizabeth II. hält sich derzeit in ihrer schottischen Residenz auf und will laut „Sunday Times“ laufend informiert werden.

Die Zahl der Befürworter und Gegner der schottischen Unabhängigkeit in Prozent – aufbereitet von whatscotlandthinks.org. Quelle: whatscotlandthinks.org

Eine Abspaltung würde zwar nicht den Sommersitz der Queen in Schottland gefährden - es bliebe aber offen, was mit den strategisch wichtigen Stützpunkten der britischen Flotte und den Atomwaffen in Schottland geschieht. So pocht die Scottish National Party (SNP) darauf, dass die britischen Nuklear-U-Boote, die derzeit in der Nähe Glasgows liegen, aus dem Land geschafft werden.

Drohungen und Offerten

„Das wäre natürlich ein praktisches Problem für die Briten“, sagt Frank Lorenz Müller. Er ist Historiker an der Universität von St. Andrews in Schottland. Seit 2002 lebt der Deutsche in Schottland. Er selbst wird am 18. September gegen die Unabhängigkeit stimmen. Er sagt: „Aber die politische Niederlage für Großbritannien wäre noch viel gewaltiger. Es sieht nie gut aus, wenn einem das Land unter den Händen wegbröckelt.“ Besonders nicht nach einer über 300-jährigen Union.

Um möglichst viele Schotten zu einem Nein zur Unabhängigkeit zu bewegen, versuchten die Briten es jüngst neben Drohungen auch mit Offerten. In der ersten Fernsehdebatte hatte der frühere Labour-Minister Alistair Darling, Leider der Unionisten-Kampagne „Better Together“ gedroht, im Falle einer schottischen Unabhängigkeit verlören die Schotten den Pfund. Das bekräftigte laut „Independent“ am Montag der britische Schatzmeister George Osborne.

Was die Briten an der EU stört
Nationale IdentitätAls ehemalige Weltmacht ist Großbritanniens Politik noch immer auf Führung ausgelegt. London ist gewohnt, die Linie vorzugeben, statt sich mühsam auf die Suche nach Kompromissen zu begeben. „London denkt viel mehr global als europäisch“, sagt Katinka Barysch, Chefökonomin beim Centre for European Reform in London. Die Angst, von EU-Partnern aus dem Süden Europas noch tiefer in die ohnehin schon tiefe Krise gezogen zu werden, schürt zusätzliche Aversionen. Quelle: dpa
Finanztransaktionssteuer und Co.Die Londoner City ist trotz massiven Schrumpfkurses noch immer die Lebensader der britischen Wirtschaft. Großbritannien fühlt sich von Regulierungen, die in Brüssel ersonnen wurden, aber die City treffen, regelrecht bedroht. „Regulierungen etwa für Hedgefonds oder die Finanztransaktionssteuer treffen London viel mehr als jeden anderen in Europa“, sagt Barysch. Allerdings hatte die Londoner City in der Finanzkrise auch mehr Schaden angerichtet als andere Finanzplätze. Quelle: dpa
Regulierungen des ArbeitsmarktsGroßbritannien ist eines der am meisten deregulierten Länder Europas. Strenge Auflagen aus Brüssel, etwa bei Arbeitszeitvorgaben, stoßen auf wenig Verständnis auf der Insel. „Lasst uns so hart arbeiten wie wir wollen“, heißt es aus konservativen Kreisen. Quelle: dapd
EU-BürokratieDie Euroskeptiker unter den Briten halten die Bürokratie in Brüssel für ein wesentliches Wachstumshemmnis. Anti-Europäer in London glauben, dass Großbritannien bilaterale Handelsabkommen mit aufstrebenden Handelspartnern in aller Welt viel schneller aushandeln könne als der Block der 27. Die Euroskeptiker fordern auch, dass der Sitz des Europaparlaments in Straßburg (hier im Bild) abgeschafft wird und die Abgeordneten nur noch in Brüssel tagen. Quelle: dpa
MedienDie britische Presse ist fast durchgehend europafeindlich und prägt das Bild der EU auf der Insel. Das hat auch politische Wirkung. „Ich muss meinen Kollegen in Brüssel dauernd sagen, sie sollen nicht den 'Daily Express' lesen“, zitiert die „Financial Times“ einen britischen Minister. Quelle: dpa

Gleichzeitig versuchte Osborne die Schotten mit „the best of both worlds“ zu umgarnen – dem Besten aus beiden Welten. Damit meint er die „schottische Selbstverwaltung“ und „Sicherheit durch den Verbleib im Vereinigten Königreich“.

Osborne kündigte an, im Falle eines Neins zur Unabhängigkeit bekämen die Schotten mehr Handhabe in Sachen Steuer-, Haushalts- und Sozialpolitik. Zudem, so zitiert ihn die „Sunday Times“, solle es einen konkreten Zeitplan zur Umsetzung dieser Maßnahmen geben.

Auf Seiten der Konservativen spricht neben Osborne Großbritanniens Premierminister David Cameron von den Vorteilen der Stabilität der Europäischen Union für Schottland. „Cameron will sich nicht als Verteidiger der Europäischen Union darstellen“, sagt Müller. „Innerhalb der Konservativen gehört er aber dennoch zum gemäßigten Flügel, zu denen, die die Mitgliedschaft Großbritanniens in der EU beibehalten wollen – unter verbesserten Bedingungen.“

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