Schriftsteller Nikos Dimou "Tsipras verkörpert die Hoffnung auf Veränderung"

Der griechische Schriftsteller und Philosoph Nikos Dimou über das Feindbild Deutschland, die Gefahr eines Gottesstaats und das verheerende Verschwinden der politischen Mitte.

Dimou, 79. Quelle: LAIF

WirtschaftsWoche Online: Herr Dimou, hat der griechische Premier Antonis Samaras bei der Wahl noch irgendeine Chance?
Dimou: Ich gehe davon aus, dass Alexis Tsipras gewinnen wird. Er hofft ja auf eine absolute Mehrheit für seine Syriza. Falls er die nicht erreicht, setzt er auf eine Koalition mit ANEL, den „unabhängigen Griechen“. Seine ultralinke Partei würde dann mit einer ultrarechten zusammenarbeiten, eine absurde Konstellation. Die beiden verbindet ihr großer Hass auf die mit der Troika vereinbarten Reformabkommen. Viele Griechen machen diese Vereinbarungen für die Krise verantwortlich, statt zu begreifen, dass sie eine Folge, eine Konsequenz der Krise waren. Sie glauben, würden diese Abkommen abgeschafft, werde alles wieder beim Alten sein.

Wo sich die Schuldensünder der Euro-Zone verbessert haben

Tsipras hat das ja oft genug suggeriert...
...und damit den Eindruck erweckt, er werde auf eine völlig neue Art mit den Geldgebern verhandeln und nur mit Angela Merkel persönlich sprechen, statt mit den Beamten aus der EU-Kommission und dem Internationalen Währungsfonds. Insgesamt ist er aber schon viel sanfter geworden. Er spricht nicht mehr davon, dass er als neuer Regierungschef binnen 24 Stunden alle 4000 Entscheidungen annullieren würde, die seit 2010 auf Druck der Troika getroffen worden sind.

Keiner merkt, dass die versprochenen Wohltaten nicht zu finanzieren sind?
Nach einer so langen Zeit der Demütigung und Depression greifen die Leute nach jeder Hoffnung. Die Parteien, die bisher regiert haben, sind furchtbar verbraucht. Ich kenne niemand, der die Nea Dimokratia wählt, weil er ein enthusiastischer Anhänger von Samaras wäre. Die Leute wählen die Nea Dimokratia aus purer Angst, weil sie sicherer scheint als die Alternative.

So viel Geld brauchen Krisenländer 2014
Jon Serrano aus Spanien könnte schon bald ins hessische Bad Homburg umsiedeln. Wenn sein Praktikum weiterhin so gut läuft, winkt ihm eine Lehre in einem Sanitärbetrieb. Wie Jon geht es vielen jungen Spaniern. Arbeit finden sie leichter im Ausland. Die Lage im eigenen Land entspannt sich dagegen nur langsam. Zwar war die Anzahl der Arbeitssuchenden zuletzt um mehr als 100.000 zurückgegangen, doch seien laut Behörden immer noch 4,7 Millionen Spanier ohne Job. Neben der Situation am Arbeitsmarkt machen auch notleidende Kredite Spaniens Banken weiter zu schaffen: Wie die Zentralbank noch im Herbst mitteilte, belaufen sich die Problemkredite auf wertlose Immobilien mittlerweile auf rund 180 Milliarden Euro. Dennoch will es Spanien ab jetzt alleine schaffen: Regierungschef Marian Rajoy hatte zuletzt noch einmal bekräftigt, dass sein Land keine weiteren EU-Hilfen mehr beantragen werde. Rund 1,3 Billionen Euro hält Spanien derzeit an Verbindlichkeiten in Form von Staatspapieren, ungefähr so viel, wie das Land jährlich erwirtschaftet. Rund 189 Milliarden konnte das Land dabei 2013 von Investoren einsammeln, 230 Milliarden muss es in 2014 refinanzieren. Quelle: dpa
Auch die Ratingagenturen sind von der Reformwilligkeit der Spanier mittlerweile überzeugt und sehen Licht am Ende des Tunnels. Zwar beließen die großen Agenturen mit Baa3 (Moody's) und BBB- (Standard & Poor's) ihr Rating an der unteren Schwelle des Investment-Grades. Weil sich die mittelfristigen Aussichten für die Wirtschaft aber verbessert hätten, korrigierten beide Agenturen ihren Ausblick von „negativ“ auf „stabil“. Dass Investoren langsam aber sicher das Vertrauen in die Krisenstaaten zurückgewinnen, spiegelt sich auch an den gesunkenen Renditen auf Staatsanleihen wieder. Während auf dem Höhepunkt der Angst, im Juli 2012, Anleger für spanische Zehnjahresbonds noch 7,62 Prozent Rendite forderten, genügt ihnen heute die Hälfte. Damit kann sich Spanien gerade günstiger refinanzieren als Anfang 2010. Quelle: dpa
Tausende Pilger aus aller Welt kamen in diesem Jahr nach Rom, um den neuen Papst Franziskus zu sehen. Außer dem Kirchenoberhaupt hat es 2013 noch so manch andere Neuerung in Italien gegeben. Im April etwa löste der Demokrat Enrico Letta den Wirtschaftsprofessor und Interimspremier Mario Monti an der Regierung ab. Vorangegangen war ein zäher Kampf mit dem populistischen „Volk der Freiheit“, Partei des europäischen Dauerquerulanten Silvio Berlusconi. Trotz der politischen Stabilität, sehen die Ratingagenturen Standard & Poor's (S&P) und Moody's Italien weiterhin nur als durchschnittlich gute Anlage (BBB bzw. Baa2), Ausblick: „negativ“. Zu wenig sei bislang bei den Sparanstrengungen rumgekommen, lautet die Kritik. Auch die notleidenden Kredite könnten 2014 ein großes Problem für Italiens Banken werden. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen stünden weiter unter Druck. Eine Entspannung bei den Kreditforderungen der Banken in Höhe von etwa 144,5 Milliarden Euro könnte längere Zeit in Anspruch nehmen. Quelle: REUTERS
Rund 2,3 Billionen Euro schuldet der Stiefelstaat den Gläubigern am Kapitalmarkt – das sind rund 200 Milliarden mehr als die Italiener 2013 erwirtschaftet haben. Doch die hohen Verbindlichkeiten können Investoren nicht abschrecken, wieder mehr in Italien zu investieren: 363 Milliarden Euro konnte die Regierung in Rom 2013 einsammeln, rund 100 Milliarden Euro mehr wird sie 2014 brauchen, um fällige Verbindlichkeiten zu bedienen. Doch auch das sollte gelingen. So stehen die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen derzeit mit 3,9 Prozent so hoch wie im Mai 2010. Höchststände von mehr als sieben Prozent im November 2011 scheinen weit weg. Quelle: dpa
Seit die Finanzkrise Portugal traf, ist die Lissaboner Innenstadt abends oft menschenleer. Viele Geschäfte haben geschlossen, Wohnungen stehen leer. Die Reformen, die das Zehn-Millionen-Einwohner-Land zu schultern hat, verlangen den Bürgern einiges ab. Denn um den Haushalt auf eine schwarze Null zu bringen, gingen unter anderem Arbeitsplätze in der öffentlichen Verwaltung flöten, Löhne und Renten wurden gekürzt. Seit Mitte 2013 scheinen die Reformen jedoch Wirkung zu zeigen. Der Industrie geht es besser, die Exporte ziehen langsam aber sicher wieder an. Tatsächlich muss es Portugal ab dem Sommer wieder alleine schaffen. Dann nämlich läuft das dreijährige EU-Hilfsprogramm aus, im Rahmen dessen Portugal insgesamt 78 Milliarden Euro erhalten hat. Erst am Freitag hatte die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) ihren Ausblick von langfristig negativ auf einfach negativ geändert. An der eigentlichen Bonitätsbewertung BB (Non-Investment-Grade) hat sich allerdings nichts getan. S&P begründen ihre bleibende Skepsis damit, dass das oberste Gericht im Lande immer noch das Reformpaket von Ministerpräsident Pedro Passos Coelho kippen könnte. Quelle: dpa
Aller Skepsis zum Trotz sind Portugal-Anleihen bei Investoren wieder gefragt. Die Rendite für zehnjährige Papiere lag zuletzt mit 5,38 Prozent so niedrig wie im Juli 2010. Die Chance ist da, dass Portugal die rund 58 Milliarden Euro einsammeln kann, die 2014 fällig werden. Selbst 2013 konnte das gebeutelte Land etwa 16,6 Milliarden Euro an den Märkten aufnehmen. Insgesamt liegen die portugiesischen Verbindlichkeiten an Investoren mit rund 150 Milliarden Euro etwa 10 Prozent niedriger als das Bruttoinlandsprodukt. Quelle: dpa
Sanfte Töne aus Irlands Hauptstadt Dublin: Im Dezember hatte der EU-Musterschüler offiziell den EU-Rettungsschirm verlassen. Irland war vor drei Jahren das erste Euro-Land, das bei den europäischen Partnern um Notkredite bitten musste – insgesamt 67,5 Milliarden Euro waren seither geflossen. Mit fast 350 Milliarden Euro hatte es sein aufgeblähtes Bankensystem vor dem Untergang retten müssen. Künftig will sich das Land wieder allein über die Kapitalmärkte finanzieren. Die Ratingagentur Moody´s allerdings bewertet Irland immer noch als Ramsch (Ba1). Es bleibe die Sorge, dass die Regierung die zugesagte Summe von 64 Milliarden Euro für die Unterstützung der maroden Banken wird aufstocken müssen. Allerdings hofft man auf der grünen Insel, dass Moody's es eher früher als später den anderen beiden Ratingagenturen, Standard & Poor's und Fitch, gleichtut und Irland wieder Investment-Grade-Status zuspricht. Der Nachfrage nach Irland-Anleihen könnte das einen Schub verleihen: Denn mit einem Junk-Rating hat Irland keinen Zugang zu den Investoren, die nur Investment-Grade-Papiere kaufen dürfen. Quelle: AP

Was begeistert die Menschen an Tsipras?
Er hat etwas, das keiner seiner Konkurrenten hat: Charisma. Außerdem ist er jung, es gab in Griechenland nie einen so jungen Politiker, der die Chance hat, Ministerpräsident zu werden. Die anderen waren meist über 60. Und Tsipras verkörpert die Hoffnung auf Veränderung. Die Leute wissen ganz genau, was sie erwartet, wenn die Situation so wie heute bleibt. Das wollen sie nicht.

Blenden die Menschen aus, dass sich die Lage verschlechtern könnte?
Ich höre sehr oft den Satz: Schlimmer als jetzt kann es nicht mehr werden. Das ist natürlich falsch, denn es kann viel schlimmer kommen. Wenn wir den Euro gegen eine Drachme tauschen, die alle paar Wochen an Wert verliert, dann werden Importe unbezahlbar. Wir werden kaum Benzin haben und selbst kein Brot, denn wir importieren einen großen Teil des Getreides. Vielen ist nicht bewusst, dass wir eine Krise haben, weil wir zu wenig produzieren und exportieren. 80 Prozent der Summe, die wir jetzt den internationalen Gläubigern schulden, gehen darauf zurück, dass wir unsere Importe nicht bezahlen konnten.

Griechenlands Schwächen

Tsipras hat angekündigt, gegen Oligarchen vorzugehen und alte Strukturen aufzubrechen. Wie glaubwürdig ist das?
Es gibt in Griechenland ungefähr zehn Oligarchen mit großem Einfluss. Wenn er glaubt, deren Vermögen konfiszieren zu können, um das Geld der Reichen an die Armen zu verteilen, dann ist es die klassische kommunistische Illusion.

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