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Schuldenkrise Dem Euro hilft nur noch Plan B

Die Länder der Währungsunion driften immer stärker auseinander, auch der Streit um den richtigen Kurs in der Euro-Rettung spitzt sich zu. Ein Zerbrechen der Währungsunion ist nicht mehr auszuschließen. Die Rückkehr zu nationalen Währungen oder die Bildung einer Kernunion wäre die beste Lösung.

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Die Rückseite einer deutschen Ein-Euro-Münze Quelle: dpa

Unter griechischen Hoteliers herrscht seit Tagen helle Aufregung. Anfang des Monats erhielten sie ein Schreiben von Tochtergesellschaften des Touristikkonzerns TUI. Darin fordert der Reisekonzern sie auf, einen neuen Vertrag zu unterschreiben, durch den sich die TUI gegen das Risiko einer Rückkehr Griechenlands zur Drachme absichert. „Wenn der Euro nicht mehr die Währung sein sollte“, heißt es in dem Schreiben, „ist die TUI berechtigt, die Geldsumme in der neuen Währung zu bezahlen.“

Bei TUI wiegelt man ab, es handele sich bei der Währungsklausel um ein ganz normales Vorgehen, das auch anderswo üblich sei. Doch der Fall zeigt: Die ersten Unternehmen stellen sich bereits darauf ein, dass die Europäische Währungsunion auseinanderbricht.

Erschreckendes Signal

Die Sorge ist begründet. Selbst in der Bundesregierung denkt man laut über einen Austritt Griechenlands nach. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sagte, die Bundesregierung wäre eine „grauslige Regierung, wenn sie nicht auch darüber nachdenken würde, was sie macht, wenn es schiefgeht“. Und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer hält es für ein Märchen, „dass der Euro oder gar die Europäische Union nicht mehr weiterleben würden, wenn sich ein Land wie Griechenland für den Austritt entscheiden würde“.

Keine Wetten

Auch an den Finanzmärkten mag niemand mehr darauf wetten, dass Athen noch lange in der Euro-Zone bleibt. Stünde nur Griechenland auf der Kippe, würden die Märkte das wohl mit einem Achselzucken zur Kenntnis nehmen. Doch der Krisenvirus hat längst auf Italien, Spanien und selbst auf Frankreich übergegriffen. Die Risikoprämien für die Staatsanleihen dieser Länder kletterten in der vergangenen Woche auf über beziehungsweise knapp unter sieben Prozent. Für die Chefs der Übergangsregierungen in Griechenland und Italien ist das ein erschreckendes Signal: Sowohl der frühere Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Lucas Papademos, als auch der frühere EU-Kommissar Mario Monti haben auf den Märkten keinen Kredit.

Das Misstrauen gegenüber der Währungsunion ist so groß, dass selbst der Euro- Rettungsfonds EFSF keinen Investor findet, der bereit ist, sein Geld in Rettungsaktionen zu stecken. Ihre eigenen Anleihen musste die EFSF bei der jüngsten Auktion anbieten wie sauer Bier – und 3,6 Prozent Zinsen zahlen, doppelt so viel wie die Bundesregierung für ihre zehnjährigen Anleihen.

In Bankerkreisen heißt es, selbst die Emission gemeinschaftlich verbürgter Euro-Bonds könnte die Märkte nicht mehr beruhigen. Zu groß ist der Vertrauensverlust in die Politik. Für den Wirtschaftshistoriker Hans-Joachim Voth von der spanischen Eliteuni Pompeu Fabra in Barcelona ist die Zeit für den Euro abgelaufen. Die Politiker, so Voth, müssten jetzt das Undenkbare denken: „Wie kann ein Rückbau des Euro so ausgestaltet werden, dass den verlorenen Milliarden nicht noch mehr hinterhergeworfen werden?“

Dass die Euro-Krise sich dermaßen beschleunigt, hat selbst Voth überrascht. „Vor ein paar Wochen hätte ich dem Euro noch fünf Jahre gegeben, jetzt würde es mich nicht überraschen, wenn die Währungsunion in den nächsten sechs Monaten platzt“, sagt der in Oxford ausgebildete Ökonom.

Politische Utopie

Eine Touristin fotografiert den Parthenon-Tempel auf der Akropolis in Athen Quelle: dpa

Die Investoren erkennen, dass die Währungsunion auf einer politischen Utopie beruht, der das ökonomische Fundament fehlt. Von Anfang an betrachteten die Regierungen den Euro als Vehikel, um die politische Einigung voranzutreiben. Warnungen, vor der Einführung einer gemeinsamen Währung müsse man zunächst die wirtschaftliche Konvergenz vollenden, schlugen sie in den Wind.

Dabei hatten Ökonomen schon in den Sechzigerjahren Kriterien entwickelt, um zu beurteilen, welchen Sinn es macht, mehrere Länder unter dem Dach einer gemeinsamen Währung zusammenzufassen. Das Ergebnis: Für einen optimalen Währungsraum ist entscheidend, dass die Löhne flexibel und die Arbeitskräfte mobil sind. Nur so kann das wegfallende Wechselkursscharnier ausgeglichen werden. Zudem müssen Güterhandel und Kapitalverkehr der Länder eng miteinander verflochten sein, damit sich der Wegfall des Wechselkursrisikos als Vorteil erweist. Wichtig ist zudem, dass die Länder eine diversifizierte Branchenstruktur besitzen, damit sie nicht gleich auf Abwertungen angewiesen sind, wenn es einer Branche schlecht geht. Essenziell ist außerdem, dass die beteiligten Länder die gleiche wirtschaftspolitische Strategie verfolgen.

Monostrukturierte Länder sind überfordert

Gemessen daran ist die Euro-Zone kein optimaler Währungsraum. So sind die Löhne in den meisten Ländern durch Tarifverträge und staatliche Lohnersatzzahlungen nach unten starr. Studien der EZB zeigen, dass nach der Lehman-Pleite zwar ein Drittel der Unternehmen die Löhne einfroren. Doch nur zwei Prozent kürzten die Gehälter. „Wo menschliche Arbeitskraft nicht mehr wie Tomaten gehandelt wird, kommen Volkswirtschaften nicht ohne den Anpassungsmechanismus Wechselkurs aus“, konstatiert Voth.

Dazu kommt: Griechenland hat außer Tourismus, landwirtschaftlichen Produkten und Reedereien nicht viel zu bieten. Irlands Wirtschaft hängt von der Finanz- sowie der Bauwirtschaft ab, in Spanien geben Bau und Tourismus den Ton an. Solche monostrukturierten Länder überfordert die Mitgliedschaft in der Währungsunion.

Doch das wohl größte Problem ist, dass es den Ländern der Währungsunion an einem gemeinsamen Konsens in der Wirtschaftspolitik fehlt. Jahrzehntelang waren die Länder im Süden gewöhnt, ihre Verteilungskonflikte durch steigende Staatsausgaben, kräftige Lohnerhöhungen, Inflation und Abwertung zu lösen. In den Ländern des Nordens, dem ehemaligen D-Mark-Block, dagegen dominierte eine Stabilitätsphilosophie, die in einem ausgeglichenen Staatshaushalt, niedriger Inflation und moderaten Lohnzuwächsen den geeigneten Weg zu mehr Wohlstand sieht.

Diese Unterschiede entladen sich nun im Konflikt um den richtigen Kurs in der Euro-Rettung. Während Bundesregierung und Bundesbank darauf pochen, dass die EZB ihre Käufe von Staatsanleihen der Krisenländer zurückfährt und die Regierungen ihren Spar- und Reformkurs verschärfen, trommeln Franzosen, Portugiesen und Italiener vehement für eine Ausweitung der Anleihekäufe der EZB. „Wir betrachten die EZB als ein wichtiges Element der Antwort auf diese Krise“, sagt Frankreichs Finanzminister François Baroin.

Abgestempelte Euro-Scheine

Vor dem G20-Gipfel in Cannes am 2.11.2011: Krisensitzung im Fall Griechenland Quelle: dpa

Setzen sich die Spannungen fort, muss sich die EZB entscheiden: Doch wozu sie sich auch entschließt, den Euro wird sie nicht mehr retten können.

Verweigert die EZB den Kauf von Staatsanleihen in großem Stil, erhalten die Krisenländer kein frisches Geld. Die Mittel aus dem Rettungsfonds EFSF von insgesamt 440 Milliarden Euro reichen nicht, um Rettungsaktionen für alle Länder zu finanzieren, zumal allein Italien im nächsten Jahr neue Kredite von über 370 Milliarden Euro benötigt. Bekommen die Krisenländer kein Geld, endet die Währungsunion im kollektiven Staatsbankrott.

Neuer Hartwährungsblock

Dann müssen die Euro-Länder in Windeseile zu nationalen Währungen zurückkehren und sich übergangsweise mit abgestempelten Euro-Scheinen behelfen, bis neue Münzen und Scheine fabriziert sind. Ein solch eruptives Auseinanderbrechen der Euro-Zone dürfte die Finanzmärkte ins Chaos stürzen, Banken brächen zusammen, der Welthandel geriete ins Stocken, die Weltwirtschaft stürzte in die Rezession.

Um die Kapitalflucht aus den Weichwährungsländern in die Hartwährungsländer zu stoppen, müssten vorübergehend umfangreiche Kapitalverkehrskontrollen verhängt werden. Mittelfristig bildete sich wieder ein Hartwährungsblock um Deutschland, dem neben den Niederlanden Luxemburg, Dänemark, Österreich und Finnland angehören dürften. Frankreich und die anderen Länder blieben außen vor.

Knickt die EZB dagegen ein und kauft Staatsanleihen der Krisenländer in großem Stil, dürften die Märkte zunächst jubeln. In der Bundesbank und der Bundesregierung aber nähme der Widerstand gegen das Anwerfen der Notenpresse zu.

Die von der EZB künstlich nach unten gedrückten Zinsen würden die Sparanstrengungen der Krisenländer erlahmen lassen. Um deren Zinsen nicht wieder nach oben schießen zu lassen, wäre die EZB zu Dauerinterventionen gezwungen. Dann aber dürfte es ihr nicht mehr gelingen, die großen Volumina an Zentralbankgeld abzuschöpfen, die sie mit ihren Käufen in den Bankensektor pumpt. Folge: Die Liquidität treibt die Verbraucherpreise spätestens im nächsten Aufschwung in die Höhe.

Raus aus der EU, rein in die EU

Der Widerstand der Bevölkerung in den Nordländern gegen die Euro-Inflation dürfte dann schnell größer werden. Unter dem Druck radikaler populistischer Parteien von rechts und links, die bei den Wahlen hohe Stimmanteile gewinnen, könnten sich die stabilitätsorientierten Länder gezwungen sehen, die Währungsunion zu verlassen. Zwar gibt es derzeit rechtlich keinen Weg, der Euro-Zone Adieu zu sagen, ohne zugleich die EU-Mitgliedschaft aufzukündigen. Ansgar Belke, Währungsexperte an der Universität Essen-Duisburg, hält es jedoch für möglich, dass sich ein Hartwährungskern um Deutschland entschließt, die EU und die Euro-Zone zu verlassen, um danach sofort wieder der EU beizutreten.

Um einen Run auf die Banken zu verhindern, müsste eine Kernunion durch Geheimverhandlungen aller beteiligten Staaten vorbereitet werden. „Bevölkerung und Märkte müssen von der Entscheidung überrascht werden, dafür bieten sich Wochenenden oder Feiertage wie das Weihnachtsfest an“, sagt Voth, der darauf hinweist, dass in der Vergangenheit alle Währungsreformen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion über die Bühne gegangen sind.

Kern-Euro

Euromünzen fallen aus Händen Quelle: AP

Sogar den Euro könnte man bei diesem Coup erhalten, allerdings nur als Währung für den kleinen Kreis der Kernländer, zu denen Deutschland, die Niederlande, Österreich, Finnland und Luxemburg gehören. Später könnten sich stabilitätsorientierte Länder wie Dänemark, Schweden oder Estland anschließen. Die große Frage ist, was mit Frankreich passiert. Zwar gehört das Land angesichts seiner geldpolitischen Tradition nicht zu den Stabilitätsländern. Manfred Neumann, Währungsexperte von der Uni Bonn, hält die Mitgliedschaft Frankreichs aber aus europapolitischen Gründen für erforderlich. „Wäre Frankreich nicht in der Union, könnte das zu einer Zerreißprobe für die europäische Politik führen.“

Um den Krisenländern des Südens die Scheidung vom Euro schmackhaft zu machen, müsste man ihnen anbieten, ihre Banken, die bei der Sezession unter die Räder zu kommen drohen, mit Hilfsgeldern zu rekapitalisieren. „Man sollte solche Hilfen allerdings auf die systemrelevanten Institute beschränken und im Gegenzug verlangen, dass sie durch Einführung des Trennbankensystems zerschlagen werden“, sagt Voth.

Zudem wäre es ratsam, den Krisenländern anzubieten, ihre Währungen nach einer kräftigen Abwertung, die ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit wieder herstellt, an den Kern-Euro anzudocken. Als Vorbild könnte dabei das Europäische Währungssystem dienen, in dem die Währungen der EU-Länder von 1979 bis 1998 in einer festen, aber anpassungsfähigen Wechselkursbeziehung zueinander standen. Schwächeren Ländern könnte dabei eine größere Schwankungsbandbreite zugestanden werden als stabileren Volkswirtschaften.

Leitkurse anpassen

Nach Ansicht von Währungsexperte Belke hätte das den Vorteil, „dass man die Krisenländer so davon abhält, dauerhaft abzuwerten und die Auslandsvermögen der Kern-Euro-Länder wegzuinflationieren“. Damit das neue Währungsmodell funktioniert, müssten die Leitkurse der Währungen allerdings – anders als im ursprünglichen EWS-System – rechtzeitig angepasst werden, wenn es die wirtschaftliche Entwicklung in den beteiligten Ländern erfordert.

Die Sorge der Politiker, mit dem Platzen des Euro stünde die gesamte europäische Einigung und Integration auf dem Spiel, halten Experten für unbegründet. „Der Binnenmarkt mit der Freizügigkeit von Menschen, Waren und Kapital existierte schon vor dem Euro und ist von dessen Existenz unabhängig“, sagt Renate Ohr, Währungsexpertin an der Uni Göttingen. Die wahre Gefahr für die europäische Integration gehe vielmehr von dem krampfhaften Festhalten der Regierungen an der fehlkonstruierten Währungsunion aus. Auch wenn der alte Kontinent von einer Rückbildung der Währungsunion durch mehr Freiheit und Wachstum profitieren würde, gäbe es wohl einen Verlierer: die EZB. Sie würde weder bei der Rückkehr zu nationalen Währungen noch für eine neue Kern-Währungsunion benötigt.

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